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Literatur

12. November 2012

20. Open Mike Literatur: Ich brauche ein kleinwenig Weltschlaf

 Von Astrid Kaminski
Preisträger des Open Mike: Martin Piekar liest, Sandra Gugic und Juan S. Guse hören zu. Foto: imago stock&people

Freundliche junge Autoren präsentieren beim 20. Open Mike Literatur aus den eigenen vier Wänden.

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Wer sich länger als drei Tage in Vea Kaisers Wiener Wohnung einquartieren will, muss einen Putzdienst übernehmen, verrät die begabte und äußerst gebildete 24-Jährige. Bis März 2013 ist sie mit ihrem Debütroman „Blasmusikpop“, im Sommer erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, unterwegs, 70 Lesungen müssen bewältigt werden. Beim 20. Open Mike nahm Vea Kaiser an der Staffelübergabe am Vorabend dieser im deutschsprachigen Raum einzigartigen Literaturcastingshow teil. 2009 las sie selbst um einen der Preise, ging aber leer aus. Geschadet hat es offenbar nicht. Dabeisein reicht für viele der Autoren schon, um das Interesse der Verlage und Agenturen zu wecken.

Der von der Literaturwerkstatt Berlin erfundene und veranstaltete Wettbewerb ist aufgrund des großen Publikumsinteresses in diesem Jahr aus der Wabe im Prenzlauer Berg in den Neuköllner Heimathafen umgezogen, und auch dort wurde der Platz knapp. Dagegen gab es mit 634 Teilnehmerbewerbungen etwas weniger Einsendungen als in den Vorjahren. Die Auswahl von 14 Prosa- und sieben Lyriktexten fiel den meisten der sechs beauftragten Lektoren laut eigenem Bekunden nicht sonderlich schwer, sie sprachen von nur einer kleinen „Spitze von guten Texten“. Inhaltlich wurde „Utopielosigkeit“ (Christoph Buchwald) diagnostiziert, das seit einigen Jahren als Stoff beliebte Großelternsterben soll in den eingesandten Texten weitergegangen sein, wurde dem öffentlichen Publikum aber zugunsten von unerfülltem Beziehungsleben vorenthalten.

Ein 20-m2-Jahrgang

Interessant war die Unschuld und Unerfülltheit einiger Paarkonstellationen. Sie beschäftigen sich mit dem einsamen Warten, dem Vereinsamen zu zweit oder beziehen eine dritte Person mit ein und lassen sexuelle Bindungen an platonischen scheitern. Viel Schwung und einen lockeren Ton ohne exponierte Literarizität brachte Thomas Dörschel zum Thema ein. Seine Komik unter Mittdreißigern hatte stellenweise den Schwung eines Kristof Magnusson. Überraschend viele Geschichten spielten wie diese in Wohnungen und deren näherem Umfeld. Keine Clubs, keine Banken. Die von Buchwald bescheinigte Utopienangst scheint zum Rückzug auf engsten Raum aufzufordern. Ein 20-m2-Jahrgang.

Eine der Siegergeschichten macht sich das fast schon autistisch Abgeschottete dieser Privaträume auf interessante Weise zum Prinzip. Sandra Gugic (Berlin) begleitet ihre Protagonistin als Zwischenmieterin in drei verschiedenen Wohnungen – eine bürgerliche, eine versucht szenige, eine proletarische. Warum die Jury (Silke Scheuermann, Marcel Beyer, Thomas von Steinaecker) diesen Text kürte, war der kurzen Ansage kaum zu entnehmen, nachvollziehbar ist sie. Der Text ist dicht, traut sich Aussparungen zu, und schafft es, Indizien aus persönlichen Räumen herauszulesen, ohne sie auszuwerten, und ihnen damit ein subtil unheimliches Eigenleben zu verleihen. Gleichzeitig lässt sich der Text, dessen Protagonistin die fremden Wohnungen als Settings für Selbstportraits – meist Akte – gebraucht, gut als Künstlerinnenroman denken.

Überzeugend auch Joey Juschkas Homie-Geschichte „SCHAF e.V.“, die das Publikum lustvoll ins Milieu entführt, wo sich Männer für Eineurofünfzig die Stunde zum „Schutz alleinlaufender Frauen“ engagieren lassen – eine Art Auto-Resozialisierungsprojekt in der literarisch gekonnten, hauchdünnen Überdehnung der Wirklichkeit. Wer Lust auf mehr hat, muss nicht erst auf ein Buch warten, sondern kann Texte direkt bei der Autorin bestellen – ab 200 Euro kosten sie, Thema nach Wahl. Der taz-Publikumspreis für die Autorin war absehbar.

„Voodooentropie als Hobby für die Argen“

Weniger absehbar ging der zwischen Zynismus und Humor, Wissenschaft und Wahnsinn angesiedelte Text von Vera Buck bei der Preisverleihung leer aus. Auch ihre perfekte und doch persönliche Intonation bei der Präsentation beeindruckte. Dagegen fühlt sich Medienbewusstsein und gekonnter Umgang mit Selbstvermarktung bei mancher Textdarbietung gelegentlich auch als Overacting an. Da wird ein kleiner Bruch in der Stimme schon wieder zum Anker in der weit verbreiteten stimmlichen Hörbuchmaschine. Die Preisverleihung führte dann aber wiederum sympathisch verdatterte Autoren vor. Mit „Danke, das ist freundlich“, nahm der 23-jährige Juan S. Guse seinen Preis entgegen, wahrscheinlich ganz ohne Ironie. „Dankeschön, oder in meiner Generation: Scheiße geil“, sagte dagegen der 22-jährige Lyrikpreisträger Martin Piekar.

Wieder von der Bühne runter, war ein „Leider!“ vom jungen Dichter zu vernehmen. Wie bitte? „Jetzt sagen alle, das ist der Preis fürs Nesthäkchen.“ Darin dürfte sich Piekar, der sicher ein Ausnahmetalent ist und eher nach Gothicerfahrenheit als nach Nesthäkchen aussieht, täuschen. Seine Gedichte, deren Inhalte das Alter des Schreibers nicht leugnen, haben ein starkes persönliches Idiom, sie sind interpunktions-, form- und rhythmusbewusst, sie führen die Emotion in konzentrierte Sätze, die im Ohr hängen bleiben. „Ich brauche ein kleinwenig Weltschlaf“, heißt es im „Bastard“-Zyklus, in dem „Voodooentropie als Hobby für die Argen“ gilt und der Sprecher weiß: „Es gibt kein Wort, das mich jemals verstand.“

Lyrische Bildhaftigkeit hatte auch der Prosatext von Juan S. Guse (Hildesheim) zu bieten. Der in seiner vegetativen Wachheit interessanteste Text „Pelusa“ wurde zu Recht prämiert. Hier, auf „Kilometer 79“, irgendwo in den Anden, wird die Häuslichkeitsthematik des Jahrgangs in ein leicht schwarzromantisches Innenraumöffnen umgestülpt, das, wenn es den Halt an haptischen Beschreibungen und taktilen Informationen verliert, ständig die Gefahr spüren lässt, von der Imaginationskraft des Ich-Erzählers überflutet zu werden. Diese Drohung ist eine zutiefst literarische.

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