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Literatur

07. November 2013

Albert Camus: Die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt

 Von Wilhelm von Sternburg
"Nobelpreis. Einzigartiges Gefühl der Niedergeschlagenheit und Wehmut." Albert Camus im Oktober 1957.  Foto: dpa

Albert Camus, der heute vor 100 Jahre geboren wurde, erzählt von der Kunst, in schrecklichen Zeiten mit Anstand zu überleben.

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Albert Camus, der heute vor 100 Jahre geboren wurde, erzählt von der Kunst, in schrecklichen Zeiten mit Anstand zu überleben.

Die Wucht des ersten Satzes bildet die radikalste Antwort, die ein Literat des 20. Jahrhunderts auf den Fall Europas in den Barbarismus gefunden hat: „Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord.

Neue Bücher

Martin Meyer: Albert Camus. Die Freiheit leben. Carl Hanser Verlag, München 2013. 368 S., 24,90 Euro.

Michel Onfray: Im Namen der Freiheit. Leben und Philosophie des Albert Camus. Aus dem Französischen von Stephanie Singh. Knaus Verlag, München 2013. 573 S., 29,99 Euro.

Iris Radisch: Camus. Das Ideal der Einfachheit. Eine Biographie. Rowohlt

Verlag, Reinbek bei Hamburg 2013. 349 S., 19,95 Euro.

Albert Camus: Sämtliche Dramen in Neuübersetzung. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel

und Uli Aumüller. Rowohlt Verlag Reinbek bei Hamburg 2013,

584 S., 26,95 Euro.

Leben heißt handeln. Begegnungen mit Albert Camus. Textauswahl Ruthard Stäblein. 2 CD. Wiederauflage: der hörverlag 2013, 14,99 Euro.

Der Vorhang europäischer Scheinmoral ist zerrissen

Sich entscheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht, heißt auf die Grundfrage der Philosophie antworten.“ Als Albert Camus diese Sätze 1941 in seinem Essay „Der Mythos des Sisyphos“ veröffentlicht, liegen hinter Europa der Erste Weltkrieg und die Verelendung der Massen in der Weltwirtschaftskrise, in Russland verschlingt der stalinistische Terror Hunderttausende, Frankreich ist von deutschen Truppen besetzt, das große Morden des Zweiten Weltkrieges hat begonnen, und die Deutschen bauen die Vernichtungslager, in denen sie bald Europas Juden systematisch ermorden werden. Der europäische Wertekodex, die großen philosophischen Weltgebäude der Kants und Hegels, die schon länger brüchige Glaubensideologie der christlichen Kirchen versinken in einem Meer von Unfreiheit und Mord, Folter und Blut. Der Vorhang europäischer Scheinmoral ist zerrissen, und wer die Hölle von Krieg und Terror überlebt hat, findet keine Antworten mehr auf die Frage, was unserem Leben moralisch und geistig noch einen Sinn geben könnte.

Da kommt der Mann aus dem Arbeiterviertel Algiers und berichtet uns vom Absurden unserer Existenz: „Das Absurde ist der Zusammenprall des menschlichen Rufes mit dem unbegreiflichen Schweigen der Welt.“ Wie kann es denn sein, fragt er, dass wir leben und wollen, streben und handeln, obwohl wir doch wissen müssen, dass am Ende immer und unverrückbar der Tod steht. Diese Erkenntnis war nicht neu. Aber Camus’ heroischer Hinweis, dass wir uns von dem, was uns geschieht, nicht irritieren lassen dürfen, denn es ist eine Illusion, das Schicksal des Menschen durch irgendeine höhere Bedeutung erklären zu können, lässt uns Ratlose aufhorchen. Stimmig leben kann nur, wer das „Brot der Gleichgültigkeit“ isst. Diese mutige Akzeptanz des Sinnlosen lässt Camus zum Autor einer Generation werden, die zwischen Grauen und Entfremdung von Untergang zu Untergang taumelt. „Es gibt kein Schicksal, das nicht durch Verachtung überwunden werden kann.“ Camus erzählt von der Kunst, in schrecklichen Zeiten mit Anstand zu überleben.

Das Geheimnis dieses Autors, seines wenn auch zu Lebzeiten vielfach angefeindeten, so doch epochalen Auftritts in der Literatur ist nicht zuletzt die Klarheit seines Denkens und die radikale Einfachheit seiner Texte. „Es gilt einfach zu sein, wahr, keine Literatur – sich hinnehmen und sich hingeben.“ Die kahle nüchterne Sprache, die sich besonders in den frühen Werken findet, hat Camus’ Leser bis heute fasziniert. Der Roman „Der Fremde“, erschienen 1942, beginnt mit den Sätzen: „Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß nicht.“ Von einem „gleichgültigen“ Leben wird erzählt. Der Angestellte Meursault wird am Strand von Algier „zufällig“ einen Araber erschießen. Den Prozess, der mit einem Todesurteil endet, verfolgt Meursault, als würde im Gerichtssaal über einen ihm fremden Menschen verhandelt. Als ihm kurz vor der Hinrichtung ein Pater von seinen Gewissheiten erzählt, antwortet er zornig: „Nichts, nichts wäre von Bedeutung ...“. Und doch: Über dem einen sinnlosen Tod Erwartenden öffnet sich der Sternenhimmel, und er spürt „zum ersten Mal ... die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt“.

"Warum sollte man selten lieben, um stark zu lieben?"

Camus, der Prediger der Hoffnungslosigkeit, ist im letzten kein Nihilist. „Im schwärzesten Nihilismus unserer Zeit suchte ich nur Gründe ihn zu überwinden. Übrigens nicht aus Tugend ..., sondern aus instinktiver Treue zu jenem Licht, in dem ich geboren wurde und in welchem seit Jahrtausenden die Menschen gelernt haben, das Leben zu bejahen bis in seine Leiden hinein.“ Und sein Sisyhpos-Essay endet mit den berühmten Sätzen: „Der Kampf gegen Gipfel mag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ Besseren Trost hat uns auch Camus nicht zu bieten. Aber nach Verdun, nach Stalins Kerkern und Gulags, nach Stalingrad und Auschwitz, nach Hiroshima und Ruanda ist das sehr viel.

Weil unser Leben begrenzt ist, wir ja nur das eine haben, müssen wir es voll ausleben. „Lebe tief und heftig.“ Camus ist ein Mittelmeermensch. Ein Dandytyp, der blendend aussieht und durch den frühen Ausbruch der Tuberkulose stets in der Nachbarschaft des Todes lebt. Sein kurzes Leben wird von zahlreichen Geliebten begleitet. „Warum sollte man selten lieben, um stark zu lieben?“ Die Sonne und das Licht, der blaue Himmel und die weißen Mauern Nordafrikas reißen ihn zu Hymnen hin. „Im Frühling wohnen in Tipasa die Götter.“ Das Land seiner unerfüllten Sehnsucht wird Griechenland. Er sieht es mit den Augen des frühen Friedrich Nietzsche, träumt von seinen Göttern. Sisyphos rollt seinen Stein auf einen Berggipfel, der nur dort liegen kann, wo sein Schicksal zum Mythos geworden ist. Camus’ Romane und Erzählungen sind fast ausnahmslos in seiner Heimat angesiedelt, bei den Ruinen von Tipasa, am Strand von Algier, wo der Fremde mordet, in Oran, wo die Pest die Menschen hinwegrafft. „Ich wuchs am Meer auf, und die Armut schien mir kostbar; dann verlor ich das Meer, und aller Luxus schien mir fortan grau und das Elend unerträglich. Seither warte ich. Ich warte auf die Schiffe der Rückkehr ... .“

Die immer wiederkehrenden Depressionen überfallen ihn vor allem, wenn er in der französischen Metropole lebt. „Paris wird mehr und mehr zu einem Krankenhaus, in dem alles denselben Geschmack und denselben Geruch hat.“ Aber diese Stadt wird zum zweiten wichtigen Lebensort. Hier wohnen einige seiner vielen Freundinnen, hier ist sein Verlag Gallimard zu Hause, hier gehen viele Uraufführungen seiner Theaterstücke über die Bühne, und hier ist der Sitz der Redaktion des Résistance-Zeitung „Combat“, für die er als Leitartikler arbeitet. Er lebt im zänkischen, klatschigen, zeitweise auch fesselnden Intellektuellenkreis von Saint-Germain-des-Prés, in dem Jean-Paul Sartre das Wort führt. In Frankreich ist Camus Algerier, in Algerien Franzose. Heimat wird ihm Paris nie.

Nach dem Krieg sind Sartre und er die Stars am Pariser Literaturhimmel. Konkurrenzgefühle sind ihnen nicht fremd. Sie haben vieles gemeinsam und sind doch sehr verschieden. Mit der Veröffentlichung von Camus’ Essays „Der Mensch in der Revolte“ wird der Bruch endgültig. Sartre schreibt in seiner Zeitschrift „Les Temps Modernes“ einen tödlichen Verriss, der den Ruf Camus’ in der französischen Linken für Jahrzehnte ruiniert. „Und was ist, wenn Ihr Buch einfach nur von Ihrer philosophischen Inkompetenz zeugen würde?“ Camus ist tief gekränkt. Er zieht sich zurück. Auch die Verleihung des Literaturnobelpreises im Jahr 1957 wird an seiner Ächtung nichts ändern.

Anders als Sartre bleibt Camus ein unbeirrbarer Kritiker des Totalitarismus

Hinter berechtigten kritischen Einwürfen zu Camus’ Revolte-Essays ist der tiefere Grund dieses Zerwürfnisses sowohl im Politischen als auch im Privaten zu finden. „Was ist ein Mensch in der Revolte? Ein Mensch, der Nein sagt.“ Nach einem kurzen Liebäugeln mit dem Kommunismus sagt Camus in den vierziger Jahren entschieden Nein zum Terror Stalins, zur Unterdrückung des Ostberliner Arbeiteraufstandes in Berlin im Jahr 1953 und zu dem drei Jahre später erfolgten Einmarsch des Warschauer Paktes in Ungarn.

Camus bleibt ein unbeirrbarer Kritiker des Totalitarismus. Sartre und sein Kreis stehen zur Politik der Sowjetunion, nehmen den Terror der kommunistischen Diktaturen hin, ja verteidigen ihn. Camus unterstützt die Résistance. Sein absurdes Schauspiel „Caligula“ erzählt von einem verrückten Herrscher und Massenmörder. Wie der Roman „Die Pest“ lässt sich auch dieses Stück als Hinweis auf Faschismus und Nationalsozialismus lesen, die Europa zu vernichten drohen. Sartre nimmt die Résistance nicht besonders ernst, aber mit seinem Schauspiel „Die Fliegen“, das 1943 uraufgeführt wird, will der Autor seine Landsleute ebenfalls aufrütteln. Sartre unterstützt in den fünfziger Jahren die algerischen Aufständischen, Camus, der Algerien-Franzose, kann sich seine Heimat losgelöst von Frankreich nicht vorstellen und setzt sich leidenschaftlich für eine Reformpolitik in Algerien ein.

Beide wachsen vaterlos auf, Camus in ärmlichsten Verhältnissen in Belcourt, dem Arbeiterviertel Algiers, Sartre in bildungsbürgerlicher Wohlhabenheit. Camus’ lebenslang geliebte und verherrlichte Mutter ist Analphabetin, und die Großmutter züchtigt die Brüder Camus’ mit dem Ochsenziemer. Sartre lebt schon als Kind unter Bücherbergen. Aufsteiger der eine, Absolvent der École normale supérieure der andere. Sartres Kommunismus ist auch intellektuelle Spielerei, Camus kennt das Elend der Vorstädte von Algier und im Atlasgebirge der Berberstämme aus eigenem Erleben.

Sartre lehnt den Nobelpreis ab, und Camus erlebt nach der Verleihung eine seiner schwersten Depressionen. Im Tagebuch notiert er: „Nobelpreis. Einzigartiges Gefühl der Niedergeschlagenheit und Wehmut. Als ich 20 war, arm und nackt, habe ich den wahren Ruhm gekannt. Meine Mutter.“ Sartre schreibt in „Die Wörter“, dem so wundervollen Bericht über seine Jugend: „Ein verwöhntes Kind ist nicht traurig, es langweilt sich königlich.“ Camus dagegen: „Was kann ein Mensch sich besseres wünschen als Armut? Ich habe nicht Elend gesagt ... Aber ich sehe nicht, was man sich mehr wünschen kann als mit tätiger Muße verbundene Armut.“ Sartre braucht die Menschen und genießt wohl die Öffentlichkeit. Der bindungsunfähige Camus kokettiert vor sich selbst mit seiner Sehnsucht nach der Einsamkeit eines Hauses in der Provence, dem Licht Algiers, dem „einfachen Leben“.

Am Ende aber behält der libertäre Humanist Camus recht: Die Sowjetunion bricht 1990 zusammen, die kommunistische Ideologie erweist sich als eine der großen Lügen des 20. Jahrhunderts, und selbst die Frage, ob Algerien mit seiner blutig erkämpften Unabhängigkeit glücklich geworden ist, bleibt zumindest eine Diskussion wert.

Als am 4. Januar 1960 auf dem Weg von seinem Haus im südfranzösischen Lourmarin nach Paris der Wagen seines Freundes Michel Gallimard an einer Platane zerschellt, liegt neben dem toten Dichter eine Mappe mit dem Manuskript eines Romanfragmentes. Es wird 34 Jahre nach Camus’ Tod unter dem Titel „Der erste Mensch“ veröffentlicht. Eine Autobiographie: Rückkehr zu den Wurzeln der Jugend, Suche nach dem verlorenen Vater, Liebesschwur für die Mutter. Die große Einfachheit sollte sein weiteres Leben bestimmen. Ein absurder Tod kommt dazwischen.

Viele Jahre vorher schreibt Albert Camus einer Freundin: „Ich werde Journalist sein und jung sterben – warum sollte man den Leben nach-trauern, die man nicht gehabt hat.“

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