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Literatur

13. Juli 2012

"Shades Of Grey": Alice Schwarzer verteidigt Porno-Bestseller

Alice Schwarzer verteidigt den Erotikroman "Shades Of Grey. Geheimes Verlangen" über eine sadomasochistische Beziehung gegen Pornografievorwürfe.  Foto: dapd

Ein Sadomaso-Roman zieht Millionen Menschen in seinen Bann. Muss eine Feministin da nicht ausflippen? Nein, sagt Alice Schwarzer und erklärt, warum sie das Buch gut findet.

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Frau Schwarzer, wie fällt Ihr Urteil über „Shades Of Grey“ aus?

Das ist kein Sadomaso-Roman, es ist ein Liebesmärchen nach vertrautem Muster: Charaktervolle junge Frau begegnet Traumprinzen. Der kommt nicht auf dem Schimmel geritten, sondern im Hubschrauber geflogen und hat nicht nur strahlende, sondern auch dunkle Seiten. Aber auch das ist ja ein Klassiker.

Wie erklären Sie sich das große Interesse vor allem von Frauen am Thema Sadomasochismus? Was fasziniert ansonsten selbstständige Frauen an der Vorstellung, sich einem Mann mit Haut und Haar zu unterwerfen?

Der Traumprinz verfällt der Wachgeküssten genau so wie sie ihm. Er ist ritterlich, fürsorglich und ein fantastischer Liebhaber - solange er es nicht übertreibt. Denn da ist diese dunkle Seite, die er mit ihr ausleben will. Diese dunkle Seite ist, das erfahren wir früh, das Resultat einer schweren Kindheit.

Und die verliebte Frau will den armen Mann retten. Wie gewohnt. Sie lässt sich zwar ein Stück reinziehen in sein Universum, doch sie verlässt ihn, als es wirklich ernst wird. Sie unterwirft sich ihm letztendlich eben nicht. Und genau das macht wohl die Faszination für die Millionen Leserinnen aus: Das Spiel mit dem Feuer, das sie selber löschen können.

Bedeutet ein Buch wie „Shades Of Grey“ einen Rückschlag für die weibliche Emanzipation? Oder können derartige sexuelle Fantasien durchaus mit einem emanzipierten Leben vereinbar sein? Muss man sich heimlich schämen, wenn man das Buch mit Freude gelesen hat?

Sexuelle Scham ist immer falsch. Wir wissen seit langem, dass es den traditionell weiblichen Masochismus gibt. Er ist der Versuch der Seele, real erlittene Erniedrigung und Schmerz umzumünzen und lustvoll zu besetzen. In ihrem Unterhaltungsroman spielt die 49-jährige E.L. James mit diesen Fantasien, aber entlässt ihre 21-jährige Anastasia letztendlich jedoch als Herrin der Lage aus der gefährlichen Liebschaft.

Warum sollte das ein Rückschlag für die Emanzipation sein? Eine Frau schreibt über männlichen Sadismus - denn der ist das eigentliche Thema! - und über ihre weiblichen Fantasien. Das ist eher emanzipiert. Denn zwischen Fantasie und Realität liegen Welten. Hinzu kommt: Die Protagonistin dieses Romans möchte ihre Fantasien keineswegs ausleben. Sie tut es nur ihm zuliebe - und zieht dann die Reißleine.

Sehen Sie mit dem Roman eine neue Stufe pornografischer Literatur erreicht?

Dieser Unterhaltungsroman ist das Gegenteil von Pornografie, in der der Sex entpersonalisiert ist. Es geht darin um eine Frau und einen Mann, ihre Geschichte, ihre Gefühle, um Liebe. Die Frau wird nie zum passiven Objekt degradiert, sondern bleibt denkendes und handelndes Subjekt.

Besteht Ihrer Ansicht nach eine Gefahr, dass Leserinnen durch die Lektüre angeregt werden, sich leichtfertig in möglicherweise gefährliche Situationen zu begeben?

Nein, vielleicht sogar das Gegenteil. Die Leserinnen können lernen, mit ihren Fantasien angstfrei und spielerisch umzugehen. Denn Christian, unser charmanter Sadist, tut nichts gegen den Willen von Anastasia. Dennoch: Eine dauerhafte Unterwerfung im Bett greift selbstverständlich auf das ganze Leben über.

Doch sind aktive Sadomasochisten eine extreme Minderheit, „eine Prozentzahl hinter dem Komma“, wie der Sexualforscher Gunter Schmidt sagt. Der gelebte Sadomasochismus ist allerdings eher ein Medienhype. Er ist die Reaktion gewisser Männer auf die erstarkende Emanzipation der Frauen. In einer Welt, in der immer mehr Frauen in die Chefsessel drängen, imaginiert so mancher verunsicherte Mann und Hausherr sich Frauen eben lieber auf allen Vieren als im aufrechten Gang.

Wie bewerten Sie den Umstand, dass die Autorin den SM-Inhalt ihrer Bücher weitgehend im Internet recherchiert hat? Ist dies in Ihren Augen fahrlässig oder fällt das in die künstlerische Freiheit einer Schriftstellerin?

Es ist durchaus legitim, dass die Autorin die Details der Sadomaso-Spielchen im Internet recherchiert hat. Bei ihr selber spielt sich das alles vermutlich ebenfalls eher in der Fantasie ab. E.L. James, mit dem zivilen Namen Erika Leonard, hat bis zu ihrem Weltbestseller als TV-Produzentin gearbeitet, ist Mutter zweier Söhne und verheiratet. Ihrem Mann, einem Drehbuchautor, dankt sie im Anhang des Buches für seine „göttlichen Qualitäten im Haushalt“. Wenn das nicht sexy ist…

Die Frage stellte Nina Jerzy (dapd)

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