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"Katerina" von Aharon Appelfeld: Hier gilt keine Logik mehr

An den Wurzeln des Antisemitismus: Aharon Appelfelds lesenswerter Roman "Katerina" ist erst jetzt, fast 20 Jahre nach seiner Veröffentlichung, ins Deutsche übersetzt worden. Von Jürgen Verdofsky

Aharon Appelfeld  in Lyon, Mai 2010.
Aharon Appelfeld in Lyon, Mai 2010.
Foto: afp

Der Antisemitismus in Osteuropa war über Jahrhunderte allgegenwärtig, "klar wie das Schreien eines Wildesels, und manchmal wie die Worte eines derben Volksliedes". Seine einfachste historische Ausprägung: Uns geht´s schlecht und die Juden haben Schuld. Das Umschlagen aller Vorurteile in Gewalt, gefasst in dem russischen Wort Pogrom, vollzog sich als eine Begleiterscheinung von unerfülltem Leben.

Auch in der Bukowina, dem habsburgischen Kronland am Rande Europas, das nach dem Ersten Weltkrieg zu Rumänien kam und heute zur Ukraine gehört. Und das lange bevor der Faschismus dort die jüdische Welt auslöschte.

Das Buch

Aharon Appelfeld: Katerina. Roman. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Rowohlt Berlin, Berlin 2010, 254 Seiten, 19,95 Euro.

Wie fast alle hunderttausend Juden in der Bukowina erlebt auch der 1932 in Czernowitz geborene Aharon Appelfeld als Kind Ghetto und Lager, bevor er durch Flucht der vorbestimmten Vernichtung entrinnen kann. Der Todesschrei der Mutter, die auf der Straße erschlagen wurde, wird ihn nie verlassen.

Das "andere" Leben

In dem vor fast zwanzig Jahren geschriebenen Roman "Katerina", der erst jetzt in einer behutsamen Übersetzung von Mirjam Pressler auf Deutsch erscheint, erzählt Appelfeld von einem Antisemitismus, der auf einer falschen Bewertung anderen Lebens beruht. Wie Vorurteile sich in ihr Gegenteil verkehren können, wenn dieses "andere" Leben seine Fremdheit verliert, wird zur lebensbestimmenden Geschichte des ruthenischen Bauernmädchens Katerina. Sie flieht gegen Ende des 19. Jahrhunderts vor der gewalttätigen dörflichen Enge in die Stadt. Eine traditionelle Hausmädchen-Stellung kann sie aber erst einnehmen, als sie von einer Jüdin aus dem Halbdunkel eines Bahnhofsmilieus erlöst wird.

In einer jüdisch-orthodoxen Familie lernt Katerina nicht nur einen bis ins Letzte strebsamen Alltag, sondern auch Jiddisch als Sprache und den geschmähten Glauben kennen. Von diesem anderen Leben geht für Katerina eine wundersame Faszination aus. Sie erlebt konzentrierten Lebensernst und zivilisierte Freuden, spürt Zuneigung, ja, Eros. Katerinas Weg ist lang. Zerrissen zwischen Herkunft und Neigung, zwischen Unbedarftheit und Verständnis werden die verschiedenen Glaubensgewissheiten bedrängend.

Katerinas Anpassung an jüdisches Leben bleibt nicht unbemerkt, führt zu Ausgrenzung und Ächtung. Aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was Juden erfahren müssen. Unbekümmert werden Pogrome vom Zaun gebrochen - straflos. "An jedem Pessachfest wurde ein Jude ermordet, manchmal auch zwei." Nach jedem Pogrom bleibt der Mord in der Welt und die Mörder auch. Die Ordnung zeigt sich ungestört. Erst wird der Hausherr ermordet, später auch seine Frau. Katerina schützt die Kinder, will sie aufziehen, muss sie aber ins Ungewisse gehen lassen. Wieder bleibt ihr nur die Straße und das Wirtshaus, wieder rettet eine Jüdin sie aus dem Zwielicht.

Jetzt erwartet Katerina nicht nur ein säkulares jüdisches Leben, sie erfährt auch Schaffensdrang und Selbstzweifel einer namhaften Konzertpianistin. Das Hausmädchen wird zur Vertrauten, bis das prekäre Künstlerleben im Suizid endet. Zur dritten Station anderen Lebens wird für Katerina die Liaison mit einem erwerbslosen Juden, einem Trinker. Die kurze Liebe endet mit der Geburt eines Kindes. Es ist ein Hoffnungsakt, dem Neugeborenen den Namen Benjamin zu verleihen, ihn beschneiden zu lassen, ihm Jiddisch als Sprache zu geben.

Aber Katerina wird ihren Platz nicht finden, für alle Seiten hat sie eine Grenze überschritten. Der Tribalismus zeigt sich in seiner schlimmsten Form. Ein Mann aus ihrem Dorf, dem sie sich verweigert, erschlägt ihr Kind auf der Straße. Die Gegenwehr der Mutter wird zum Blutbad, das Gericht erkennt nicht auf Notwehr: Lebenslänglich für Katerina. Im Gefängnis erschrecken "nicht die Mauern, sondern die Gesichter".

Auch hier, wo jede Vorstellung von Zukunft fehlt, ist ein ungezügelter Judenhass markant. "Juden zu bestehlen sei ein besonderes Vergnügen, fast so gut wie ein Beischlaf." Als die Deportationszüge vorbeifahren, glauben fast alle Gefangenen, die Vernichtung der Juden brächte ihnen die Freiheit. Hier gilt keine Logik mehr. Katerina kann das alles nur mit dem Image einer Mörderin überstehen, innerlich aber findet sie Halt im jüdischen Glauben. 1945 kommt sie nach vierzig Jahren frei. Sie tritt in eine Welt ohne Juden, nur in ihrer Erinnerung sind noch welche verborgen.

Etwas viel für eine Romanfigur

Aharon Appelfeld erzählt in einem Stationendrama: Nichts ist so, wie der erste Blick des Vorurteils verheißt. Juden ächtet nur, wer sie nicht kennt. Der Roman versucht zum Menetekel der Judenhatz in der Figur der Katerina ein Gegenbild zu entwerfen. Ihre gegenläufige Assimilation liest sich in Teilen wie ein Leitfaden durch das rituelle jüdische Leben. Das ist mehr, als eine lebensnahe Romanfigur tragen kann. Der überzeugende Grundeinfall erodiert stellenweise zum Thesenroman.

In seinem späteren Werk gelingen Appelfeld Frauenfiguren anderen Formats - Blanka in "Bis der Tag anbricht" oder Mariana in "Blumen der Finsternis". Dennoch bleibt "Katerina" lesenswert. Die Wurzeln des Antisemitismus werden flagrant, auch wenn dabei gleich alle Lampen auf einmal aufleuchten.

Autor:  Jürgen Verdofsky
Datum:  19 | 6 | 2010
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