Es ist Krise, die Kapitalismuskritik ist wieder in, und doch kassieren systemrelevante Banker bereits wieder ihre gewohnten Boni. Man muss kein Soziologe sein, um zu der Einschätzung zu kommen, dass da etwas nicht stimmt. Aber die Soziologie kann und sollte uns dabei helfen herauszufinden, was genau hier nicht stimmt. Funktioniert "das System" als solches nicht, ist es ungerecht, macht es uns unglücklich - stimmt alles drei oder nichts davon? Die drei Jenaer Soziologie-Professoren Klaus Dörre, Stephan Lessenich und Hartmut Rosa sind der Ansicht, die Soziologie habe ihre kritisch-aufklärerische Rolle in den letzten Jahren vernachlässigt. Deshalb sind sie nun angetreten, das allgemein geteilte Unbehagen sozialtheoretisch auf den Begriff zu bringen.
In ihrer Diskussion-im-Buchformat unter dem etwas additiven Titel "Soziologie - Kapitalismus - Kritik" wollen sie das auch von ihnen verspürte Bedürfnis, einfach mal zu sagen, dass "der Kapitalismus" weg muss, empirisch-analytisch und normativ unterfüttern. Dabei werden - das ist eine große Stärke des Buches - ökonomische Ausbeutungs- und soziale Herrschaftsverhältnisse ebenso in den Blick genommen wie hegemoniale Deutungsmuster und kulturell vermittelte Formen der Entfremdung und des Sinnverlusts. Unterschiedliche Akzentsetzungen ergeben sich aus drei Schlüsselbegriffen, die es erlauben sollen, die primär als destruktiv beschriebene Dynamik sozialen Wandels unter kapitalistischen Vorzeichen zu fassen: "Landnahme", "Beschleunigung" und "Aktivierung".
Klaus Dörre/ Stephan Lessenich/Hartmut Rosa: Soziologie - Kapitalismus - Kritik. Eine Debatte. Suhrkamp Verlag , Frankfurt/M. 2009, 336 Seiten, 12 Euro.
So sieht Dörre im gegenwärtigen Finanzmarktkapitalismus vor allem eine unerbittliche Ausweitung der Marktlogik auf bisher nicht kapitalistisch erschlossene (geographische und soziale) Räume am Werk, die zugleich alle marktbegrenzenden Institutionen abbaut. Im Ergebnis zerreißt das soziale Band der Arbeitsgesellschaft unter dem Druck von Prekarisierung und Entsolidarisierung. Die Angst vor dem Statusverlust vereint die Noch-Beschäftigten im Abwehrkampf gegen die Forderungen der Nicht-mehr- und vermutlich Nie-wieder-Beschäftigten, die ihrem Ausschluss zunehmend ohnmächtig gegenüberstehen.
Für Lessenich müssen neben dieser ökonomischen Entwicklungslogik auch die Formen (wohlfahrts-)staatlicher Regulierung berücksichtigt werden, die zugleich mobilisierend und immobilisierend wirken, die Subjekte aber insgesamt unter den kategorischen Imperativ der Aktivierung - Flexibilität! - stellen. Und Rosa erkennt im Kapitalismus einen totalen Beschleunigungszusammenhang, in dem sich technische Innovation, sozialer Wandel und Steigerung des Lebenstempos wechselseitig anheizen. Die resultierenden individuellen und sozialen Pathologien machen ein selbstbestimmtes Leben - für Manager wie Supermarktkassierer gleichermaßen? - unmöglich.
Die Zusammenführung ökonomischer, politischer und kultureller Aspekte der Kapitalismusanalyse und -kritik ist ein großes Verdienst. Doch zeigen die stellenweise etwas selbstzentriert wirkenden Repliken, dass die auch die Autoren entzweiende Gretchenfrage, welcher der drei Perspektiven denn nun Priorität zukommt, damit nicht vom Tisch ist.
Einig ist sich das Jenaer Trio darin, dass der Fehler im System selbst liegt und deshalb auch nicht durch Herumbasteln an je nach Perspektive unterschiedlich beklagenswerten Teilproblemen behoben werden kann. Dafür, dass er aufgrund "unüberwindbarer Grundwidersprüche" "mit logischer Notwendigkeit" dysfunktional ist, funktioniert der Kapitalismus allerdings erstaunlich gut. "Der Kapitalismus, der alte Schlawiner" (Peter Licht) stellt seine Kritiker somit nicht nur vor die Frage, wo denn die geforderte Systemüberwindung ansetzen soll in einem System, das bisher noch jede Funktions- und Legitimationskrise ausgesessen oder durch Adaption überwunden hat. Er präsentiert sich auch in derart unterschiedlichen politisch, rechtlich und kulturell vermittelten Gestalten, dass eine einheitliche "Logik der Kapitalbewegung" nicht so einfach auszumachen ist. Hier wäre ein empirisch angereicherter vergleichender Blick lehrreich gewesen.
Wie also steht es um den Kapitalismus, diese zwar sozial erzeugte, aber nicht von den Betroffenen kontrollierte "Schicksalsmacht"? Den Autoren ist es gelungen, drei überzeugende Deutungsangebote mit erfrischend kritischem Anspruch vorzulegen und in ihren jeweiligen Vor- und Nachteilen zu diskutieren. Die Frage, was zu tun ist und wie die Alternative aussehen könnte, verweisen sie zu Recht an die Gesellschaft - wie sie selbst einräumen, fragt sich nur, "ob die es merkt".
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