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"Unrast": Die Muskelfasern, ein Kosmos

In einem geheimnisvollen, eleganten Kompendium huldigt Olga Tokarczuk der "Unrast". Kein Roman im üblichen Verständnis. Von Ina Hartwig

Auch von Philip Verheyen, der sein amputiertes Bein sezierte, erzählt Olga Tokarczuk in Unrast.
Auch von Philip Verheyen, der sein amputiertes Bein sezierte, erzählt Olga Tokarczuk in "Unrast".
Foto: Sammlung Pieter Deheijde

Glückliches Polen, wo Bücher wie dieses mit dem wichtigsten Literaturpreis des Landes ausgezeichnet werden! Kaum vorstellbar, dass ein so abstraktes, dabei auf rätselhafteste Weise soghaftes Werk den Deutschen Buchpreis erhielte; der nämlich wäre das Äquivalent zum Nike-Preis. Einen Roman im üblichen Verständnis hat Olga Tokarczuk nicht geschrieben, vielmehr ein Kompendium unterschiedlichster Textsorten und Textlängen - Aphorismen, Anekdoten, Fabeln, mythische Spielereien, philosophische Lehrstücke, Fragmente eines historischen Romans -, und das alles gebündelt unter dem treffenden Titel "Unrast".

Was ist das für eine Unrast, für eine Unruhe, Bewegung, was für eine Kraft, von der hier die Rede ist? Kann ein Flughafen ein Ort fürs Leben sein? Um das Projekt zu begreifen, sollte man es erst einmal abgrenzen. Abgrenzen etwa gegen die Reiseliteratur eines Bruce Chatwin, abgrenzen auch gegen den Versuch, in der Fremde quasi zum Ethnologen zu werden - im Geiste des berühmten "Anderen", der in den seligen Zeiten des Strukturalismus so sehr en vogue war. Denn wenn Tokarczuk genau hinschaut, so bleibt ihrem Erzählduktus doch das Schlüsseziehen gänzlich fern. Sollten hier Botschaften ausgesprochen werden, dann höchstens implizit.

Mit Unrast hat Olga Tokarczuk keinen Roman im üblichen Sinne geschrieben.
Mit "Unrast" hat Olga Tokarczuk keinen Roman im üblichen Sinne geschrieben.
Foto: Liesbeth Kuipers/Schöffling

Abgrenzen sollte man diese Unrast auch gegen die Erfahrung des Exils, also des erzwungenen Ortswechsels, der allerdings durchaus neue Sesshaftigkeit zu erzeugen vermag. Sehr schön hat diese Ambivalenz aus aufgegebener und neuer Heimat Olga Tokarczuks Landsmann Adam Zagajewski in einem Porträt des exilierten polnischen Grafen Joseph Czapski geschildert. Czapski (1896 - 1993) hatte als polnischer Offizier die stalinistische Kriegsgefangenschaft überlebt, war nach dem Krieg damit beauftragt, das Massaker von Katyn zu untersuchen, und hatte dann dem kommunistischen Polen den Rücken gekehrt. In Paris ließ der Maler und Schriftsteller sich nieder und lebte dort sehr bescheiden in einem Zimmer. Während sein Vater, wie Adam Zagajewski voller Sympathie polemisiert, bei Minsk riesige Ländereien und ein Schloss besessen hatte, habe der Sohn im Exil das Sofa in seinem kleinen Zimmer quasi zum Schloss erhoben: Die Couch als Heimat eines Geistesfürsten.

Nicht Heimat, nicht Exil

Um Heimat, ob alte oder neue, geht es bei Tokarczuk gerade nicht. Sie lebt in einem freien Land, man verschwindet nicht, weil man muss, sondern weil man will. Tokarczuks Unrast gehört in ein Lehrbuch über die Conditio humana. Der Ton: melancholisch, nie nostalgisch. Vor allem liegt die Unrast, von der Olga Tokarczuk erzählt, im Heute - oder besser: ihre Wahrnehmung der Unrast. Das gilt selbst dann, wenn die Erzählerin auf ältere Geschichten zurückgreift; etwa auf das faszinierende Schicksal des holländischen Anatomen Philip Verheyen, der von 1648 bis 1711 lebte und dem in seiner Jugend ein Bein amputiert worden war, das er in Alkohol aufbewahrte, zerpflückte, immer wieder untersuchte; denn sein Bein gab ihm viele Fragen auf, beispielsweise, warum es, obwohl doch von ihm getrennt und also tot, weiterhin Schmerzen verursache.

"Kann es sein, dass dieser Schmerz Gott ist?", fragt sich Verheyen: "Mein Leben ist eine Reise gewesen, ich bin zu meinem eigenen Körper gereist, zu meiner eigenen abgetrennten Extremität. ... Ich habe die Muskeln, Sehnen, Nerven und Blutgefäße gezählt. Ich habe dazu meine eigenen Augen gebraucht, doch mich auch des feineren Auges des Mikroskops bedient. Mir scheint, ich habe nicht das kleinste Teil ausgelassen. Die Frage, die ich mir heute stellen kann, ist: Was habe ich gesucht?"

Die unsichtbaren Frauen

Weitere Phantom-Schmerzen werden in diesem umwerfend elegant geschriebenen und glänzend auf Deutsch in der Übersetzung von Esther Kinsky zu lesenden Buch erzählt bzw. angedeutet. Oft werden wir mit einem Rätsel alleingelassen, so allein wie die diversen Protagonisten. Leitmotivisch reist hier ein Ich durch die Welt, es ähnelt durchaus der Autorin und beschreibt sich nicht eben kalt - aber doch mit medizinischem Blick; wir erfahren Größe, Gewicht, Leberwerte... Im übrigen macht die Ich-Erzählerin von dem Privileg der Frauen über vierzig Gebrauch: nämlich unsichtbar zu sein und daher besonders gut beobachten zu können.

Wenn das Heute und das Gestern sich in "Unrast" verschlingen, dann ist ausnahmsweise einmal nicht die Psychoanalyse daran schuld. Es sind die Geheimnisse, nicht das Unbewusste, die den Liebenden ihre Liebe zerhauen: Ein polnischer Ingenieur kriegt trotz seiner Hartnäckigkeit nicht heraus, was seine Frau erlebt hat, als sie zusammen mit dem kleinen Sohn während einer Urlaubsreise in Kroatien drei Tage lang verschwunden war. Niemand hat sie finden können, kein Hubschrauber, kein Hund, kein Polizeisuchtrupp, und sie verrät: nichts.

Oder der Russe, der nach längerer Abwesenheit - offenbar eine Gefangenschaft - zurückkehrt ins Moskauer Eheleben, und das Erlebte wie in einem Kokon verschließt. Er hat kräftigere Hände als zuvor und eine Narbe auf der Schulter - und erzählt: nichts. Seine Frau dringt nicht in sein Inneres vor, das vorenthaltene Wissen wirkt wie Gift. Das Nichtgewusste wird, könnte man im Geiste Tokarczuks sagen, zum Phantomschmerz des Partners, zur Unrast.

Ein wahrhaft ungewöhnliches Buch, originell und kühn und sehr poetisch, das uns verzaubert und das selbst ein Geheimnis wahrt: Man fragt sich, wie es möglich ist, dass wir uns in diesem Labyrinth gefühlsmäßig sofort zurechtfinden - während der Verstand hinterher hinkt.

Olga Tokarczuk: Unrast. Roman.

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Schöffling & Co., Frankfurt/M. 2009, 464 Seiten, 24,90 Euro.

Datum:  19 | 3 | 2009
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