Systemrelevanz ist die Vokabel der Krise. Wem sie zugeschrieben wird, ist auf der sicheren Seite. Wo alles zu verschwinden droht, Geld, Tradition, Arbeitsplatz, verheißt das Attribut Systemrelevanz Aussicht auf Rettung. Während die ökonomische Dynamik das meiste gnadenlos mit sich reißt, wird verzweifelt nach Stabilisatoren gesucht, um das Ganze zu erhalten. Systemrelevanz ist ein optimistisches Wort. Es muss sie wohl geben, die Säulen sozialer Ordnung.
Systemrelevanz ist aber auch ein verdächtiges Wort. Es bleibt einer Logik verhaftet, in der es auf den Einzelnen nicht ankommt und nie wirklich angekommen ist. Schlechte Aussichten für alles, was keinen Platz unterm Relevanzschirm findet. A hard rain´s a-gonna fall.
Es mangelt nicht an Versuchen, die verantwortlichen Akteure der Finanzkrise ausfindig zu machen. Es muss sie gegeben haben, die Hasardeure an den Spieltischen des Casino-Kapitalismus ein Begriff, den die britische Politikwissenschaftlerin Susan Strange in kritischer Absicht übrigens schon 1997 prägte. Für den Berliner Soziologen Wolfgang Engler begann die Krise mit der Machtergreifung eines neuen Unternehmertypus: "des sozial frei schwebenden Finanzjongleurs. (...) Als Unternehmer ohne Unternehmen, ortlos, bindungslos, ist er stets auf der Suche nach unterbewerteten Firmen, die er unterwandern, oder nach kapitalbedürftigen Erfindern, die er samt ihren Ideen kaufen und verhökern kann. Die Objekte seiner Begierde sind ihm alle gleich, gleich lieb, sofern sie sich ad hoc verwerten lassen."
Man muss das derart beschriebene Berufsbild nicht sympathisch finden. Fraglos haben losgelassene Finanzinvestoren, die wir Heuschrecken zu nennen uns angewöhnt haben, in vielen Fällen Betrieben der herkömmlichen Ökonomie stark zugesetzt. Tatsächlich waren es aber gerade nicht die Hedgefonds und Private-Equity-Gesellschaften, die die Krise ausgelöst haben. Es hat vielmehr die Banken getroffen, mutmaßlich die in allen Volkswirtschaften am stärksten regulierten Unternehmen.
Soziologische Rekonstruktion
Wolfgang Engler würde wohl auch nicht behaupten, ein Buch zur Finanzkrise geschrieben zu haben, wie es der Untertitel "Aufrichtigkeit im Kapitalismus" zu implizieren scheint. Im Ansatz ist Englers Buch "Lüge als Prinzip" viel zurückhaltender. Die Banken- und Börsendesaster haben ein Bedürfnis hervorgebracht, sich Haltungen und Begriffen wie Demut und Anstand zu vergewissern. In diesem Sinne unternimmt Engler eine soziologische Rekonstruktion der Aufrichtigkeit. Weit davon entfernt, Mores in Zeiten der Krise zu predigen, entschlüsselt er den theologischen Kern der Aufrichtigkeit als Haltung vor Gott und ihren entlarvenden Impuls in den nachfolgenden bürgerlichen Revolutionen.
Indem Luther Gottes Wort übersetzte, fand er auch eine Sprache gegen den klerikalen Mummenschanz. Der Reformator kommt stets im Gewand demonstrativer Einfachheit daher, die auch der Trumpf des Dritten Standes in der französischen Revolution war. Was gegen das Machttheater des Adels nottat, "war ein kultureller Gegenentwurf, der der Verlogenheit auf ganzer Front den Krieg erklärte und der Wahrhaftigkeit zum Durchbruch verhalf. Die soziale Emanzipation des Dritten Standes hob mit der symbolischen Vernichtung der Kultur des Gegners an." Im Namen der Aufrichtigkeit vollzog sich also auch eine Kulturrevolution, ein früher Linguistic turn im gesellschaftlichen Kampf um Redezeit.
Engler spürt insbesondere den Ungereimtheiten nach, die sich aus der Forderung nach Aufrichtigkeit ergeben. "Nichts ist künstlicher, konstruierter als die pure Aufrichtigkeit, nichts ist anfälliger für Paradoxien, die den Zweck der Übung, sich geradlinig zu begegnen, konterkarieren." Vorsicht also vor Aufrichtigkeit als normativem Projekt.
Die zeitgenössische Gestalt der Aufrichtigkeit ist der Ruf nach Authentizität. Der unbedingte Wunsch, seiner inneren Stimme zu folgen, entlässt die Individuen nicht mehr aus dem Konzert der unentwegten Selbstoptimierung. "Authentizität, auf den Begriff gebracht, ist Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber. Der Weg geht nach innen; ihn zu beschreiten, erfordert Kühnheit, den Mut, loszulassen, sich fremd zu werden, zu verirren, vielleicht zu stranden. Das ist der Preis der Selbsterforschung, die es ernst meint, und zugleich ihr Reiz."
Die Lüge als Evolutionsmotor
Aufrichtigkeit sei ein Gebot der praktischen Vernunft, heißt es auf dem Buchrücken von "Lüge als Prinzip", als gelte es, einer neuen Aufrichtigkeit zu ihrem Recht zu verhelfen. Vor einer programmatischen Wiederbelebung des Begriffs schreckt Engler jedoch zurück. Ohne der Spur weiter nachgegangen zu sein, scheint er zu ahnen, dass viel mehr Aufrichtigkeit in sozialer Kommunikation schlummert als die Rede vom ethischen Niedergang vermuten lässt. Die Lüge als Prinzip zu entlarven, ist ohnehin ein groteskes Unterfangen. Es kommt vielmehr darauf an, die Lüge als Evolutionsmotor und soziales Schmiermittel zu beschreiben, wie es Claudia Meyer in ihrem Buch "Lob der Lüge" unlängst getan hat.
Engler bearbeitet indes das Unbehagen, dass beinahe jedes moralische Argument mit überheblicher Abgeklärtheit konfrontiert ist. Mit seiner Studie zur Aufrichtigkeit versucht er, zu einer Destabilisierung solcher Gegenreden beizutragen. Das ist im Kern bedenkenswert, reizt aber fast auf jeder Seite zum Widerspruch. Aufrichtigkeit dürfte auch künftig ebenso zu den kommunikativen Strategien gehören, wie sie eine anthropologische Konstante zu sein scheint. Die Hülle des Buchs ist dem Diktat zur Lüge geschuldet, dem sich Verlage schon lange nicht mehr entziehen können, obwohl die Kulturtechnik Lesen unbedingt systemrelevant ist für Demokratie und Gesellschaft.