Es gibt einen Widerstreit von Anmutung und Vernunft. Der polnische Dichter Adam Zagajewski spricht von Lyrikern, „deren Werk nicht nach Rosen duftet, sondern nach Verstand“. Auch sein deutscher Hanser-Verleger Michael Krüger kann ihnen zugerechnet werden.
In Krügers Gedichtband „Ins Reine“ bleibt die Präsenz einer scharfen Vernunft unbetont, sie ist mit einer „Witterung für das Falsche“ einfach da, ungeachtet aller der Natur entnommenen Bilder. Ein Gedicht ist hier der extravagante Umweg der Vernunft, eine vieldeutige Verbindung zum Zweifel und zu jenem Rest, der sich dem Verstande nicht beugt. Alles hinter sich lassend, was Absicht sein kann, raffiniert, aber ohne Vorsatz. Doch auch die Vorzüge der Absichtslosigkeit sind dem Widerstreben von Erkenntnis und Naturbild ausgesetzt: „Ich sage: Mein Nussbaum! / So wie ich sage: Meine Überzeugung / oder: Mein Leben. Aber sicher / bin ich mir nicht. / Dieses Jahr gibt es keine Nüsse.“ Im Widerspruch von Anmutung und Gedanken bekommen selbst Naturbilder einen polemischen Sinn.
Differenz in der Wiederholung
Das ungebundene Ich bleibt allgegenwärtig, aber Natur und Landschaft sind überall anders. Gegen die eigene Lähmung wird die sich ständig verändernde Natur zum Zeugen. Dabei muss nichts so sein, wie es scheint. Die Natur widerstrebt ihrer Nachahmung. Mit dem nächsten Gedicht beginnt alles von vorn. „Wieder lese ich, gegen meinen Willen, / von der Gleichgültigkeit der Natur / und stürze in den zerzausten Garten, / um mich, mit den Vögeln, / in Zorn und Rage zu reden.“ Verfehltes Verlangen, verhallte Vernunft. Die Pointe wird in das Gedicht „Saeculum obscurum“ verschleppt: „Im Wald übt man / die Vogelpredigt, / da gehören wir hin.“ Krüger vermag auch Wiederholung mit Differenz aufzuladen. Auch bei den „Krähen von Corbara“ zeigt sich eine Gleichzeitigkeit des Verschiedenen. „Ja, die Krähen von Corbara, halb dem Land, / und halb dem Meer zugehörig, demonstrieren sie / über der Steilklippe das Gleichgewicht der Welt. / Und wir, mit unserer Witterung für das Falsche, / aufrecht und verletzbar, schauen glotzend zu.“ Ein Gleichgewicht der Welt bleibt ein Ideal poetischer Naturnachahmung, von dem man weiß, dass es im Leben nicht gelingen kann. Aber wo man keine Fragen mehr hat, geht das Dichten nicht weiter. Krüger bewegt sich mit Vorliebe aus vorgefundenen Zusammenhängen heraus. „Man muss nur einen Stein aufnehmen, / der lange im Gras gelegen hat, / um der Großen Stimme zu misstrauen.“
Biografisches Gedächtnis
Aber als Dichter fällt er nicht aus der Zeit. Neben einem individuellen Geflecht von Bedeutungen finden sich auch Einschlüsse eines biografischen Gedächtnisses. „Als die Kindheit zu Ende war, / hörte das Staunen auf. / … / In der Linde, älter als Krieg / und älter als Frieden, / hing der Bürgermeister und hörte, / kopfunter, den Bienen zu. / Er hatte es nicht so gewollt.“ Welche Kindheit öffnet sich für einen vom Jahrgang 1943 hinter solchen Versen. Aber Ursprung gibt es auch in der Vieldeutigkeit von Ding und Wort. Im titelgebenden Gedicht „Ins Reine“ heißt es: „Wir haben meine Kindheit nachgestellt / mit unscheinbaren Dingen. / … / Ein Apfel rollt traurig vom Tisch / und bricht, wie Wörter brechen, / wenn man sie lange nicht benutzt.“
Solche Gedichte schreibt man nicht im Handstreich. Erst Intervalle geben sie frei. Dabei gewinnt selten ein Moment der Spracherregung die Oberhand, alles bleibt beherrscht. Überschießende Modernität ist nicht das Ziel. Michael Krüger zeigt sich als Suchender und Skeptiker, zwischen Anmutung und Vernunft, schlechthin Idylliker ist er nirgends. Als Dichter überrascht er mit inhaltlicher Weite bei ästhetischer Strenge.
Der Autor liest am 30. November in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt. www.d-nb.de
Michael Krüger: Ins Reine. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 120 Seiten, 16,80 Euro.