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"Mit der Geschwindigkeit des Sommers": Eine gewisse Taubheit

Wie nähert man sich schreibend dem Freitod eines nahestehenden Menschen? "Vielleicht. Es scheint. Ich nehme an." Julia Schochs Ich-Erzählerin wiederholt diese Satzanfänge wie ein Mantra. Von Katrin Hillgruber

In ihrem Roman Mit der Geschwindigkeit eines Sommers nähert sich Julia Schochs Ich-Erzählerin dem Tod eines nahestehenden Menschen an.
In ihrem Roman "Mit der Geschwindigkeit eines Sommers" nähert sich Julia Schochs Ich-Erzählerin dem Tod eines nahestehenden Menschen an.
Foto: ddp

"Vielleicht. Es scheint. Ich nehme an." Wie nähert man sich schreibend dem Freitod eines nahestehenden Menschen? Julia Schochs Ich-Erzählerin beendet ihren Versuch mit diesen tastenden, stockenden Satzanfängen, die sie wie ein Mantra wiederholt. Die offenkundig mit den Theorien des Nouveau Roman vertraute Hinterbliebene ist am Ende dieser sich bedeutungsvoll zum "Roman" aufplusternden Erzählung nicht weitergekommen. Nach 150 Seiten erkennt sie: "Die Wahrheit ist anders." Nach dem Sommer 1989, in dem sich die Zeitgeschichte unversehens beschleunigt hatte, unternahm die ältere Schwester der Erzählerin ihre erste Auslandsreise.

Die Ehefrau und zweifache Mutter lässt die vorpommersche Kleinstadt ihrer Kindheit und Jugend hinter sich und brach zum ersten Mal alleine dorthin auf, wo die große weite Welt vor allem den Deutschen am imposantesten erscheint: nach New York. Sie verschwindet, so wie der Ort ihrer Kindheit nach der Wende, die hier "Revolution" heißt, verschwunden war. Der jüngeren, früh flügge gewordenen Schwester schreibt sie noch einen Brief. Darin erwähnt sie eine merkwürdige, sie berührende Begegnung mit einem New Yorker Passanten. Dann nimmt sie sich mit Schlaftabletten das Leben. Alle bleiben namenlos in diesem heftig zum Parabelhaften strebenden Text: die Erzählerin, ihre Schwester, deren Mann und deren Liebhaber, der nur "der Soldat" genannt wird. Auch der Ort seiner Stationierung in der Nähe des Stettiner Haffs wird nicht ausgesprochen Land

Es muss sich jedoch um die gespenstische Plattenbau-Garnisonsstadt Eggesin handeln, die in der DDR zum Symbol der verhassten Nationalen Volksarmee (NVA) schlechthin wurde: "Nach dem Krieg hatte der sozialistische Staat den Landstrich entdeckt, dieses dünnbesiedelte Land, dessen Nutzlosigkeit ein strategischer Vorteil war. Unter dem Grün des Pflanzendickichts ließ sich einiges verbergen, Panzer und Geschütze, eine halbe Armee, auch die Schüsse von Übungsgefechten verloren sich in der Weite dieser Ebene."

Julia Schoch, die 1974 in Bad Saarow bei Berlin geboren wurde, weiß, wovon sie spricht: Als Offizierstochter wuchs sie selbst in den "übereinandergestapelten Boxen" von Eggesin auf. "Wir haben später nie gesagt, wir würden von dort stammen", lässt sie ihre Protagonistin sagen: "Es ist etwas Seltsames an diesem Ort, an dem der Krieg so friedlich erscheint." Circa 900 Plattenbauwohnungen für Armeeangehörige wurden aus dem kargen Boden gestampft; mittlerweile entvölkert sich der Grenzlandstrich am Haff stetig.

Die Schwester kommt aus dieser seit 1989 entideologisierten Gegend nicht mehr weg, weder physisch noch mental. Dabei geht es rein äußerlich aufwärts: Ihr Mann erhält das einst enteignete Optikergeschäft seiner Familie zurück. "Sie waren ja noch jung, alles möglich", heißt es lapidar. Doch die Mittdreißigerin, früh geprägt von den formelhaften Utopieversprechen einer anderen Gesellschaftsform, kann sich der Demokratie nicht öffnen, ihr Leben nicht selbst in die Hand nehmen. Immer häufiger bricht sie ohne erkennbaren Grund in Tränen aus.

Paramiltärische Deckung

Julia Schoch, die mit "Der Körper des Salamanders" 2001 ein hochgelobtes Debüt vorlegte, scheint mit ihrem vierten Buch vor allem die Marxsche These illustrieren zu wollen, wonach das Sein das Bewusstsein bestimmt. In der Pflichtlektüre zur DDR-Jugendweihe "Weltall Erde Mensch" heißt es in der Ausgabe von 1970 über die volkseigenen Streitkräfte: "Der bewusste, denkende, gebildete, und diszipliniert der Sache des Sozialismus und dem werktätigen Volk ergebene Kämpfer - das ist das Bild des Soldaten der Nationalen Volksarmee." Dieses Ideal transponiert "der Soldat" offenbar für die Schwester in die neue Zeit. Als sie ihn nach vier Jahren wieder trifft, längst in Zivil, flammt ihre Affäre in ungewohnter Heftigkeit wieder auf. Das einstige heimliche Paar - der Ehemann ist längst ausgezogen - fährt wie früher ans Haff und liebt sich irritierend mechanisch in einem grässlichen Hotelzimmer. Das schildert die Lebensmüde der Erzählerin bei jenem letzten Anruf, den die - angestrengt abstrahierend - immer wieder rekapituliert: "Bald schon werde ich mich an meine Schwester nur noch in den Szenen und Gedanken erinnern, wie ich sie hier notiere: Erinnern ist eine Art zu vergessen." Eine gewisse Taubheit, die Taubheit des NVA-Stützpunktes Eggesin, hat dieses Buch affiziert. Die handelnden Figuren sind zu prototypisch gezeichnet, um wirkliches Interesse oder gar Anteilnahme zu wecken. Und trotz einzelner sehr treffender, beinahe lyrischer Beobachtungen bleibt die versierte Autorin und Übersetzerin Julia Schoch nicht zuletzt sprachlich in paramilitärischer Deckung.

Julia Schoch:

Mit der Geschwindigkeit des Sommers.

Roman. Piper Verlag, München 2009,

150 S., 14,95 Euro.

Autor:  KATRIN HILLGRUBER
Datum:  26 | 3 | 2009
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