Was macht ein junger Schriftsteller aus Ungarn, der nach dem Erscheinen seines ersten Buches an der Seite der Deutschen in den Zweiten Weltkrieg ziehen muss und bald, ebenso wie eine halbe Million Landsmänner, in sowjetische Gefangenschaft gerät? Er schreibt auf, was ihm seine Mitgefangenen erzählen.
István Örkény, der im Januar 1943 mit der Zweiten Ungarischen Armee gefangengenommen wurde und nach einem Monat in das Gefangenenlager von Tambow nahe des heute ukrainischen Charkow gelangte, kritzelte, was ihm erzählt wurde, mit einem Bleistiftstummel auf Tabaktüten, die er von den Russen bekam. Jedenfalls sagte dies der entlassene und zurückgekehrte Örkény der Zeitschrift Neues Ungarn, als diese 1947 mit dem Abdruck von "Das Lagervolk" begann.
Die Zeitschrift stellte das Buch als "Roman" vor. Viel eher aber ist "Das Lagervolk", dessen Titel an Gyula Illyés´ autobiographischen, sowohl dokumentarischen wie poetischen Bericht "Pusztavolk" (1936) erinnert, eine faszinierende Mischung aus (notwendigerweise) teilnehmender (Selbst-) Beobachtung und Soziologie. Der Suhrkamp Verlag legt es nun, leicht gekürzt, wieder als Roman vor, zusammen mit acht Protokollen von Gesprächen mit Gefangenen, die schon 1946 unter dem Titel "Woher wir kamen" von der ungarisch-sowjetischen Gesellschaft für Bildung herausgegeben wurden. Ein klug zusammengestellter Anhang erschließt die von Laszlo Kornitzer geschmeidig übersetzte und zudem wütend kommentierte Ausgabe dem deutschen Leser.
Örkény stellt sich mit dem Bericht und den schon 1946 erschienenen Gesprächsprotokollen dem Bankrott der ihm bekannten Welt. Seine Erfahrungen und die seiner Zeitgenossen, ob sie nun den Krieg, das Gefangenenlager, das Konzentrationslager, das Vernichtungslager oder den Archipel Gulag überlebt haben, sprengen die überkommenen Erzählformen. Daher sucht auch Örkény Rettung bei der Wirklichkeit. Er versucht, die der Lager möglichst genau in Worte zu fassen, um wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Er bezeichnet sich als "Chronist".
Das ist zumindest die halbe Wahrheit - Örkény, der später mit den "Minutennovellen" (deutsch 2002) eine neue Gattung erfinden und berühmt werden sollte, kann nämlich die Lust am Erzählen nicht verleugnen. Das lässt das Buch reizvoll zwischen Dokument und Fiktion changieren: Der nicht nur für den heutigen Leser höchst ungewöhnliche Einblick in den Alltag der ungarischen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion wirkt ungefiltert durch die ausführlich zitierten, oft genug absurden und meist leidvollen Lager- und Lebensgeschichten, bis Örkény dann das Material kommentiert und fortspinnt, mal sachlich, mal betulich (die Seele webe "sich mit dem seidenen Faden der Phantasie einen Kokon"). Oder Befragungen durchführt, um festzustellen, welche ungarischen Komponisten, welche ungarischen Dichter die Mitgefangenen überhaupt erinnern.
Vor allem aber zieht sich eine Behauptung durch das Buch: Die gefangenen Ungarn haben, so Örkény, eine leidvolle Entwicklung durchgemacht und den Faschisten in sich hinter sich gelassen. "Lagervolk" beschreibt die Kriegsgefangenschaft als Schmiede eines neuen Ungarn. Es ist ein groß angelegter Versuch, die Ungarn gegenüber den Siegern zu rehabilitieren.
Niemand erwarte daher ein ungarisches Pendant zu Herta Müllers Roman "Atemschaukel", der auf den Erinnerungen Oskar Pastiors an seine Jahre in sowjetischen Lagern beruht. Örkény muss, um zu tun, was er für nötig hält, über manches schweigen. Er bezeichnet zwar die Lage der Gefangenen als schlecht, lobt aber die Behörden für ihren Einsatz. Er nennt die vorgeschriebene tägliche Kalorienzahl und schweigt darüber, wie viele die Gefangenen tatsächlich erreichten. Außerdem fehlen in seiner Soziologie des Lagerlebens Lagerleitung, Wächter, angestellte Freie, also alle Sowjetbürger. Selbst Kriegsgefangene aus anderen Nationen werden nur kurz erwähnt.
Örkénys Thema sind fast ausschließlich die Ungarn und ihr nicht zu stillender Hunger, der vorbildliche Arbeitseinsatz der meisten und die Drückebergerei weniger, der Wunsch, in einer eigenen Legion an der Seite der Roten Armee zu kämpfen, das kulturelle Leben im Lager sowie die einschrumpfenden, verschwindenden Erinnerungen an die Heimat.
Trotz dieser Beschränkungen stieß "Das Lagervolk" auf Protest. Die Zeitschrift Neues Ungarn stellte den Abdruck nach einigen Ausgaben ein und brachte stattdessen einen "sogenannten Leserbrief", den Literaturnobelpreisträger Imre Kertész in seinem knappen Nachwort nun auf vernichtende Weise glossiert: "Dass er (Örkény) unempfindlich gewesen wäre für die Attraktivität der russischen Gefangenenlager, dass er die einzigartigen Schönheiten der russischen Gefangenschaft übersehen hätte, das ist natürlich nicht wahr."
Außerdem wagt sich Örkény an das "äußerst heikle Thema" der Judenfrage, und dieses Kapitel lässt den Übersetzer Laszlo Kornitzer einen wütenden Brief an den 1979 verstorbenen Autor schreiben. Örkény offenbare ein antisemitisches Weltbild, wenn er einer eben im Lager angekommenen Gruppe Juden, die sich sogleich nach dem Oberrabbiner erkundigt, ihre "kleinbürgerlich-philisterhafte Moral und ihre Gekränktheit" vorwerfe. Nicht einmal 1973 habe Örkény der Neuausgabe von "Das Lagervolk" eine Bemerkung über die Ermordung von mehr als einer halben Million jüdischer Ungarn hinzugefügt.