Lamya Kaddor lächelt den Betrachter an. Für das Coverbild ihres Buches "Muslimisch. Weiblich. Deutsch!" hat sie sich dezent geschminkt und das schulterlange Haar glatt gekämmt. Auf konservative Muslime mögen Titel und Foto provokant wirken, doch das ist nicht Kaddors Absicht.
Sie möchte vielmehr Einblick in die Religion geben, der sie sich verbunden fühlt. Als fromme Muslima hat sie es nämlich satt, dass hierzulande "selbst ernannte Islamexperten" - wie etwa Necla Kelek und Seyran Ates - "den" Islam ohne entsprechende theologische Kenntnisse kritisieren.
Lamya Kaddor: Muslimisch, Weiblich, Deutsch! Mein Weg zu einem zeitgemäßen Islam. Verlag .H.Beck, München 2010, 206 Seiten, 17,90 Euro.
Kaddor nähert sich ihrem Thema aus der doppelten Perspektive der Gläubigen und der Islamwissenschaftlerin. Die Tochter syrischer Einwanderer, die in einer westfälischen Stadt zur Welt kam und aufwuchs, beschreibt ihre religiöse Sozialisation, indem sie aus dem Familienleben erzählt. Die 32-Jährige schildert ihren ganz persönlichen Weg zum Islam und gewährt Einblick in ihr spirituelles Verhältnis zu Gott, gibt also auch Intimes preis.
Dieses "Sich-Entblößen" beruht aber nicht auf einem Selbstdarstellungsbedürfnis, sondern darauf, dass sie die Debatte über den Islam nicht den Verbänden und den Kritikern überlassen möchte. Für letztere, so Kaddor, "kann es keine weltoffenen, aufgeklärten Muslime geben. Nach ihrer Logik kann sich ein gebildeter Mensch nur vom Islam abkehren. Das heißt also: Ich existiere nicht". Der spirituelle Aspekt komme in der ganzen Diskussion nicht vor, also all jene Menschen nicht, die fromm seien, ohne ideologisch zu sein.
"Ich kann den Koran mit dem Verstand einer Wissenschaftlerin und mit dem Herzen einer Gläubigen betrachten", stellt Kaddor klar und kritisiert Islaminterpretationen, die beispielsweise mit der Unterdrückung der Frau einhergehen. Kritik übt sie mit dem Wissen einer versierten Expertin und aus der Position der Gläubigen, die einen positiven Bezug zu ihrer Religion hat. Und gerade deswegen ruft Kaddor denn auch zur innerislamischen Diskussion darüber auf, wie der Islam zeitgemäß zu leben ist und was an dieser Religion einer Reform bedarf.
Kaddor nimmt sich bestimmte Suren vor, etwa die zur Verhüllung der Frau, betrachtet sie im Zusammenhang mit ihrer Entstehungszeit und geht der Frage nach, wie diese Passagen heute interpretiert werden könnten und müssten. Das Kopftuchtragen ist für sie "obsolet", "das koranische Gebot der anständigen Bekleidung, die die körperlichen Reize bedeckt", ist ihr hingegen wichtig, wobei sie es nicht Männern überlassen will zu definieren, was anständig und sittlich ist.
Zum Ende des Buches stellt Kaddor klar, dass der Islam von verschiedenen Seiten instrumentalisiert werde und dass deutlich zu machen sei, "dass nicht, der Islam an sich das Problem ist, sondern die Art und Weise, wie er ausgelegt wird".