Der Letzte hat es am schwersten. Wo hat es das aber auch schon einmal gegeben, dass einer prägenden intellektuellen Figur der frühen Bundesrepublik innerhalb kürzester Zeit gleich drei große Biografien gewidmet werden? Die erste dieser Biografien des Arztes und Psychoanalytikers Alexander Mitscherlich erschien im Frühjahr 2007; sie entstammt der Feder des Wissenschaftshistorikers Martin Dehli. Kurz danach kam der Neuhistoriker Tobias Freimüller mit einer weiteren Mitscherlich-Biografie auf den Markt. Rezensiert wurden beide Werke in der von Mitscherlich 1946/47 gegründeten Zeitschrift "Psyche", und zwar ausgerechnet von Timo Hoyer, der nun als Dritter und Letzter seine biografische Lesart von Mitscherlich vorgelegt hat.
Hier ist natürlich Zufall im Spiel. Dehli und Freimüller allerdings vermochten den kontingenten Umstand, dass sie beide gleichzeitig und unabhängig voneinander über denselben Gegenstand forschten, noch rechtzeitig so zu beeinflussen, dass sie die Schwerpunkte ihres Forschungsinteresses neu definierten: der eine sich auf die Zeit vor 1945 beschränkte (Dehli), der andere auf die Zeit nach 1945 (Freimüller), so dass sich die Überschneidungen in Grenzen hielten. Diese Möglichkeit war Hoyer verbaut. Er musste sich mit der undankbaren Aufgabe abfinden, all das noch einmal neu zu sagen, was Dehli und Freimüller längst gesagt und herausgefunden hatten.
Timo Hoyer: Im Getümmel der Welt. Alexander Mitscherlich - Ein Porträt. Vandenhoeck & Ruprecht 2008, 624 Seiten, 39,90 Euro.
Prüft man, wie er sich aus der Affäre gezogen hat, so fällt die Antwort zwiespältig aus. Fangen wir mit den Vorzügen dieser Biografie an: Sie ist flüssig und lesbar geschrieben und lässt die überaus facettenreiche Gestalt Mitscherlichs plastisch hervortreten. Anders als Dehli und Freimüller hält Hoyer sich nicht hauptsächlich an die Chronologie von Daten und Ereignissen, sondern entwirft sein Mitscherlich-Porträt im Sinne eines Puzzles, das sich aus vielen größeren und kleineren Fragmenten zusammensetzt: So steht der Arzt gleichberechtigt neben dem Psychoanalytiker, der Wissenschaftsorganisator neben dem Publizisten, der Hochschullehrer neben dem Homo politicus, der Bestsellerautor neben dem Mitgründer der Humanistischen Union. Hoyer versäumt nicht, die amerikanische Historikerin Edith Kurzweil zu zitieren, die Mitscherlich als diejenige "charismatische Figur" der Psychoanalyse neben Jacques Lacan bezeichnet hat, die in ihrer Ausstrahlung und ihrem Pioniergeist noch am ehesten an Freud herangereicht habe.
Wirklich Neues, das über die Befunde und Interpretationen von Dehli und Freimüller hinausgeht, findet man bei Hoyer freilich nicht, weil er sich die Chance hat entgehen lassen, eine Seite Mitscherlichs ins Licht zu rücken, für welche die beiden Konkurrenten wenig Interesse zeigen: die private Seite des Autors der "Vaterlosen Gesellschaft".
Immerhin war Mitscherlich dreimal verheiratet und Vater von sechs Kindern (worüber er sich in seiner Autobiografie "Ein Leben für die Psychoanalyse" komplett ausschwieg). Gern wüsste man auch Genaueres über Mitscherlichs Freundschaften, etwa mit Adorno und Habermas, ebenso über seine Leidenschaft für Ornithologie und für moderne Kunst. Hier hätte sich Hoyer ein weites Feld unbehelligten Forschens eröffnet.
Stattdessen greift er auf dieselben Themen und Quellen wie Dehli und Freimüller zurück, was zwangsläufig zu Redundanzen führt. Im Getümmel der Konkurrenz verliert Hoyer das rechte Maß, wenn er schreibt: "Martin Dehli und Tobias Freimüller haben begonnen, Quellen zu erschließen, die von der Geschichtswissenschaft allzu lange ignoriert in den Archiven schlummerten Das vorliegende Buch weist nur an wenigen Stellen ausdrücklich auf Übereinstimmungen oder Abweichungen in der Beurteilung von Leben, Werk und Wirkung Alexander Mitscherlichs hin." Das ist, mit Verlaub, starker Tobak. Denn keineswegs haben die genannten Autoren mit der Quellenerschließung "begonnen", vielmehr haben sie die Quellen erschlossen, und zwar bevor Hoyer sie angezapft hat. Genau genommen liegt der Fall eher umgekehrt: Hoyer hat sich der Biografien von Dehli und Freimüller als sekundärer Quellen bedient, ohne dies hinreichend kenntlich zu machen. Das lässt sich an einer Reihe von Beispielen leicht belegen.
Der Trick, diesen Sachverhalt zu verdunkeln, besteht darin, dass Hoyer in eher marginalen Punkten Übereinstimmungen (oder auch Differenzen) mit Dehli und Freimüller benennt, während er dort, wo er ganze Gedankengänge und -zusammenhänge von den beiden anderen übernimmt, dies mit Schweigen übergeht. Es hätte gutem wissenschaftlichem Brauch entsprochen, wenn Hoyer die Recherchen Freimüllers und Dehlis in seinem Buch angemessen gewürdigt hätte. So aber beißen den Letzten die Hunde.
Micha Brumlik hat kürzlich darauf hingewiesen, dass die jüngsten Irritationen um die ideen- und wirkungsgeschichtliche Einordnung Mitscherlichs auch mit seiner Rolle als Sympathisant der so genannten Konservativen Revolution in den dreißiger Jahren, das heißt mit seiner Nähe zu umstrittenen Figuren wie Ernst Jünger und Ernst Niekisch zu tun habe. Diese Nähe und die damit verbundene Prägung Mitscherlichs hat Dehli anhand der Quellen unmissverständlich herausgearbeitet und seiner Deutung der Gestalt Mitscherlichs einverleibt.
Eine solche Deutung gefällt offenbar nicht jedem, obwohl sie doch, bei Licht besehen, nichts Ehrenrühriges hat. Hoyer hat diese Klippe geschickt umschifft, indem er Mitscherlichs politische Haltung in den dreißiger Jahren als die eines allenfalls "gemäßigten Epigonen" der Konservativen Revolution charakterisiert und damit bagatellisiert. Mit dieser Lesart soll offenbar die "Reinheit" der Mitscherlich-Ikone bewahrt werden.