Für den bundesdeutschen Leser hat Melinda Nadj Abonjis Roman „Tauben fliegen auf“ gleich zwei fremdartige Aspekte: Der eine ist die Herkunft der Erzählerin (und der Autorin), die aus der serbischen Vojvodina stammt und dort zur ungarischen Bevölkerung gehört. Nein, sie versteht kein Serbokroatisch.
Der andere ist die Schweiz, wo sie, ihre Schwester und ihre Eltern jetzt leben. Ildiko, so heißt sie, berichtet, wie die Eltern den Einbürgerungstest erst im zweiten Anlauf bestehen. Nein, das macht sie immer noch nicht zu Schweizern. „Die Schweizer müssen erst noch mal abstimmen über uns“, erklärt der Vater, und wer das für einen bitteren Scherz hält, weiß nichts über Schweizer Einbürgerungsgesetze. Bei der Abstimmung – jeder kennt hier jeden – gibt es auch ein paar Gegenstimmen, dann einen kleinen Tumult, weil es auch Schweizer gibt, die mit einem solchen Verfahren Probleme haben.
„Tauben fliegen auf“ – als kleiner Überraschungscoup unter den letzten sechs Nominierten für den Deutschen Buchpreis – ist ein vielseitiges Buch, ohne viel Platz dafür zu benötigen. Die Ich-Erzählerin ist lebhaft und ihre Geschichte konkreter und ertragreicher, als der ein wenig flaue Titel vermuten lässt. Viel Zeit zum Reflektieren hat sie nicht (nicht, dass man das vermissen würde, hier spricht alles für sich). Ildiko mag es, in Halbsätzen einen Moment treffend zu erfassen wie mit einer Kamera. Wenn die Familie den Zuschlag für ein Café feiert: „Vater, der sagt, dass es garantiert auch nicht geklappt hätte, wenn wir keine Schweizer wären!, und unser Leumund nicht topp tipp wäre, meint Mutter.“ Wenn die Gäste des Cafés abfällig über „Balkanesen“ schwadronieren, während Ildiko aus Serbien sie bedient: „Herr Pfister, der jetzt irgendwas merkt, bei Ihnen, das ist ja etwas anderes, Sie sind ja schon eingebürgert und kennen die Sitten und Gepflogenheiten unseres Landes.“ Abonji, Jahrgang 1968 und selbst als Kind in die Schweiz gekommen, lässt Ildiko vor allem aus den achtziger und neunziger Jahren berichten. Es gibt aber auch bedrückende Rückblenden ins Jugoslawien Titos, die Ildikos Erinnerungen an das Idyll ihrer frühesten Kindheit relativieren. Dass manche Schweiz-Szene übrigens fast exotischer wirkt, ist die Ironie der Rezeption: Geschichten aus dem Totalitarismus sind uns vertrauter als Geschichten aus der direkten Demokratie.
Zwischen Fleiß und Fatalismus
Die Familie Kocsis, um die es hier geht, sucht in der Gegenwart des Romans die Balance zwischen Fleiß und Fatalismus. Zu Beginn des Buches können die Eltern das kleine Café übernehmen. Am Ende ist Ildiko ausgezogen in eine winzige Wohnung in unmöglicher Lage, und doch geht davon Optimismus aus. Auch von einer liebevollen Familie muss man sich wohl befreien. Dazwischen zeigt sich der Einzelne als Spielball des Kollektivs. Unter Tito droht ihm das Arbeitslager. In der Schweiz muss er sich als „Schissusländer“ beschimpfen lassen. Während in der Heimat ein neuer Krieg angefangen hat und von den Verwandten über Wochen jede Nachricht fehlt, wissen im Café mit dem weltläufigen Namen Mondial alle genau Bescheid. „Der Balkan ist eine einzige Krise, Herr Tognoni bestellt ein grosses Frühstück ohne Konfitüre, dafür mit Drei-Minuten-Ei, der Balkan ist aber keine Einheit …“. Unterdessen gilt es, gewaltige Mengen von Milchschaum herzustellen. Das sind Dinge, die sich schwer miteinander in Verbindung bringen lassen. Ildiko ist aber daran gewöhnt.
Vom „halbierten Leben“ spricht sie und meint ihr Rüschenblusen-Dasein im Café und die rare Freizeit, die sie gerne mit ihrer Schwester in der Alternativen-Szene der nahen Stadt verbringt. Dabei ist bereits eine Hälfte in der Vojvodina geblieben. Die Schärfe der Trennung wird Ildiko klar, als sie überlegt, dass keiner ihrer jugoslawischen Verwandten im Mondial arbeiten könnte. Allein ihre Zähne sind viel zu schlecht. „Die Schweizer sind so was nicht gewohnt.“
„Tauben fliegen auf“ ist eine teils ergreifende, jedenfalls nie sentimentale Familiengeschichte, aber ebenso ein Roman über die Anpassungsfähigkeit des Menschen. „Obwohl ich im Inserat ,Schweizerinnen bevorzugt‘ geschrieben habe, haben sich ausschliesslich Ausländerinnen gemeldet (ich, die es geschrieben habe, denke an uns, an die Familie Kocsis, was es bedeutet, wenn wir Schweizerinnen bevorzugen. Nichts. Es bedeutet nichts, es ist einfach so, sagte ich mir.)“ Ildiko ist in Eile. Der Leser aber soll und wird darüber ins Nachdenken geraten, und so weit weg ist die Schweiz nun wieder nicht.
Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf. Roman. Jung und Jung, Salzburg und Wien 2010, 315 Seiten, 22 Euro.
Die anderen nominierten der Shortlist 2010:
Jan Faktor ist ein tschechisch-deutscher Schriftsteller und Übersetzer. Er war von 1973 bis 1978 Operator und Programmierer an einem Prager Rechenzentrum. 1978 übersiedelte er in die DDR. Er arbeitete dort als Schlosser und Kindergärtner und engagierte sich bereits frühzeitig in der Untergrund-Literaturszene. Im Jahre 1989 war Faktor Mitarbeiter des Rundbriefs des Neuen Forum, später Mitarbeiter der Zeitung Die Andere.
Sein Roman "Georgs Sorgen um die Vergangenheit" wurde 2010 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert und ist nun auch nominiert für den Deutschen Buchpreis.
Thomas Lehr wurde am 22. November 1957 in Speyer geboren. Er studierte 1979 bis 1983 in West-Berlin Biochemie und war danach zunächst als Programmierer an der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin tätig, ehe er freier Schriftsteller wurde. Er lebt in Berlin.
Lehrs bisheriges Hauptwerk Nabokovs Katze (1999) trägt deutlich autobiographische Züge und erzählt über einen Zeitraum von 25 Jahren die erotisch-obsessive Beziehung des Helden Georg zu seiner Muse Camille.
Für den Deutschen Buchpreis 2010 nominiert: "September. Fata Morgana".
Doron Rabinovici, 1961 in Tel Aviv geboren, lebt seit 1964 in Wien. Er ist Schriftsteller, Essayist und Historiker.
Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2010: "Andernorts"
Peter Wawerzinek wurde unter dem Namen Peter Runkel 1954 in Rostock geboren. Er wuchs in verschiedenen Heimen und bei verschiedenen Pflegefamilien auf. Seit 1988 betätigt er sich neben vielem anderen als freier Schriftsteller, Regisseur, Hörspielautor und Sänger.
Für den Deutschen Buchpreis 2010 nominiert ist sein Roman "Rabenliebe".
Judith Zander wurde 1980 in Anklam geboren und lebt in Berlin. Sie studierte Germanistik, Anglistik und Geschichte in Greifswald und anschließend am Literaturinstitut in Leipzig.
Vorgeschlagen für den Deutschen Buchpreis: "Dinge, die wir heute sagten"
Der Deutsche Buchpreis 2010 wird am Montagabend , 4. Oktober, in Frankfurt am Main bekanntgegeben und verliehen. Die Mitglieder der Jury sind: Jobst-Ulrich Brand, Redakteur im Ressort Kultur des Focus, Julia Encke, Feuilletonredakteurin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Thomas Geiger, Literarisches Colloquium Berlin, Ulrich Greiner, Feuilletonredakteur der ZEIT und Herausgeber des ZEIT-Literaturmagazins, Burkhard Müller, Feuilletonjournalist bei der Süddeutschen Zeitung, Ulrike Sander, Osiandersche Buchhandlung, Tübingen, Cornelia Zetzsche, Literaturredakteurin beim Bayerischen Rundfunk.