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Literatur

22. April 2011

"Tod aus der Luft": Angriff auf die Kriegsmoral

 Von Rolf Wiggershaus
Ordnung muss sein: Briefträger in London bei der Arbeit.  Foto: Getty

Dietmar Süß zeigt am historischen Beispiel, was Luftkrieg wirklich bedeutet. Dabei ist die Kriegsmoral die Instanz, um der Autor seine Untersuchung über Kriegsgesellschaft und Luftkrieg gruppiert.

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Auf den ersten Blick droht die 700-seitige vergleichende Sozial- und Kulturgeschichte des deutsch-englischen Luftkriegs in den Jahren 1939 bis 1945, die der Jenaer Historiker Dietmar Süß vorgelegt hat, den Leser durch Materialfülle zu überwältigen. Doch diese Materialfülle erweist sich schnell als ein Zeichen unbestechlichen Realitätssinns. Die gelegentlich unter die Haut gehende Konkretheit der Informationen ist das Ergebnis umfangreicher Archivrecherchen mit einem bewundernswerten Sinn für die Relevanz nüchterner Details.

„Kriegsmoral“ bzw. „morale in warfare“ ist die Kategorie, um die Süß seine Untersuchung über Kriegsgesellschaft und Luftkrieg in Deutschland und England zentriert hat. Sie bewährt sich als Schlüsselbegriff für eine Studie, der jede relativierende Aufrechnung von Holocaust und Bombenterror fern liegt, deren Interesse vielmehr der „Bewältigung des Krieges durch unterschiedliche politische Systeme“ gilt – und zugleich der Frage, wieweit überhaupt sinnvoll von „Bewältigung“ gesprochen werden kann.

Der Luftkrieg als spezifische Form der Gewaltanwendung und Gewalterfahrung

Eingerahmt von einem Kapitel über vor 1939 kursierende Vorstellungen vom künftigen Krieg und einem Schlussteil über Lehren des Luftkriegs vermitteln die einzelnen Abschnitte intensive Eindrücke fast aller Aspekte von Gesellschaften in Zeiten aktuellen oder drohenden Luftkrieges.

Im Mittelpunkt der Überlegungen und Maßnahmen von Strategen und Politikern, und zwar bei Verteidigung und Angriff, steht immer die „Moral“, nämlich die Kriegsmoral angesichts des Luftkriegs als spezifischer Form von Gewaltanwendung und Gewalterfahrung moderner Gesellschaften. Die Briten hatten sich bei der Disziplinierung und Unterwerfung außereuropäischer indigener Völker davon überzeugen können, dass der Einsatz von Flugzeugen und Bomben ein kostengünstiges und effizientes Mittel war, um die „Moral“ Aufständischer zu brechen. Die Deutschen hatten beim Einsatz der Legion Condor Flugzeuge und Soldaten in der massiven Bombardierung andalusischer Ortschaften erprobt und das erste „Teppich-Bombardement“ in der Geschichte des Luftkriegs praktiziert.

Auf englischer wie auf deutscher Seite verfestigte sich dann im Verlauf des Krieges die verhängnisvolle Ansicht, dass die Entgrenzung der Gewalt die Kriegsmoral der eigenen Seite steigern, die der gegnerischen Seite aber zerstören werde.

Eine fundamentale Voraussetzung für die Wahrung der Kriegsmoral bildet die Überwindung individueller Ängste und Aufrechterhaltung der kollektiven Ordnung durch Sicherheit gewährende Schutzeinrichtungen. Das nach Weltmacht strebende angriffslustige Nazi-Regime machte sich allerdings zunächst kaum Gedanken über die Sicherheit der Bevölkerung zuhause. Später in der Zeit der Luftschutzkeller traten krass die rassistischen Ausgrenzungen „Volksgemeinschaftsfremder“ zutage.

Das zunächst auf Verteidigung eingestellte und von einem konservativ dominierten Koalitionskabinett regierte liberaldemokratische England hatte Probleme eigener Art. Dazu gehörte die Angst vor der politischen Unzuverlässigkeit der Arbeiterklasse. Regierung und Behörden standen daher öffentlichen Zufluchtsmöglichkeiten äußerst skeptisch gegenüber. Erst auf erheblichen Druck hin wurden die U-Bahn-Schächte für Zufluchtsuchende geöffnet. Wo sich in den Bunkern bis dahin ungekannte Formen der Selbstorganisation entwickelten, geschah es gegen den Willen der Regierung.

Ein Beispiel dafür, welch fatale Rolle Forschungen spielen können, die von Wunschdenken bestimmt sind, bot eine britische Untersuchung der Kriegs- und Arbeitsmoral in der besonders stark bombardierten ostenglischen Stadt Hull. In Einzel- und Gruppengesprächen mit ca. 900 Arbeiter und ihren Frauen wurde 1941/42 festgestellt, dass längerfristige Erkrankungen seltener als erwartet waren und dass, wer über eine „stabile“ Gesundheit verfügte, auch nach Luftangriffen keine Auffälligkeiten zeigte. Nach Ansicht der Forscher demonstrierte das, wie massiv Bombenangriffe sein mussten, um den gewünschten Effekt zu erzielen und die Kriegsmoral der Deutschen zu brechen. Auf deutscher Seite sah man sich durch solche Untersuchungsergebnisse in der Vermutung bestätigt, dass die Zivilbevölkerung mit den Angriffen psychisch „wachse“.

Zerfetzte und verschüttete Tote nicht länger fern, sondern mitten in der Heimat

Ein Aspekt des Luftkriegs konfrontierte die um die Kriegsmoral Besorgten mit einem Problem ohne Vorbilder: zerfetzte, verschüttete, anonyme Tote als Massenphänomen nicht fern der Heimat, sondern in der Heimat. Auch dabei ergaben sich makabre Paradoxien. Britischen wie deutschen Behörden ging es darum, die toten Körper so unauffällig wie möglich „verschwinden“ zu lassen, damit sie nicht zu Symbolen der nationalen Verletzbarkeit werden konnten. Gleichzeitig ging es aber um Wahrung der Würde der Toten durch vertraute Rituale. Gerade dieser Versuch zeigt, wie wenig von „Bewältigung“ die Rede sein kann.

Auf englischer Seite etwa kam es nach den schweren deutschen Angriffen Mitte November 1940 für das Bestattungspersonal zu der kaum erträglichen Belastung, Leichen zu bergen, Glieder zu sortieren oder gemeinsam mit Menschen, die nach nicht identifizierten toten Angehörigen suchten, an Sammelstellen verstümmelte Leichenteile zu begutachten. Auf deutscher Seite wurden nach dem schweren Angriff auf Hamburg Ende Juli 1943 Hunderte von KZ-Häftlingen zur Bergung von Leichen und Leichenteilen gezwungen, weil die Luftschutzpolizei den Einsatz verweigerte.

Eine zunehmende Diskrepanz der Kapazität menschlicher Vermögen diagnostizierte einst Günther Anders, der Philosoph des Atomzeitalters. Hinter dem, was Menschen herstellen und tun können, sind Vorstellungskraft, Gefühle, Ausdrucksvermögen und der verletzliche menschliche Leib immer weiter zurückgeblieben. Das große Verdienst von Süß’ Buch liegt darin, an einem historischen Beispiel die Vorstellungskraft dafür zu wecken bzw. zu schärfen, was Luftkrieg – die nach wie vor aktuelle Form moderner Kriegsführung – für die davon betroffenen Menschen und Gesellschaften, Städte und Institutionen konkret bedeutet.

Dietmar Süß: Tod aus der Luft. Kriegsgesellschaft und Luftkrieg in Deutschland und England. Siedler Verlag 2011, 719 Seiten, 29,99 Euro.

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