Zu den Dingen, bei denen der Krimi - als Film, als Buch - die Lebenswirklichkeit außer Kraft setzt, gehört das sozusagen abwaschbare Gemüt der Ermittler und oft auch der Hinterbliebenen. Brauch ist, dass den Kommissaren Woche um Woche oder Roman um Roman Tote vor die Füße purzeln - doch gleich sind sie wieder so fidel/witzig/mürrisch wie vor dem neuesten blutigen Fall.
Oliver Bottini, einer der wenigen deutschen Autoren, die in der Krimi-Oberliga spielen, durchbricht manches Klischee; die Teflon-Seele ist eines davon. Sehr zart, sehr einleuchtend beschreibt er nun in "Jäger in der Nacht", wie Thomas Ilic - Hauptkommissarin Louise Bonìs Lieblingskollege - zwar nach längerer Behandlung zurückkehrt in den Dienst, aber doch ganz offensichtlich nie mehr derselbe sein wird. Direkt neben ihm wurde ein Mensch erschossen, er braucht Antidepressiva und kann sich nicht lange konzentrieren.
Und der Fall, in dem er Louise Bonì nun zuarbeitet, ist schon deswegen heikel, weil bei der Hauptkommissarin bald der Groschen fällt, dass es nicht nur ein Informationsleck gibt, sondern es so sein könnte: ein Polizist ist zumindest beteiligt am Verschwinden einer jungen Frau. Und ein Junge musste offenbar sterben, weil er das Verbrechen zufällig entdeckte.
"Jäger in der Nacht" heißt der Roman etwas melodramatisch, auch könnte Oliver Bottini in allen seinen - bisher vier - Krimis zu böser Letzt mit dem ein oder anderen Toten weniger auskommen: Seine schreiberische Meisterschaft hält den Spannungsfaden allemal straff, ohne dass die Opferzahlen im schönen Breisgau so steigen müssten. Er weiß zu erzählen, hat ein feines Gehör für Dialoge, schneidet Szenen scharf gegeneinander. Vor allem aber sind eben seine Figuren plausibel - die "Guten" mit ihren Schwächen und Lebensverletzungen, die "Bösen" mit ihrem manchmal eher zufälligen moralischen Versagen.
Menschen in allen Charakterschattierungen gibt es bei Bottini. Diesmal bewegt besonders der junge Eddie, der noch nicht viele Chancen hatte - sie aber wohl auch nicht nützen würde. Weil er in seiner Familie kein Mitgefühl lernen konnte - der Vater prügelt, die Mutter ist feige -, trifft er eine miese kleine Entscheidung, die ihn das Leben kostet. Das Was-wäre-wenn ... führt hier zu besonders bitteren Schlüssen.
Oliver Bottini: Jäger in der Nacht. Scherz Verlag 2009, 336 Seiten, 14,95 Euro.