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Literatur

24. März 2009

"Negative Diskriminierung": Im Abschiebungsraum

 Von ROLF WIGGERSHAUS
Jugendliche proben die Revolte im November 2005 in der Pariser Vorstadt.  Foto: dpa

"Liberté, égalité, fraternité, mais pas dans les cités" skandierten 2005 aufständische Jugendliche in Paris. Der Soziologe Robert Castel erklärt in seinem Buch, warum Banlieus Abschiebungsräume sind.

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Marche pour l'égalité" nannte sich der Zug von Vorstadtjugendlichen, die im Winter 1983 zu Fuß von Marseille über Lyon nach Paris marschierten. Er begann mit einer Handvoll Immigrantenkindern aus dem Hochhausviertel Les Minguettes in Venisseux, wo 1981 die ersten "Jugendkrawalle" ausgebrochen waren. Er endete als ein sternförmiger Marsch von Zehntausenden, die nach Paris strömten.

In Frankreich geborene und aufgewachsene Kinder vor allem maghrebinischer Einwanderer forderten angesichts eines explodierenden Rassismus in Zeiten zunehmender Arbeitslosigkeit und des politischen Durchbruchs des Rechtsradikalen Jean-Marie Le Pen Gleichbehandlung und Integration.

Mehr als zwei Jahrzehnte später, im Herbst 2005, war bei den nächtlichen Unruhen in französischen Trabantenstädten immer wieder auch der Slogan zu hören: "Liberté, égalité, fraternité, mais pas dans les cités". Eine zweite und dritte Generation in Frankreich geborener und aufgewachsener Vorstadtjugendlicher sah sich angesichts eines deregulierten und entsolidarisierenden Kapitalismus nicht nur um die Erfüllung der Versprechen der französischen Republik betrogen, sondern auch ohne Hoffnung für die Zukunft.

Stattdessen haftete und haftet ihnen wie ein Mal das Etikett "mit Migrationshintergrund" an, das nüchtern und sachlich klingt, aber die Einwanderersituation gewissermaßen erblich macht. Warum, so fragt der französische Soziologe Robert Castel in seinem jüngsten Buch, diese nicht nachlassende Härte des Einwandererschicksals bei den Enkeln und Urenkeln einstiger maghrebinischer und subsaharischer Einwanderer? Wieso dieser Unterschied zur unproblematischer ablaufenden Integration anderer Immigranten? Was spielt sich da ab?

Auf der Suche nach einer Antwort auf diese Fragen verbindet Castel eine Analyse der sozialen Situation revoltierender Vorstadtjugendlicher mit der Darlegung des Selbstbildes und der Vorurteilsstrukturen einer Gesellschaft mit kolonialer Vergangenheit und voller Unwillen, sich offen dem Problem ihrer strukturellen Ungerechtigkeit und ihrer Missachtung der eigenen Normen zu stellen.

Nach dem Ende des wirtschaftlichen Nachkriegsaufschwungs und einer relativen Vollbeschäftigung wurden die "Grands Ensembles", die Hochhaussiedlungen und Trabantenstädte der dreißig "goldenen" Nachkriegsjahre, zu Orten sozialen Abstiegs mit einem dreimal so hohen Anteil prekär Beschäftigter, Arbeitsloser und Empfänger staatlicher Transferzahlungen wie die französische Gesellschaft insgesamt.

Der Migrantenanteil wirkt sich als zusätzliche Benachteiligung aus. "Die Vorstadt als Randzone", so Castel, "ist ein Teil der heutigen sozialen Frage, die sie aber gleichzeitig dramatisiert, indem sie ihr eine ethnisch-rassische Konnotation verleiht." Darin sieht er gleichzeitig die Erklärung für den auffälligen Umstand, dass im Unterschied zu den Nachfahren "westlicher" Immigranten die Nachfahren "südlicher" Immigranten gewissermaßen in einem "Abschiebungsraum" festgehalten werden, "weder drinnen noch draußen" sind - Jugendliche "mit Migrationshintergrund", und das heißt "südlichem" Migrationshintergrund bleiben.

Sie dienen einer Ethnisierung der sozialen Frage, haben dadurch eine entscheidende Bedeutung für die Funktionsweise einer ungerechten und krisenhaften Gesellschaftsstruktur und haben eben den ,Nutzen', den, wie Castel in einem knappen historischen Rückblick vergegenwärtigt, auch früher die "gefährlichen Klassen" hatten.

Einst waren die Landstreicher die Sündenböcke für die grundlegenden Fehler der Arbeitsorganisation in den vorindustriellen Gesellschaften. Nach der Durchsetzung der industriellen Lohnarbeit waren es die Proletarier, die als unentbehrliche Faktoren kapitalistischen Wirtschaftswachstums physischer Ausbeutung und sozialer Missachtung ausgesetzt waren. Heute werden revoltierende Vorstadtjugendliche "zu Trägern und Hauptakteuren der Ausbreitung einer für uns alle bedrohlichen Unsicherheit" gemacht - einer zunehmenden öffentlichen und sozialen Unsicherheit, die in Wirklichkeit wesentlich mit einer deregulierten und globalisierten Wirtschaft, Abbau des Sozialstaats, Abstiegsangst und Perspektivlosigkeit zusammenhängt. Mit der Verschiebung innergesellschaftlicher Konflikte an die Ränder geht eine Verengung der Unsicherheitsproblematik auf die öffentliche Sicherheit und damit auf ein Problem der Kriminalität einher, für das letztlich die Polizei zuständig ist.

Castels Analyse und Interpretation erlauben zweierlei. Zum einen eine angemessene und nüchterne Sicht auf eine republikanische Rhetorik, die einer bestimmten Kategorie von Bürgern "mit Migrationshintergrund" den Part der "gefährlichen Klasse" zuweist und aus Kriterien der Anerkennung als volle und in jeder Hinsicht gleichberechtigte Staatsbürger Instrumente des Ausschlusses und der Abwertung von Differenzen macht. Sie verweist zum anderen auf das eigentliche Problem und die eigentliche Herausforderung nicht nur der französischen Gegenwartsgesellschaft: "Das republikanische Modell muß beweisen, dass es sich nicht auf die Form reduziert, die einer weitgehend monoethnischen, monokulturellen und monoreligiösen Gesellschaft entsprach."

Robert Castel: Negative Diskriminierung. Jugendrevolten in den Pariser Banlieues. A. d. Frz. v. Thomas Laugstien. Hamburger Edition 2009, 122 S., 15 Euro.

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