Lebenshilfe-Bücher sind handlich und fügen sich formschön ins Ikea-Regal. Überhaupt würden sie, gäbe es unter Büchern Design-Modelle, zur Gruppe "Billy" gehören. Praktisch, günstig, aber irgendwie auch öde, wenn sie im Wohnzimmer die Wände füllen.
Den Münchner Comiczeichner und -autor Christian Moser nervte die Flut an Psychotiteln wie "Lass Dir nicht alles gefallen" oder "Everybody's Darling, everybody's Depp" augenscheinlich vor einigen Jahren so sehr, dass er eine Persiflage darauf in Angriff nahm. Das Ergebnis, sein Psycho-Kompendium "Monster des Alltags", erschien erstmals 2001, geht nun in seine dritte Runde und hat sich dem Stein des Anstoßes inhaltlich mitunter mehr angenähert, als seinem Verfasser lieb sein sollte.
Christian Moser:
Die teuflischen Tricks der Monster des Alltags, Carlsen-Verlag, Hamburg 2009, 144 Seiten, 12,90 Euro.
Im neuesten Band, einer Fülle von Ergüssen über "Die teuflischen Tricks der Monster des Alltags", setzt Moser nun fort, was ihm schon kurz nach der Jahrtausendwende eine kabarettaffine Fanschar bescherte. Das Buch mischt Elemente des psychologischen Lexikons mit verhaltener Satire und charismatischen Comic-Illustrationen.
Jede Doppelseite stellt ein so genanntes Monster vor - mit Bild, erläuterndem Text und Querverweisen auf weitere Monster. Monster, damit meinen Moser und seine Mitarbeiterin Carolin Sonner menschliche Launen und miese Eigenschaften, "psychische Parasiten" wie Eifersucht, Ungeduld, Fernweh und Hilflosigkeit, die ein Subjekt befallen und je nach Intensität bis zur Neurose traktieren können. An die Stelle von Es, Über-Ich oder falschen Verhaltensmustern setzen die beiden schlicht eine Reihe von Befindlichkeiten.
Natürlich weiß Moser, dass seine lustigen Ratgeber ohne jede Theorie von Gesellschaft und psychischem Apparat dastehen wie ein Forsthaus ohne Wald: so verloren wie jede Form von Küchenpsychologie. Und natürlich weiß er, dass der Mangel an Häme in seinen Lexikonartikeln aus der Persiflage längst ein halbwegs ernsthaftes Sachbuch werden ließ. So beschreibt Moser ein Monster namens Absturz ganz lakonisch als "Salonrevoluzzer", der beim "Karneval oder dem Oktoberfest ... hemmungslos seinen rebellischen Neigungen frönen kann, ohne dabei wirklich an den Fundamenten der Ordnung zu rütteln." Diese Erkenntnis trifft wohl zu, doch trägt sie uns weder in bisher unerforschtes seelisches Terrain, noch kommt beim Lesen mehr als ein Schmunzeln heraus. Dass, wie es heißt, einige Psychologen Mosers Monsterbücher wirklich für ihre Praxis nutzen, verdeutlicht nur, dass viele Therapeuten den Freud'schen Pfad längst in Richtung Positivismus und Geschwafel verlassen haben.
In den Texten liegt Mosers Witz also auch in Band 3 nicht - vielmehr entzücken seine verschrobenen Monster-Konterfeis. Die haben das Comichaft-Freche der früheren Bände zwar durch eine gewisse ikonographische Würde ersetzt, dafür beweist Moser aber mit der Liebe zum Detail, dass sein Genie im Bilde steckt und nicht im Wort. Dem Monster Langeweile etwa, einer Dame mit Kamelfüßen und Schlafzimmerblick, hat er Aerobic-Stulpen verpasst. Seine Sehnsucht versucht sich mit der Leier in der Hand an bardenhafter Poesie und seine Kennerschaft ist ein missmutiger Grünling mit Fliege, Künstlerschal und Weinglas in der Hand. Das ist Erkenntnis in satten Farben.