Alan Pauls betritt das Foyer des Hamburger Hotels Baseler Hof mit einer wohltuend ungeordneten Frisur in grauem Blond, Jeans, T-Shirt, einem Wollpullover mit V-Ausschnitt und bestellt dazu beim Kellner ein Glas Mineralwasser.
Der 50 Jahre alte argentinische Autor wirkt wie jemand, der spontan eingewilligt hat, am Nachmittag einen Gast zu empfangen, obwohl ihm der Anlass des Besuchs bisher nicht vollständig plausibel geworden ist. Was damit zu tun haben mag, dass der Anlass in seinem Leben bereits einige Zeit zurückliegt.
Als sein Roman "El pasado", der seit wenigen Wochen in deutscher Übersetzung vorliegt, 2003 im Original erschien, arbeitete Pauls als Redakteur der argentinischen Tageszeitung Página 12. "Die Vergangenheit", ausgezeichnet mit dem Literaturpreis Premio Herralde des spanischen Anagrama-Verlags, hat Pauls, mittlerweile freier Autor, über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht.
Alan Pauls gilt als einer der bekanntesten Vertreter der jüngeren argentinischen Literatur. Der Klett-Cotta Verlag hat ein Zitat des chilenischen Autors Roberto Bolaño auf den Umschlag gedruckt: "Einer der größten lebenden Autoren Südamerikas!" Was nicht nur deshalb skurril klingt, weil Bolaño selbst vor ein wenigen Jahren verstorben ist.
"Die Vergangenheit" erzählt die Geschichte des Fremdsprachenübersetzers Rímini, der sich nach zwölf Jahren Ehe von seiner Frau Sofía trennt und mit Anfang 30 den wiewohl enthusiastischen, aber dennoch vagen Versuch eines Neuanfangs unternimmt.
Rímini beginnt neue Beziehungen, stürzt sich in Arbeits- und Drogenexzesse, ohne dabei jemals seiner Geschichte, dem drängenden Schatten Sofías zu entkommen, die ihn mit Anrufen, Nachrichten, Liebesbeweisen verfolgt, die Unmöglichkeit beschwörend, die Vergangenheit zum Schweigen zu bringen - eine Obsession, die sich in der wiederkehrenden Aufforderung verdichtet, die 1564 Bilder der gemeinsamen Fotosammlung untereinander aufzuteilen.
Die Ehe von Rímini und Sofía beginnt 1977, ein Jahr nach dem Putsch der argentinischen Militärs. Dennoch spielen die anschließenden sieben Jahre der Diktatur abgesehen von knappen Erwähnungen im Text keine Rolle, scheinen sich die Protagonisten in einem zeitlosen Raum zu bewegen - eine auffällige Leerstelle. Selbst die physischen Räume, die sie durchmessen, in allererster Linie Buenos Aires, bleiben schemenhaft, grobe Kulissenskizzen, die keine Ablenkung bieten vom Ausweiden der seelischen Innereien.
Pauls nimmt einen Schluck Wasser und seufzt. Der Putsch. Die Diktatur. Die Verschwundenen. Er lehne das Abgleiten in Klischees ab, wolle nicht "den Argentinier" geben. "Politik interessiert mich. Sie interessiert mich so sehr, dass ich mich 20 Jahre lang außerstande gesehen habe, etwas zu schreiben, das die Politik meines Landes zum Gegenstand hat."
In seinem Roman, sagt Pauls, sei die Liebe an die Stelle der Politik getreten, letztere auf diese Weise sehr wohl Teil der Handlung. "Die Liebe ist so etwas wie ein Zufluchtsort, ein Refugium, in das sich die Protagonisten zurückgezogen haben, nachdem ihre Welt durch eine Katastrophe zerstört worden ist." Es sei die "gigantische Macht der Liebe", die ihn interessiere, sagt Pauls, eine der wenigen menschlichen Erfahrungen, die Politik substituieren könne.
Die unausgesprochene Katastrophe ist an den Überlebenden nicht spurlos vorübergegangen. Sie spiegelt sich in ihren Beschädigungen. Mehr noch als eine Geschichte der Liebe erweist sich "Die Vergangenheit" als ein Bericht über ihre pathologischen Varianten. Die Liebenden quälen einander mit Eifersucht, lassen sich keinen Raum zum Atmen. Die Sexualität wird zum Schlachtfeld der Unfähigkeit, die engen Grenzen des geschundenen Ichs zu überwinden. Alles Suchen nach Sinn und Vitalität endet am Ende doch in einer neuen Schleife der Selbstzerstörung, die ihr sprachliches Äquivalent in langen Schachtelsätzen findet, in denen Metaphern wie Tumore wuchern.
Einen Kern des Romans, eine Geschichte in der Geschichte, ist die lose mit Rímini und Sofía verknüpfte Biografie des fiktiven Künstlers Jeremy Riltse, der Begründer der "Sick Art", insbesondere die Odyssee des Werks "Trügerisches Loch" - Es entsteht, als der homosexuelle Künstler einen Geliebten dazu auffordert, zehn Leinwände mit seinem Glied zu durchstoßen. Das Bild unternimmt eine wilde Reise durch Europa, bis es schließlich an der Wand einer argentinischen Gästetoilette endet. Ein postmoderner, tauber Kosmos, in dem Empfinden nur als Schmerz mitteilbar, fühlbar wird.
Alan Pauls arbeitet derzeit an einer Trilogie, deren erster Teil, "Die Geschichte des Weinens", im kommenden Herbst zum Buchmessenschwerpunkt Argentinien in deutscher Übersetzung erscheinen wird. Er werde darin, sagt Pauls, die 70er Jahre thematisieren. "Das allerdings auf eine Weise, die im Ausland womöglich ebenso wenig argentinisch erscheinen wird." Ein Glück.
Der Autor liest heute Abend, 19 Uhr, im Frankfurter Instituto Cervantes, Staufenstraße 1.
Unser Literatur-Magazin zur Buchmesse gibt’s jetzt auch als multimediale App fürs iPad - mit Videos, Hör- und Leseproben.