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Literatur

19. Dezember 2012

200 Jahre Brüder Grimm: Es war einmal ...

 Von Cornelia Geissler und Kerstin Krupp
Tief im Märchenwald....Foto: Grafik: Isabella Galanty / Montage: kho

Am 20. Dezember 1812 erschien die erste Ausgabe der „Kinder- und Hausmärchen“. Noch heute ziehen die Geschichten, ob in alter Form oder neu erzählt, Kinder in ihren Bann.

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Im Winter, wenn die Seele fröstelt, locken inmitten Berlins zwei Blockhütten mit märchenhaften Geschichten. Sie heißen Jakob und Wilhelm, wie die zwei Brüder, deren Geschichten jedes Jahr aufs Neue Kinder wie Erwachsene in die Holzhäuschen locken. Die Vorstellungen, bis zu elf am Tag, sind wie jedes Jahr seit Wochen ausverkauft. Erst für den Januar gibt es wieder Karten für „Das tapfere Schneiderlein“, „Der Fischer un sin Fru“ oder „Frau Holle“.

Der Erfolg hat die Schauspieler vom Hoftheater Hexenkessel selbst überrascht. Als sie 2006 ein 150 Jahre altes Holzhaus im Osten Polens abbauten, um es als Märchentheater in Berlin wieder aufzubauen, wollten sie vor allem eins – einen Winterspielort für sich schaffen. Inzwischen ist es eine Pilgerstätte für Grimm-Freunde. Dieses Jahr, zum 200. Jahrestag der Erstausgabe der „Kinder- und Hausmärchen“, kam die zweite Hütte dazu. Für den Regisseur Jan Zimmermann liegt eine Erklärung für die ungebrochene Faszination im Klang der Worte. „In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, ...“ So beginnt das Märchen vom Froschkönig. „Diese Texte haben es nicht nötig, verändert zu werden.“

Dem kann Heinz Rölleke nur beipflichten. Der emeritierte Germanist ist ausgewiesener Märchenexperte und wissenschaftlicher Berater der Brüder-Grimm-Gesellschaft. „Allein die Sprache versetzt die Kinder in eine andere Welt.“ Zudem steckt viel Wahrheit über die menschliche Existenz in den Geschichten. Urprobleme werden behandelt, die auch Kinder verstehen und auf ihre Art bereits erfassen: Tapferkeit, Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, Eifersucht und auch Tod. Sie appellieren an den Gerechtigkeitssinn und am Ende gewinnt der Schwache.

Menschen mit Flügeln im Packeis

Die Zahlen geben den Puristen scheinbar recht. Die von den Brüdern Grimm dem Volksmund abgelauschte Sammlung von „Kinder- und Hausmärchen“ ist eines der meistgelesenen Bücher der Welt, übersetzt in 160 Sprachen. Dabei wird zuweilen frei variiert, in Inhalt und Form. Es gibt sie längst als Comics oder interaktiv für den Tablet-PC. Märchen sind immer wieder Anregung für Autoren und Regisseure, eigene Geschichten zu erzählen.

Bei der Schriftstellerin Kirsten Boie wird Prinzessin Rosenblüte wachgeküsst und Rumpelstilzchen heißt jetzt Eberhard Schulze. Die Helden der jüngsten Jugendbuchserie von Cornelia Funke, „Reckless“, geraten in eine Welt hinter dem Spiegel, wo die Figuren aus der Sammlung der Brüder Grimm leben. Doch es ist eine gefährliche, düstere Welt. In Zoran Drvenkars neuem Jugendbuch „Der letzte Engel“ werden gar die alten Märchensammler selbst zu Rate gezogen, um zu deuten, warum sich Skelette von Menschen mit Flügeln im Packeis fanden. Und Karen Duve erzählt in „Grrrimm“ für Jung und Alt, wie Schneewittchens Wohngemeinschaft mit sieben Männern funktioniert und was der Wolf so bei der Großmutter auf dem Nachttisch hinterlassen hat.

Im Kino wird’s im nächsten Jahr wieder blutig. Ende Februar ziehen Jeremy Renner und Gemma Arterton als erwachsene Hänsel und Gretel los, um als „Hexenjäger“ dem bösen Kinderfängertreiben im Wald ein Ende zu machen. Das Hollywood-Spektakel setzt fort, was 2012 mit „Snow White and the Huntsman“ und Kristen Stewart als wehrhafter Königstochter begann. Als Action-Format unterhalten die Grimmschen Märchen heute ein Publikum, das ins Kino geht, um das Fürchten zu lernen.

Wer dafür noch zu jung ist, macht es sich bei den Dreamworks-Animationsfilmen wie „Shrek“ und „Der gestiefelte Kater“ gemütlich. Für all diese Filme erweist es sich als hilfreich, mit Märchen aufgewachsen zu sein, denn die sehr freien Adaptionen sind besser zu verstehen, wenn man von der zauberhaften Rolle des Spiegels oder von der kateraufrichtenden Kraft der Stiefel schon mal was gehört hat.

Märchenverfilmungen sind fast so alt wie das Kino selbst. Frau Holle, Aschenputtel und Dornröschen fanden schon im Stummfilm den Weg auf die Leinwand. Es sind die Schicksalsfragen um Elternliebe, Geschwisterbeziehungen und das Lebensglück, die in den alten Geschichten anklingen und in den Köpfen und Herzen bleiben.

Neu im Fernsehen: Allerleirauh

Berühmt und weit über die engen Grenzen der DDR hinaus beliebt sind die Märchenverfilmungen der Defa. Filme wie „Der Froschkönig“, „Frau Holle“, „Schneewittchen“, „König Drosselbart“ und „Das singende, klingende Bäumchen“ sind mit dafür verantwortlich, wenn Erwachsene heute noch die Handlung mancher Grimm-Märchen nacherzählen können. Sie haben diese Filme wieder und wieder gesehen. Die Koproduktion mit der CSSR „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ aus dem Jahr 1973 läuft jede Weihnacht mehrmals im Fernsehen, sie hat regelrechte Fans, die zum Schloss Moritzburg bei Dresden pilgern, um einmal wie Aschenputtel die Treppe hinunterzustolpern.

Und es geht immer weiter: Nachdem im Kinderkanal seit 1999 alberne Trickfilme liefen, die die Handlung auf ihre Zauber- und Wunderelemente verkürzten, packen die ARD-Anstalten seit 2008 Kreativität und Geld zusammen. Seither entstehen lebendige, lustige und das Original angenehm leicht verwandelnde Märchenfilme, die nun auch schon zur Weihnachtsfernsehtradition gehören. „Hänsel und Gretel“, „Allerleirauh“, „Schneeweißchen und Rosenrot“ und „Rotkäppchen“ kommen in diesem Jahr neu dazu.

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