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Ferdinand von Schirach im FR-Interview: „Wahrheit ist ein schwieriges Feld“

Der Schriftsteller und Strafverteidiger Ferdinand von Schirach spricht über Begegnungen mit seinen Mandanten, über Mord und Totschlag und seine neuen Erzählungen.

        

Ferdinand von Schirach: „Ein Strafverteidiger ist auch ein Geschichtenerzähler.“
Ferdinand von Schirach: „Ein Strafverteidiger ist auch ein Geschichtenerzähler.“
Foto: Thomas Schulze

Welche Rolle spielt Distanz für einen Strafverteidiger?

Distanz ist für mich das Allerwichtigste. Wenn der Mandant zu nahe ist, verteidigt man ihn schlecht. Man kann nicht emotional verteidigen, so wie man nicht emotional Schach spielen kann.

Zur Person

Ferdinand von Schirach, 46, ist Strafverteidiger in Berlin. Sein Debüt mit Geschichten, die Fälle aus seiner anwaltlichen Praxis zum Vorbild nehmen, war 2009 einer der Sensationserfolge des Jahres: Über 150000 verkaufte Exemplare, Lizenzausgaben in 29 Länder. Am nächsten Montag, 2. August, erscheint nun Schirachs zweites Buch „Schuld“ mit 15 weiteren Stories über Verbrecher und ihre Taten, Wahrheit und Schuld, Bestrafung, Beweis und Urteilsfindung.
Ferdinand von Schirach: Schuld.
Piper Verlag, München 2010,
202 Seiten, 17,95 Euro.

Sie begegnen Ihren Mandanten in extremen Situationen – oft nachdem ein Mord geschehen ist. Schützt die Distanz vor Aggression?

Aggression ist das eine. Viel häufiger aber ist Traurigkeit. Sie kommen als Anwalt ins Gefängnis und Ihr Mandant heult. Sie können sich nicht hinsetzen und mit ihm heulen, sondern Sie sagen: Gut, jetzt müssen wir aber arbeiten! Niemand schätzt Verbrüderung. Von einem Anwalt erwartet man, dass er einen ordentlich verteidigt, und nicht, dass er mit einem zusammen heult.

Man wird sicher nicht aus Zufall Strafverteidiger, wo man oft mit Gewaltverbrechern zu tun hat.

Nur im Strafrecht geht es um die Existenz des Menschen. Wenn jemand einen anderen umbringt, steht er an einer Klippe. Als Anwalt lernt man ihn kurz nach dieser extremen Situation kennen. Die Leute sprechen dann anders, als wir es jetzt tun. Das fand ich immer interessant. Man muss sich überlegen, wie man sein Leben verbringen will. Ich wollte es nicht mit Aktenbergen im Büro verbringen, sondern sehen, was mit dem Leben passiert.

Verändert einen das selbst?

Man wird mit der Zeit bescheidener.

In den Ansprüchen ans eigene Leben?

Bei den meisten dieser Verbrechen geht es um die Tötung des Intimpartners und damit immer um das, was man so unter den großen Begriffen Liebe oder Eifersucht verstehen kann. Und es geht auch immer um Geld und Macht. Mit der Zeit sieht man, wie lächerlich das ist und ist dann mit dem eigenen Leben ganz zufrieden.

Wie wirkt es sich aus, dass man immer mit dem Tod zu tun hat?

Man weiß, dass er sehr nahe ist, und wird sich der Zerbrechlichkeit des Lebens bewusster.

Ein Memento mori?

Ganz genau. Eine der geistigen Übungen von Zen-Mönchen ist es, dass sie morgens aufwachen und sich als erstes sagen: Du bist tot. So ist es auch, wenn man sich lange an dieser Klippe aufhält. Man nimmt nicht mehr alles so wahnsinnig wichtig und weiß mehr um die eigene Begrenztheit.

Umgekehrt kommt es vor, dass man als Strafverteidiger wie im Fall der Story „Volksfest“ aus Ihrem neuen Buch mit einem moralischen Dilemma übrig bleibt: Eine Gruppe verkleideter Musiker vergewaltigt ein Mädchen. Ein unbeteiligter Musiker verständigt zwar anonym die Polizei, verrät aber nicht, wer die Täter sind. Die Täter selbst schweigen, die DNA-Beweise werden im Zuge der medizinischen Versorgung des schwer verletzten Mädchens zerstört. Die Täter, unter deren Verteidigern Sie sind, kommen frei.

Das ist schwierig, ja.

Sie schreiben: „Wir wussten, dass wir unsere Unschuld verloren hatten.“

Bei der Geschichte geht es weniger um die Wahrheit. Es geht um Schuld. Aber Wahrheit und Schuld ist nicht das gleiche. Wir haben eine Schuld, die wir empfinden und von der wir wissen, dass es eine Schuld ist. Das lernen wir als Kinder, wenn wir normal aufwachsen. Diese Schuld ist das Schreckliche. Aber das ist eine moralische Schuld, die im besten Fall die strafrechtliche trifft, aber nicht mit ihr übereinstimmen muss. Das ist etwas, das man als Strafverteidiger lernen muss.

Und damit hadern Sie nicht?

Wenn wir moralische und strafrechtliche Schuld gleichsetzen würden, kämen wir zu schrecklichen Ergebnissen, weil wir am Schluss Urteile fällen würden aufgrund unseres Empfindens. Wir würden dann zum Beispiel finden, dass der unbeteiligte Mann genauso schuldig ist, weil er nicht für die Verurteilung der Täter gesorgt hat. Also verurteilen wir alle. Das gab es leider schon einmal – das so genannte gesunde Volksempfinden. Das zur Grundlage zu machen, ist wahnsinnig gefährlich. Wir tun gut daran, diese Dinge zu unterscheiden.

Trotzdem schwer auszuhalten.

Es ist für die Gesellschaft schwer zu ertragen, für den Anwalt auch und auch für die Verteidigung, wenn die nicht völlig verrottet ist. Aber es hilft zu wissen, dass alles andere viel schlimmer wäre.

Hat sich Ihr Leben durch den Bestsellererfolg Ihres ersten Bands mit Strafjustizstories im Vorjahr radikal verändert?

Es war nicht so schlimm. Ich bin 46. Da ändert sich nicht mehr so viel. Und ich will ja auch kein anderes Leben haben. Wenn ich 22 wäre, würde ich wahrscheinlich jetzt alles anders machen, so lebe ich genauso wie vorher.

Was haben denn der Rechtsanwalt und der Schriftsteller Schirach noch gemeinsam, außer dass der eine dem anderen Stoff für sein Schreiben liefert?

Ein Strafverteidiger ist auch ein Geschichtenerzähler. Wenn die Täterschaft feststeht und es nun um die Frage geht, wie schwer seine Schuld wiegt, erzählt der Strafverteidiger die Geschichte des Angeklagten.

Sind Sie darin gut?

Man kann sich selbst nicht so einschätzen, aber ich glaube schon.

Und erleben Sie dann auch Stimmungswandel bei den Schöffen – zugunsten des Angeklagten?

Ja. Das ist ein toller Beruf. Es ist immer toll, wenn man jemanden für etwas interessieren kann.

Was genau passiert da?

Bei Entführungen ist es zum Beispiel das Allerwichtigste, dass der Entführer den Namen des Opfers lernt und nach Möglichkeit auch irgendeine Geschichte über das Opfer. Denn wenn der Entführte kein anonymer Mensch mehr ist, ist es viel schwieriger, ihn zu töten. Das Gericht funktioniert ähnlich. Sobald der Angeklagte dem Gericht als Mensch entgegentritt, ändert sich das Bild.

Darüber vergisst man aber doch keinen Mord?

Es geht darum, dass man sieht, dass die Dinge nicht so sind wie auf den ersten Blick. Natürlich gibt es Psychopathen. Aber bei ganz normalen Menschen muss man einfach die Geschichte erzählen. Ein Mord kommt nicht aus dem Nichts. Die wenigsten Leute stehen morgens auf und sagen: Oh, schlechtes Wetter, ich begehe heute mal einen Mord!

Können Sie in Kenntnis aller Umstände die Tat des Angeklagten immer nachvollziehen?

Nein. Auch für mich ist ja die Wahrheit ein schwieriges Feld. Es ist nicht so wie in einem Film, dass der Anwalt zum Mandanten in die Zelle kommt und sagt: „Was war da los? Sagen Sie mir die Wahrheit!“

Sondern?

Der Anwalt möchte das wissen, was er für die Verteidigung braucht. Wenn mein Mandant mir sagt: „Ich war’s!“, ist meine Verteidigung viel, viel schwieriger.

Warum?

Weil ich zum Beispiel eine ganze Reihe von Zeugen nicht hören kann, weil ich ja wüsste, dass diese vor Gericht lügen. Dann habe ich ein standesrechtliches Problem, überhaupt einen Beweisantrag auf sie zu stellen.

Und die Fotos der Ermordeten?

Sitzen die nicht wie große weiße Elefanten in Ihrem Kopf?

Nein, überhaupt nicht. Das ist wirklich etwas, woran man sich gewöhnt.

So wie sich ein Mediziner irgendwann auch an Anatomieleichen gewöhnt?

Ja. Es ist komischerweise sogar interessant. Ich hatte einen Fall, da fuhren zwei Autos aneinander vorbei und aus beiden wurde geschossen. An den Autos kann man da sehr schwer eine Schusslinie feststellen, weil die Scheiben zu Bruch gehen. Aber man kann aus dem Schusskanal im Menschen ersehen, wer zuerst geschossen hat – um diese Frage ging es ganz entscheidend. Das ist ein intellektuelles Problem. Es geht nicht um die Frage, ob so eine zerschossene Milz scheußlich aussieht.

Wann hatten Sie die Idee, über diese Themen Geschichten aufzuschreiben?

Die Geschichten in „Verbrechen“ waren die allerersten, die ich je geschrieben habe. Mir ist nachts sehr langweilig, und dann habe ich irgendwann einmal angefangen zu schreiben. Ich würde Ihnen gerne eine tollere Geschichte erzählen, aber es gibt keine.

Wie unterscheidet sich für Sie Ihr neuer zweiter Erzählband „Schuld“ vom ersten?

Er ist ein ganzes Stück dunkler und wahrscheinlich auch essenzieller als der erste.

Wie funktioniert denn das Verfremden der wirklichen Fälle für die Literatur, damit sie nicht wiedererkennbar sind?

Sie müssen sich das wie einen Setzkasten vorstellen, aus dem ich mir das Personal für eine Geschichte aussuche. Die einzelnen Personen sind ganz wahrhaftig, aber sie stehen in einem ganz anderen Kontext. Auch die Geschichten stimmen, aber in total anderer Zusammensetzung. Ich bin ziemlich sicher, dass selbst die Leute, die sie erlebt haben, sie so nicht wiedererkennen.

Und was kommt als nächstes? Gehen Ihnen nicht langsam die Fälle aus?

Material gäbe es noch. Aber die Kombinationen von Tötungen sind beschränkt. Mann tötet Frau. Frau tötet Mann. Liebhaber tötet Mann. Dann gibt es noch ein paar andere und fertig. Das ist ja auch das Problem vom „Tatort“. Natürlich sind die Motivationen immer unterschiedlich, aber ich will mich nicht wiederholen. Nein, ich werde keine solchen Geschichten mehr schreiben.

Aber Sie schreiben weiter?

Ja. Als nächstes kommt etwas ganz anderes, aber das sage ich Ihnen nicht. Schreiben ist etwas Schönes. Andere Leute spielen Golf. Mich interessiert das nicht.

Wie steht es mit Ihrer Intuition? Die hat sich doch über die Jahre als Strafverteidiger sicher geschärft?

In dem Film „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ sagt der alte Kommissar immer: „Ich erkenne meine Schweine am Gang.“ Das ist wirklich so.

Ein Gefühl dafür, dass jemand Dreck am Stecken hat?

Ein starkes Gefühl dafür, was mit jemandem los ist. Sie schauen jemandem ins Gesicht und bei Ihnen läuft ein kompletter Film ab, was das für ein Mensch ist. Das passiert dauernd. Komischerweise stimmt es auch meistens.

Gilt das auch für Lügen?

Die höre ich wahrscheinlich intensiver, als Sie sie hören. Ich habe einfach ein gutes Gefühl dafür, wann ich belogen werde. So wie Polizisten, die dauernd Vernehmungen machen.

Ist es Ihnen peinlich, wenn Sie einen Menschen der Lüge überführen?

Nein, das ist ja meine Aufgabe. Und es ist auch nicht wie im Film, wo der Zeuge zusammenbricht, heult und sagt: Verzeiht mir, ich hab’ gelogen!

Wie ist es dann?

Die meisten Menschen beharren auf ihren Lügen, auch wenn schon alle im Gerichtssaal wissen, dass es totaler Quatsch ist.

Interview: Julia Kospach

Datum:  29 | 7 | 2010
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