Ausgerechnet die alte Frau Posselt merkt, dass bei Judith etwas nicht stimmt: "Eine schöne Frau ist die Rapp, aber immer traurig, immer ängstlich. Gift im Essen, der tödliche Straßenverkehr, ein Winter ohne Schnee. Im Krieg haben solche es nicht geschafft."
Es sind stachelige Wahrheiten, die Anna Katharina Hahn ausspricht, ob es sich um den Betrug an der eigenen Seele handelt, den Seitensprung aus Frust oder den Bombeneinschlag der Erinnerung. Vor allem die Frauen dieses Romans leben neben sich; unter der Idylle lauert die Fratze von Zweifel und Unsicherheit, und Anna Katharina Hahn legt die Fratze systematisch, soghaft frei.
So systematisch, dass beispielsweise die alte Frau Posselt den über Nacht neben ihr verstorbenen Ehemann, ihren geliebten Wenzel aus Böhmen, stundenlang gar nicht als tot erkennt - und als es soweit ist, dass die Witwe endlich einen Schock erleidet, schickt die Autorin die beiden entlaufenen Mädchen von Leonie ans Bett des Toten, wo sie mit den beiden Söhnen von Judith zusammentreffen. "Mama, der Herr Posselt ist zum lieben Gott gegangen, und wir passen auf ihn auf. Dafür kriegen wir Süßis."
Anna Katharina Hahn ist eine Meisterin der Milieuschilderung. Die Stuttgarter Constantinstraße erscheint dabei wie ein Laboratorium. Hier laufen die Fäden zusammen. Von hier schwirren die betäubten Wünsche hinaus in die Welt, um ihr Unheil anzurichten; sie schwirren zum Leser irgendwo außerhalb Stuttgarts, auf dass dieser bemerke, dass Stuttgart überall ist.
Denn hier findet sich die (west)deutsche Einwanderergesellschaft in ihrem gefährlich trügerischen Mix konzentrisch zusammen gefasst, untermalt durch den Sound des schwäbischen Dialekts. Das ist kunstvoll gemacht, wie auch die Erzählweise selbst: ein sanftes Ineinander von auktorialer Perspektive und innerem Monolog. Eine Erzählerin, die es faustdick hinter den Ohren hat. Ihr Realismus ist radikal unnaiv und verteufelt liebevoll.
Anna Katharina Hahn:
Kürzere Tage.
Roman.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2009, 223 Seiten,
19,90 Euro.