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Literatur

21. März 2016

Alexander Kluge: „Im Netz ist viel Ungeduld"

 Von Frank Olbert
Zu 92 Prozent die gleiche DNA: Mensch und Menschenaffe, der eine auf der einen, der andere auf der anderen Seite des Gitters.  Foto: rtr

Der Schriftsteller Alexander Kluge spricht im FR-Interview über die Verlässlichkeit von King Kong, die Notwendigkeit sich kurzzufassen und die Hoffnung, dass doch die kooperativen Träumer unter uns die Mehrheit haben.

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Herr Kluge, Ihr jüngstes Buch heißt „Kongs große Stunde“ – können Sie sich noch erinnern, wann und mit welchen Empfindungen Sie erstmals mit Kong in Berührung gekommen sind?
Als Sechsjähriger habe ich im Berliner Zoo einen Gorilla gesehen, und den Film „King Kong“ habe ich mit 18 Jahren gesehen.

Wissen Sie noch, was das in Ihnen ausgelöst hat?
Es hat Vertrauen ausgelöst. Der Großaffe in meinem Buch ist allerdings kein konkretes Tier, sondern eine Metapher. Es handelt sich um ein übersinnliches Wesen. Viel größer, als Gorillas in Wirklichkeit sind. Er steht auf dem Empire State Building und verteidigt das Liebste, was er hat, die junge Frau. Bevor er mit den Flugzeugen den Kampf aufnimmt (im letzten Film tut er das auf den Twin Towers), stellt er die junge Frau in einer sicheren Ecke auf dem Sims des Hochhauses ab. Das hat etwas sehr Verlässliches. Das Tier ist ja wild, undressierbar. Es ist ein Symbol für eine Kraft, die auch wir innerlich besitzen.

Mensch und Menschenaffe sind also auch Seelenverwandte?
Vermutlich, weil wir als homo sapiens über mehr Verschlagenheit verfügten, sind wir vor einigen Millionen Jahren an den Affen vorbeigezogen. Noch immer gehören wir, gemeinsam mit den Großaffen, zur Klasse der „Trockennasenaffen“. Verwandt sind wir also gewiss. Die Großaffen ziehen ihre Kinder fünf Jahre lang an der Mutterbrust auf. Diane Fossey beschreibt ihre Ruhe und Gelassenheit. Mein Gefährte Oskar Negt, mit dem ich Bücher geschrieben habe, hat neulich im Wiener Zoo einen Gorilla besucht. Der drehte dem Publikum den Rücken zu. Und Oskar, als geduldiger Ostpreuße, hat den ganzen Nachmittag gewartet. Doch bis der Zoo schloss, hatte sich der Gorilla noch immer nicht zu ihm umgedreht. Das nenne ich Gelassenheit.

Bewundernswert?
Ich stelle mir immer vor, dass nicht wir an diesen großartigen Wesen, die zu 92 Prozent die gleiche DNA wie wir haben, vorbeigezogen, sondern dass die an uns vorbeigezogen wären. Dann säßen wir im Zoo. Neulich wurde ich gefragt, ob dies nicht angesichts der Syrienkrise die bessere Lösung gewesen wäre.

Was hat Sie motiviert, das Buch nach Kong zu benennen?
Das Buch hat einen Untertitel: „Chronik des Zusammenhangs“. Ich habe im Jahr 2000 die „Chronik der Gefühle“ geschrieben. Und das ist nun die Ergänzung. Es gibt in der Gegenwart relativ wenig Tröstendes zu berichten. Zwar wurde in der Atom-Frage mit dem Iran im Jahr 2015 ein Kompromiss gefunden, und auch der positive Anfang auf der Klima-Konferenz im Dezember in Paris hat mich überrascht. Aber wenn Sie diese mageren Lichtpunkte mit den massiven „eingefrorenen“ und den „heißen“ Konflikten, den Minenfeldern auf dem Erdball, vergleichen, leben wir in einer riskanten Welt. Ich hatte das Bedürfnis, in dem Chaos eine Stelle zu finden, an der man Poetik positiv betreiben kann.

Zur Person
Alexander Kluge.

Alexander Kluge, 1932 in Halberstadt geboren, ist Schriftsteller, Filmer, Filmtheoretiker und Fernsehproduzent. Mehrfach erhielt er Grimme-Preise, 2003 den Georg-Büchner-Preis. 2012 war er Frankfurter Poetikdozent.

Sein jüngstes Buch heißt „Kongs große Stunde. Chronik des Zusammenhangs“ und ist im Suhrkamp Verlag erschienen, 680 Seiten, 38 Euro.

Was bedeutet das – wo finden Sie eine solche Stelle?
Da muss ich weit zurückgehen. In die Evolution oder zum Beispiel nach Pangäa, dem letzten globalen Riesenkontinent der Erdgeschichte, der vor mehr als 150 Millionen Jahren existierte. Unsere Vorfahren sahen damals anders aus. Aber vieles von ihnen tragen wir täglich in unseren Körpern und im Kopf umher. Bei einer Dinosaurierart, von der wir vermutlich abstammen, entstand mit der Zeit neben dem Maul eine kleine Scheune, in dem der Koloss Gras lagern konnte, wenn er kaute. Das war der Ursprung der menschlichen Wange. Es berührt mich, dass Lenin, wie berichtet wird, im Jahre 1917 verliebt auf die hohen Wangen einer Volkskommissarin starrte. Er dachte, der Klassengegner hätte die junge Frau auf ihn angesetzt, um ihn zu verführen. In diesem Moment fiel ihm auf, dass er zum Verfolgungswahn neigte: eine Einsicht. Eine Massenproduktion von solcher Erkenntnis hätte der Russischen Revolution, deren 100-jähriges Jubiläum kommendes Jahr ansteht, eventuell einen anderen Verlauf gegeben. Zwischen der Entstehung der Wange in der Evolution und einer Momentaufnahme in der Revolution gibt es einen langen Bogen. Aber es gibt solche Zusammenhänge.

Diese Zusammenhänge suchen Sie, spüren Sie in lauter kleinen Geschichten auf. Wie kommt es, dass Sie diese episodische Erzählstruktur bevorzugen?
Es ist viel zu erzählen. Man muss sich kurz fassen. Das ist auch gut möglich. Lebensläufe von Menschen finden im Einzelnen statt – in der Mikrostruktur. Der Ort, an dem mein Vater seinen Oberschenkelhals brach, umfasst nicht mehr als einen Quadratmeter. Es geschah in einer Sekunde. Das Genaue, und nicht das Allgemeine, das Regionale und nicht das Globale, das lässt sich am besten erzählen. Das ist auch objektiv so. Wenn man im Teilchenbeschleuniger des Cern in Genf das Allerkleinste studiert, gelangt man bis zu den fernsten Gravitationswellen im Kosmos. Das ist poetisches Futter.

Von den kleinsten hin zu den größten Fragen, das ist Ihr Ansatz?
Die hängen eben miteinander zusammen. Das meiste Reale in der Welt besteht aus Extremen – Mittelwerte entstehen erst im Computer. Ich habe einmal einen Film mit dem Titel gemacht „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“. Das meine ich ernst. Natürlich könnte ich einzelne meiner Geschichten auf 100 Seiten ausweiten, doch dadurch würde alles andere, was damit auch in Beziehung steht, unterdrückt. Aus Demut vor dem Ganzen wende ich mich dem Einzelnen zu. Das hat auch mit dem Internet zu tun.

Moment, das Internet als Ausdruck der Demut?
Sagen wir aus Respekt. Im Netz ist viel Ungeduld, weil so viel kommuniziert wird. Wenn etwas einen langen Atem braucht, muss es sich kurzfassen.

Können wir dem allen noch folgen?
Wenn wir von Syrien sprechen, dann fehlt Lampedusa. Wenn wir von Boko Haram handeln, fehlt Ukraine. Und wir leben nicht nur öffentlich, sondern unsere intime Erfahrung, das, was wir lieben, braucht Raum für das Erzählen. Wir haben heute von mehr Dingen Kenntnis als früher. Das macht gelassen. Wenn der französische Präsident im Angesicht der Pariser Terroranschläge sagt: Wir sind mit dem Kalifat im Krieg, dann verstehe ich seinen Elan. Aber ich weiß doch, dass bei aller Bitterkeit des 13. November 2015 in Paris, wirklicher Krieg noch anders aussieht. Brechen Kriege aus, hören sie in Jahrzehnten nicht wieder auf. Die Schlacht bei Verdun, die sich im Februar dieses Jahres zum 100. Mal jährte, zeigt den Unterschied. Der Erzählstoff hat sich im 21. Jahrhundert ins Unermessliche vermehrt. Will ich damit gründlich und genau umgehen, dann wird die einzelne Geschichte kurz. Das hat Balzac bereits vorgemacht, als er „Die menschliche Komödie“ in 88 Einzeltiteln verfasste.

Balzacs Romane sind allerdings deutlich länger.
Er lebte ja auch im 19. Jahrhundert. Er hatte eine übersichtliche Anzahl an Problemen vor sich. Aber seine Romane stehen in einem Verhältnis zueinander wie die Planeten im Sonnensystem. Sie sind nicht linear, sondern gravitativ verknüpft. Lineare Verknüpfung wäre wie in einem Bild von Grandville, wo Stangen und Brücken Erde, Mond und Saturn verknüpfen – was physikalisch unmöglich ist. Nein, unsere Welt bewegt sich rasant, hat aber gleichzeitig ruhende Pole. Aber niemals steht sie still. Das erfordert eine gewisse Konzentration in den Geschichten, die davon erzählen.

Diese Tatsache, dass unsere Welt niemals stillsteht – beunruhigt Sie das, ermüdet es Sie oder nehmen Sie es einfach so hin?
Das hat mehrere Seiten. Bei aller Unruhe gibt es verlässliche Momente. Dass wir als Menschen so alt und kompliziert sind, dass unser Darmtrakt reagiert, wenn wir uns Sorgen machen, das ist ein Anker. Das Erzählen macht solche Anker sichtbar. Trotz Aggression, Niedertracht, kriegerischem Geist, haben wir Menschen uns bis heute nicht gegenseitig ausgelöscht. Das überdimensional Böse im Leben oder der Literatur, wie in den Gestalten von Macbeth, Richard III. oder manchen Mörder im Dritten Reich, hatte wenig Nachkommen. Während der Sekretär Wurm aus „Kabale und Liebe“ von Schiller viele Kinder mit Luise hätte haben können. Die Verlässlichen und Kooperativen, die trotzdem ihre Träume haben – sie bilden die Mehrheit unter uns.

Ist das nicht eine sehr optimistische, bürgerliche Geschichtstheorie?
Das ist Beobachtung, keine Theorie. Außerdem entspricht es der Wahrscheinlichkeitsrechnung: Unter 7,2 Milliarden Menschen gibt es vermutlich mehr Begabungen vom Schlage Beethovens als unter den so deutlich weniger Menschen zu dessen Zeit. Das hat mit Optimismus nichts zu tun.

Interview: Frank Olbert

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