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"Shortlist-Autoren: "Das Leben ist zu kurz für Unterhaltung!"

Es gibt Veranstaltungen, denen die Zumutung schon strukturell eingeschrieben ist. Das muss nicht schlecht sein - oder wie es ein Literaturfreund am Samstag bei der fünfstündigen (!) Lesung der Autoren, die es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft haben, im Literaturhaus Frankfurt formulierte: "Das Leben ist zu kurz für Unterhaltung. Ich will gefordert werden."

Doch will man das wirklich, wenn die Sonne spätsommerlich über den Main scheint? Will man da ab 18 Uhr drinnen im Literaturhaus sitzen und Dietmar Dath, dem ersten der "Sechs", zuhören, der aus seiner avancierten Sci-Fi-Fabel "Die Abschaffung der Arten" liest? Denn da kann Dath seine Fabelwesen noch so virtuos vor platten Allegorien retten, und im Gespräch mit Moderatorin Felicitas von Lovenberg einen grandiosen Überbau präsentieren: Schöner als seine schönste Fabelgestalt wäre doch jetzt eine reale Ratte auf einer Mainbrücke, im Abendlicht.

Nach Daths Lesung ist es fast 19 Uhr, die Sonne sinkt, man könnte jetzt auch "ganz normal" zuhause sein und Sportschau gucken. Aber man ist immer noch im Literaturhaus und hört Iris Hanika. Die liest aus ihrem Berlin-Roman "Treffen sich zwei" eine Szene, in der sich die Protagonistin hochneurotisch und der Protagonist angenehm unneurotisch verhält, führt so das überspannte Künstler-Personal der klassischen Berlin-Geschichten gegen die Welt der - genau - "Normalen" ins Feld. Moderatorin Lovenberg fragt daraufhin, ob der Mann nicht etwas "einfach" gezeichnet sei. Die Autorin sagt: "Ich finde den Mann gar nicht einfach, ich finde ihn einfach nen Mann." Das schwereversessene Publikum goutiert diese Einfachheit.

Als die anschließende Pause vorbei ist, ist es 19.50 Uhr, und der Schweizer Rolf Lappert, der jetzt eigentlich "dran" wäre, ist leider grad in Lettland unterwegs (Vielleicht ist das auch nur eine Schutzbehauptung und er guckt heimlich Sportschau). Deshalb liest der Schauspieler Jochen Nix aus Lapperts Roman "Nach Hause schwimmen", was angenehm ist, weil Nix gut liest und das Buch, das die Geschichte des vom Schicksal schwer gemobbten Bruce-Willis-Fans Wilbur beschreibt, eingängig ist, ein "Liebling der Buchhändler" eben, wie der nun moderierende Alf Mentzer bemerkt.

Auf den Liebling der Buchhändler folgt der Liebling der Kritik: Es ist inzwischen 20.40 Uhr, man könnte jetzt auch mit kulturfernen Menschen beim Bier sitzen, vielleicht solchen, die nicht gänzlich kulturlos sind, denen zum Thema Deutscher Buchpreis immerhin etwas einfiele, z.B.: "Da hat doch auch einer so ein 1000-Seiten-Brett geschrieben." Ob man aber nun tatsächlich Auszüge aus diesem Brett - Uwe Tellkamps "Turm" - hören muss, scheint fraglich ("Gratig wie eine Karstlandschaft" - wenn es schon so losgeht!). Was dann passiert, erstaunt: Tellkamp ist wunderbar, nicht nur, wie er in der ausgewählten Szene aus einem Musikzimmer des im DDR-Alltag eingekapselten Dresdner Bildungsbürgertums eine Welt entfaltet, auch, wie er diese Welt im Gespräch erläutert. Ein bisschen wird klar: Wenn der Preis am 13. Oktober im Römer verliehen wird, kann es eigentlich nur einen geben.

Nach der Sensation Tellkamp ist die Luft dann auch in dramatischer Weise raus: Es ist 21.56 Uhr, man könnte eigentlich bald ins Bett gehen, und viele tun das tatsächlich, so dass der dritte Moderator des Abends Gerwig Epkes und der deutsch-kurdische Autor Sherko Fatah vor gelichteten Reihen agieren müssen. Sie tun es souverän, wobei die Lesung aus Fatahs Roman "Das dunkle Schiff" ein wenig vorbeirauscht, auch, weil eine der vom Autor ausgewählten Szenen zum großen Teil der Monolog eines Gotteskriegers ist. "Hätten Sie jetzt noch 70 Jungfrauen erwähnt, wäre es gekippt", sagt Epkes hinterher, und damit, dass es eigentlich schon gekippt ist.

Ganz am Ende, es ist 22.40 Uhr, man müsste nun eigentlich - an einem normalen Samstag - schon tief schlafen oder stark angetrunken sein, erscheint Ingo Schulze, nominiert für seinen neuen Roman "Adam und Evelyn". Schulze liest eine Szene um den begabten ostdeutschen Schneider Adam, aber irgendwie fehlt seinem Vortrag das Zwingende, vielleicht, weil sein Publikum schon sehr absent ist - inklusive des Moderators Epkes, der hinterher fragt: "Sie haben den Kapiteln Überschriften gegeben - warum?"

Um 23 Uhr, nach fünf Stunden, endet der Lesemarathon, und die Schar Verbliebener zieht hinaus in die klare Nacht, in Bars und Betten, tut das, was bis zu diesem Zeitpunkt hochkulturbedingt keine Rolle spielte: Sie bringt Grundbedürfnisse und Seinszustand in Deckung. Dass dabei auch Bücher - nicht zuletzt jene von der Shortlist des Deutschen Buchpreises - eine Rolle spielen, ist durchaus denkbar. Jedoch: Die Hölle ist eine Lesung, die niemals endet. Diese endete gerade noch rechtzeitig.

Autor:  JOHANNES SCHNEIDER
Datum:  29 | 9 | 2008
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