Aktuell: Fußball-EM 2016 | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Literatur

12. Januar 2016

„Vorsicht Volk!“: Vom Volk und den Völkischen

 Von 
Mehrere Beiträge des Buches bemühen sich, das Phänomen Pegida aus den Verwerfungen der rasant und unter neoliberalen Vorzeichen vollzogenen Vereinigung nach 1990 zu erklären.  Foto: rtr

Der Begriff des Volkes hat 2015 eine Renaissance erfahren. „Vorsicht Volk!“ ist ein lesenswerter Sammelband zum Thema der Stunde.

Drucken per Mail

Ein Begriff geht um in der politischen Debatte, der Begriff des Volkes. Kaum ein anderes Schlagwort hat 2015 eine derart mächtige und unschöne Renaissance erfahren. „Wir sind das Volk“, brüllt Pegida – und glaubt, damit sei bereits alles gesagt. „Die AfD spricht die Stimme des Volkes“, sagt AfD-Hetzer Björn Höcke – und meint damit: Wer anders tickt als ich, der gehört nicht dazu. Die Unterscheidung zwischen Links und Rechts sei überholt, das Volk wolle Frieden, raunt es auf den sogenannten Montagsmahnwachen – und dann wird das „internationale Finanzkapital“ zum Feind erklärt, und gemeint sind wieder mal die Juden. Derweil spielen Pöbler und Rassisten sich in Internetforen als die schweigende Mehrheit im Lande auf: Das Volk dulde keine Flüchtlinge und keinen Islam in Deutschland, schreiben sie – und der „Lügenpresse“ glaube man sowieso kein Wort.

Es ist nicht länger zu leugnen: Völkische Töne und Verschwörungstheorien sind in den politischen Diskurs der Bundesrepublik zurückgekehrt. Lange Zeit waren ein allzu deutlicher Bezug auf die angebliche große Weltverschwörung oder ein offen rassistischer Volksbegriff, der die Deutschen als reine Abstammungsgemeinschaft versteht, zumindest in der Öffentlichkeit verpönt. Doch in Zeiten multipler Krisen und einer hektischen Flüchtlingsdebatte haben einfache Welterklärungen Zulauf. Offenbar wächst das Bedürfnis, der Komplexität der Welt durch klare Feindbilder und eindeutige Zugehörigkeiten zu entfliehen – oft bis hin zum Wahn. Über das Internet organisiert sich der Hass, die Wutbücher von Thilo Sarrazin, Udo Ulfkotte und Akif Pirinçci sind Bestseller.

Wie es dazu kommen konnte und was das für alle Formen linker, progressiver Politik bedeutet, ist Thema des Sammelbandes „Vorsicht Volk!“, den die Berliner Autorin Manja Präkels und ihr Kollege Markus Liske kürzlich im Verbrecher Verlag herausgegeben haben. Journalisten, Autoren und Aktivisten, unter ihnen die Frankfurter Stadtverordnete Jutta Ditfurth, der „Titanic“-Kolumnist Stefan Gärtner, der NDR-Journalist Patrick Gensing und die Autorin und frühere Piraten-Politikerin Julia Schramm, widmen sich darin unterschiedlichen Aspekten der Verschiebung der politischen Landschaft, die sich im neuen völkischen Gerede zeigt.

Die mehr als 20 kurzen Beiträge handeln von der Entstehungsgeschichte der Pegida in Sachsen, der Ideologie radikaler Abtreibungsgegner, der Bedeutung politischer Querfront-Konzepte oder der Aktualität der Mutter aller Verschwörungstheorien, des Antisemitismus. Die stilistische und gedankliche Diversität des Bandes ist dabei Stärke und Schwäche zugleich. Stärke, weil von der Analyse über autobiographische Splitter bis hin zur Polemik alle nur denkbaren Herangehensweisen gewählt werden, um dem reaktionären Gehalt des völkischen Denkens auf die Spur zu kommen.

Buch-Info

Markus Liske/ Manja Präkels (Hrsg.): Vorsicht Volk!
Verbrecher Verlag, Berlin 2015. 192 Seiten, 18 Euro.

So geht Patrick Gensing der Bedeutung rechter Online-Netzwerke und esoterischer Kleinverlage für den Erfolg von Pegida und AfD nach, Elke Wittich widmet sich dem weit verbreiteten Hass auf die „Lügenpresse“, Harald Dipper versucht zu erläutern, dass Bewegungen wie die kruden „Montagsmahnwachen für den Frieden“ nicht von Inhalten, sondern nur von diffusen Feindbildern zusammengehalten werden. Gleich mehrere der Beiträge bemühen sich, das Phänomen Pegida aus den Verwerfungen der rasant und unter neoliberalen Vorzeichen vollzogenen Vereinigung nach 1990 zu erklären.

Der große Pluralismus des Bandes wirkt dort als Schwäche, wo man sich als Leser mehr analytische Schärfe, mehr Stringenz und auch Ausführlichkeit wünschen würde. So werden bereits publizierte Kolumnen von Deniz Yücel und Anetta Kahane erneut in dem Band abgedruckt, die zwar lesenswert, als Buchbeiträge dann aber doch zu knapp sind. Andere Texte bieten einen groben Überblick über einen Teilaspekt, schaffen aber kaum den Brückenschlag zum Gesamtthema des Buches. Anders gesagt: Der Band setzt Schlaglichter und wirft dabei jede Menge spannender Fragen auf, die Antworten kommen aber ein wenig zu kurz.

Mehr dazu

Lesenswert ist „Vorsicht Volk!“ dennoch. Der gemeinsamen Grundthese aller Beiträge, dass völkisches und autoritäres Denken an Einfluss gewinnt und diese gefährliche Entwicklung auch vor den linken Milieus nicht Halt macht, ist unbedingt zuzustimmen. Diese reaktionäre Tendenz ernstzunehmen und zu ihrer Analyse beizutragen, ist das Verdienst des Bandes. Für ein echtes Verständnis und damit auch für politische Gegenstrategien wird es noch weitere Anstrengungen brauchen.

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Belletristik-Charts

Quelle: Spiegel Mehr...

Sachbuch-Charts

Quelle: Spiegel Mehr...

Literatur

Aktuelle Rezensionen zu Literatur, Sach- und Kinderbüchern: die Literatur-Rundschau aus dem FR-Feuilleton.

Anzeige