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Literatur

05. Februar 2016

Abbas Khider „Ohrfeige“: Der Mensch im Durchgangsland

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Mann auf Winteracker: Auch wenn es zu kalt ist, um sich bis auf die Unterwäsche auszuziehen, hat das komisches Potenzial.  Foto: epd

Die Katastrophe des Nie-irgendwo-ankommen-Dürfens: Abbas Khider erzählt in seinem neuen Roman „Ohrfeige“ die Geschichte eines ewigen Flüchtlings.

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Es kann viele Gründe geben, warum jemand seine Heimat verlassen will. Meist sind sie existenzieller Natur. Auch Karim, der Held von Abbas Khiders neuem Roman „Ohrfeige“ schlägt sich mit einem ziemlich existenziellen Problem herum, auch wenn es auf den ersten Blick eher läppisch erscheinen mag: Karim hat nämlich Brüste.

Wir schreiben die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, Saddam Hussein herrscht unangefochten im Irak. Dort wächst der junge Karim auf. Als er in die Pubertät kommt und ihm das unpassende Geschlechtsmerkmal am Körper wächst, ist er mit seinen Nöten sehr allein, denn es scheint ihm völlig unmöglich zu sein, über sein Problem mit der unerwünschten Unmännlichkeit zu reden. Knapp zwanzigjährig beschließt er, es irgendwie nach Europa zu schaffen, vorzugeben, dort studieren zu wollen, und sich die Brüste wegoperieren zu lassen. Der erste Teil des Plans klappt auch beinahe. Doch weil sein Schlepper schlampt, landet Karim nicht in Paris, wo ein Onkel auf ihn wartet, sondern in Bayern, wo er keine Menschenseele kennt.

Abbas Khider selbst stammt ebenfalls aus dem Irak, wo er sich politisch gegen das Saddam-Regime engagierte, in große Schwierigkeiten geriet, im Gefängnis gefoltert wurde und schließlich flüchten konnte. Um die Jahrtausendwende kam er nach Deutschland, zur selben Zeit wie sein Romanheld. Das bedeutet, dass der Autor die Situation gut kennt, die er beschreibt, doch natürlich ist das Schicksal seiner Romanfigur ein völlig anderes.

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Die Geschichte des jungen Karim hat vor allem kein vergleichbar erfolgreiches Ende: In Deutschland erlebt er aus der Ferne die Anschläge vom 11. September 2001, dann den amerikanischen Einmarsch in den Irak und Saddams Husseins Sturz. Nach dem Ende des Regimes wird Karims Asylstatus widerrufen. Nach Jahren in Deutschland, in denen er in miesen Jobs geschuftet, Deutsch gelernt und sich alle erdenkliche Mühe gegeben hat, sich einzupassen, ist er gezwungen, weiterzuziehen. Bevor er sich in die Hände eines Schleusers begibt, der ihn nach Finnland schaffen soll, bringt er jedoch die zuständige Sachbearbeiterin der Asylbehörde in seine Gewalt – zumindest scheint es so – und zwingt sie, sich seine Geschichte anzuhören.

Der gesamte Roman ist ein an die oft so unvernünftig und unmenschlich agierende Bürokratie gerichteter Monolog. In der angesprochenen, aber als Person nicht agierenden Frau Schulz personifiziert sich ein Prinzip. Diesem sonst so abweisenden, unpersönlichen Frau-Schulz-Prinzip, das er an einen Stuhl fesseln musste, damit es einmal zuhört, erzählt Karim alles, auch solche Dinge, über die er wahrscheinlich noch mit keinem Menschen gesprochen hat. Von den Brüsten, natürlich, aber nebenbei auch davon, dass er glaubt, mit diesen überlebe ein Teil einer geliebten Freundin aus der Kindheit in ihm, die als Kind vergewaltigt und ermordet wurde, ohne dass je versucht worden wäre, die Täter zu finden. Auch Karims Brüste sind ein Prinzip – oder vielmehr eine Metapher.

Abbas Khider: Ohrfeige. Roman. Hanser Verlag, München 2016. 224 Seiten, 19,90 Euro.

Khider ist ein Meister darin, existenzielle Verzweiflung in kleinen Momenten absurder und anderer Komik zu spiegeln. Weil Frauenbrüste nicht an einen Männerkörper gehören, sind sie ein groteskes Element. Weil man nicht mitten im Winter auf einem deutschen Acker steht und sich bis auf die Unterwäsche auszieht, um die Kleider zu wechseln (das macht Karim, um als Flüchtling nicht allzu abgerissen unter den Deutschen zu erscheinen), ist das eine absurde kleine Szene, eine von vielen ähnlichen. Wenn ein Freund von Karim irgendwann durchdreht und zum religiösen Fanatiker wird, agiert er so burlesk übertrieben, dass es einfach komisch wirken muss. Wenn die Araber streiten, fliegen die Töpfe mit Tomatensoße an die Wände wie in einer Schmierenkomödie.

Abbas Khider macht es uns leicht, uns und Frau Schulz. Überall findet er diese oft nur kurzen Momente, die ein erheiterndes Schlaglicht auf eine Szene werfen, die bei trüberer Beleuchtung vielleicht nur traurig wäre. Dieses Erzählen, vollkommen sachlich im Tonfall, aber mit Sinn für das Absonderliche, oft genug Komische, hilft – oder täuscht sogar – hinweg über die dahinterliegende Tragik. Das ist vielleicht die beste, auf jeden Fall leserfreundlichste Art, eine Geschichte wie die von Karim zu erzählen. Man ahnt das ganze große Ausmaß der emotionalen Katastrophe, die sich irgendwo hinter der Erzähloberfläche anbahnt, vielleicht kann man sie sogar sehen. Und dabei bleibt sie doch schön auf der anderen Seite. Wir hier draußen aber lesen und lächeln.

Es wäre schade, wenn „Ohrfeige“ lediglich als Kommentar zur aktuell ewig scheinenden Flüchtlingsdebatte wahrgenommen würde. Sowieso beschreibt Khiders Roman natürlich eine politisch ganz andere Situation. Gleichzeitig steht dieses Karim-Schicksal, dieses Nie-irgendwo-ankommen-Dürfen, für eine Katastrophe, der viele Menschen wahrscheinlich noch an vielen Orten auf diesem Planeten lange ausgesetzt bleiben werden. Deshalb wird diese Geschichte auch immer wieder neu sein, Gültigkeit erst einmal unbegrenzt. Und da das auf ihre literarische Haltbarkeit hoffentlich ebenso zutrifft, wird es vermutlich nicht nötig sein, die Leute zum Lesen an einen Stuhl zu fesseln.

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