Milos Crnjanski, den der im Westen bekannteste Vertreter der neuen serbischen Literatur, Danilo Kis, als seinen Lehrer bezeichnete, gehört neben dem Kroaten Miroslav Krleza und dem Serben Ivo Andric, der 1961 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, zu den drei Säulen der südslawischen Moderne. Heute sind wir gezwungen, von der kroatischen und von der serbischen Literatur zu sprechen.
Diese Unbeständigkeit der Definitionen spiegelt komplizierte geschichtliche Ereignisse in dieser mehr als komplizierten Region. Man kann sie durch die Werke balkanischer Schriftsteller vielleicht besser verstehen als durch die Fachbücher (geschweige denn durch die tägliche Berichterstattung). In Serbien sind Werke Crnjanskis im Schulprogramm. Dem deutschen Leser ist er so gut wie unbekannt, obwohl seine Bücher seit den sechziger Jahren ins Deutsche übersetzt werden.
Milos Crnjanski: Ithaka und Kommentare. Aus dem Serb. u. mit einem Nachwort von Peter Urban. Edition Suhrkamp, Berlin 2011, 237 S., 14 Euro.
Milos Crnjanski: Tagebuch über Carnojevic. Roman. Aus dem Serbischen von Hans Volk. Mit einem Nachwort von Ilma Rakusa. Edition Suhrkamp 2011, 137 Seiten, 10 Euro.
Milos Crnjanski: Ithaka. Gedichte, zweisprachig, aus dem Serbischen von Viktor Kalinke nach Vorlage von Stevan Tontić und Cornelia Marks, Leipziger Literaturverlag 2011, 224 S., 19,95 Euro.
„Ich war ein typischer Wirrkopf meines Jahrhunderts. Ich war leichtsinnig“
Das Buch „Ithaka und Kommentare“ entstand 1959, als Crnjanski, der seit 1941 in London im Exil lebte, von einem Belgrader Verlag das Angebot bekommen hatte, eine Neuauflage seiner frühen Gedichte zu machen. Wahrscheinlich wollte er ursprünglich in der Tat nur Kommentare zu den alten Gedichten schreiben. Aber er schrieb ein autobiografisches Buch, dessen Kapitel nach den Gedichten aus seinem Band „Ithaka“ benannt sind, der 1919 erschien, bald nach dem Ersten Weltkrieg. „Ithaka“ ist seit Homers „Odyssee“ ein Sehnsuchtswort für Kriegsheimkehrer. Doch viele Soldaten des Ersten Weltkrieges haben, im Unterschied zu Odysseus, ihr Zuhause nicht wiedergefunden. So trägt dieser Titel eine bittere Ironie in sich.
Crnjanski wurde 1893 in der ungarischen Stadt Csongrád in einer serbischen Familie geboren. 1896 zog die Familie nach Temesvár in den Banat. Das ist ein Grenzgebiet, heute Rumänien, in dem neben den Rumänen viele Völker lebten, auch Ungarn, Deutsche, Juden, Ruthenen und Roma. Und auch Serben, zu denen Crnjanski gehörte. „Kommentare“, das eigentlich kein Kommentar zum Gedichtband, auch keine Sammlung poetischer Miniaturen, sondern eine fließende Erzählung ist, beginnt mit der Kindheit in Temesvár, berichtet ausführlich aus den Kriegsjahren und endet mit dem Ende des Krieges.
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war Crnjanski ein belesener, in die europäische Kultur und in die russische Literatur verliebter junger Mann aus dem Banat, der in Rijeka eine Verlobte hatte, in Wien einen reichen Onkel und in der Schublade Manuskripte seiner Gedichte und Erzählungen: „Ich war ein typischer Wirrkopf meines Jahrhunderts. Ich war leichtsinnig, wie es nur einem Dichter geziemt“, schreibt er in den „Kommentaren“. Und: „Dass jemand ein Attentat in Sarajevo vorbereitet, davon hatten wir nicht die leiseste Ahnung.“
Dann aber musste er in die Hölle. Der Erste Weltkrieg wurde für ihn und für viele Schriftsteller und Künstler dieser Generation, also Jahrgang im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, zum Urereignis, zum Trauma, das ihr Leben und Schaffen bestimmte. Sie erlebten die Zerstörung der alten Weltordnung, Crnjanski insbesondere den Untergang der Donaumonarchie.
„Wien war, schon im Herbst 1915, ein riesiges Freudenhaus“
Der heute oft verklärte Vielvölkerstaat sah vor und in der Stunde seines Zerfalls gar nicht so friedlich aus. Die slawischen Völker fühlten sich vom k.u.k. Staat unterdrückt, deshalb erstarkte die Idee der Vereinigung dieser Völker. Die Serben, Kroaten und Slowenen kamen zu gemeinsamen patriotischen Versammlungen.
Der Ton des alten Crnjanski in „Kommentare“ ist traurig und ruhig, er verfolgt keine patriotischen, keine politischen Ideen, er hat ziemlich viel Sinneswandlungen hinter sich, wie es sich für einen „typischen Wirrkopf“ auch gehört. Nun will er die in seinen Gedichten komprimiert gespeicherte Zeit sprechen lassen. Und das gelingt ihm.
Man kann aus seinem Buch vieles lernen, denn die heutigen Verhältnisse auf dem Balkan erscheinen oft nur deshalb rätselhaft, weil man ihre Ursprünge nicht kennt. Nach dem Schuss in Sarajewo verdächtigt man alle Serben. Auch Crnjanski wird zuerst inhaftiert, aber nach der Entlassung als Infanterist eines österreichischen Regiments an die Front geschickt. Er will möglichst wenig von den Schlachtfeldern berichten, im Bewusstsein, dass seine Leser den nächsten, den Zweiten Weltkrieg hinter sich haben und „Veteranen eines vergangenen Krieges diejenigen des vorvergangenen Krieges in keiner Weise anhören wollen“. Trotzdem bietet sein Buch viele eindrucksvolle Bilder: „Wir sind im Blut gewatet“. Aber der eigentliche Zerfall der alten Weltordnung geschah in Großstädten: „In Galizien habe ich den Krieg gesehen. In Wien: wie ein Reich und seine Hauptstadt zerfallen. Wien war, schon im Herbst 1915, ein riesiges Freudenhaus ... Es gab damals zwei Wien. ... Die einen gingen in den Tod – der beste Teil der Bevölkerung –, die anderen – die sich auf ihre Kosten bereicherten – drehten sich noch immer im Walzertakt.“
Obwohl „Kommentare“ unabhängig von den Gedichten gelesen werden kann, seien die Gedichte dem Leser wärmstens empfohlen. Es gibt sie in einem sehr gut edierten zweisprachigen Band beim Leipziger Literaturverlag. Wie gesagt, ist Milos Crnjanski ein sehr wichtiger Dichter der Moderne. Deshalb will ich auf noch ein Buch aufmerksam machen: das 1993 bei Suhrkamp erschienene und wieder ins Programm aufgenommene „Tagebuch über Čarnojević“, in dem Crnjanski seine Kriegserfahrungen zum Roman verarbeitet. Es ist spannend zu verfolgen, wie dieselbe Realität im einem Fall im nüchternen Tonfall eines etwas traurigen Chronisten dargestellt wird, und im anderen zu fieberhafter modernistischer Belletristik verarbeitet wird.
Am Ende seines Lebens kehrte der ewig heimatlose Crnjanski doch nach Jugoslawien zurück, wo er 1977 als großer Nationalklassiker starb.