Wer in Höhlen sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen - auch wenn es dort mehr als genug davon gibt. Den in Paris und Amiens lehrenden Historiker Enzo Traverso kümmert das wenig. In seinem aktuellen Buch "Im Bann der Gewalt" - laut Eigenwerbung eine radikal neue Analyse des kriegerischen Zeitalters zwischen 1914 und 1945 - setzt er schon auf den ersten Seiten zu einem beherzten Wurf an.
Ziel der Attacke: der Historiker Ernst Nolte. Traverso muss sich abgrenzen. Denn ähnlich wie sein Kollege in den 80er Jahren versucht er, die Jahre der beiden Weltkriege zu einem "europäischen Bürgerkrieg" verschmelzen zu lassen.
So verwundert es nicht, dass Traverso zunächst die Nase rümpft über das emeritierte Enfant terrible der Zunft. Noltes Grundkonzept, das den Faschismus als "Antimarxismus" begreift, hält er für zweifelhaft. Er geht sogar noch weiter: In Bezug auf die nationalsozialistische Vernichtungspolitik will Traverso bei Nolte einen "apologetischen Ansatz" erkannt haben.
Doch im Grunde sitzt Traverso in derselben Höhle wie Nolte. Genauer gesagt: in Platons Höhle. Denn bei seinem eigenen Versuch, die Kriege, Bürgerkriege und Revolutionen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf ein großes Panoramabild zu bringen, verhält er sich wie die geläuterten Protagonisten im Gleichnis des antiken Philosophen: Traverso erkennt hinter der Geschichte nicht die Wirkkraft des Faktischen, sondern sieht das Walten großer Geister und Ideen. Anders ist nicht zu erklären, dass der der trotzkistischen Partei LCR angehörende Historiker sein Untersuchungsgebiet durch schöngeistige Texte zu flankieren sucht.
Seine Grundthese - das "Zeitalter der Extreme" sei ein Kampf zwischen Revolution und Konterrevolution - hat er nicht der historischen Quellenforschung abgelauscht; sie stammt aus der Lektüre von Trotzki, Jünger und Carl Schmitt. Solch Hintergrundrauschen ist zum Verständnis einer Epoche wichtig. Den Casus Belli aber liefert es nicht. Dem linken Historiker ergeht es so wie dem attackierten Kollegen von rechts: Wo er historiographieren müsste, driftet er ab in philosophisches Plauschen. Dagegen wäre nichts einzuwenden, doch wer in Höhlen sitzt - zumal in ideologischen -, sollte sich zunächst genügend Luft und etwas Licht verschaffen.
Enzo Traverso: Im Bann der Gewalt. Der europäische Bürgerkrieg 1914 - 1945. Dt. v. Michael Bayer. Siedler Verlag 2008, 400 Seiten, 24,95 Euro.