Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Literatur

16. Februar 2016

Alexander Monro "Papier": Über das Trägermedium der Druckerschwärze

 Von Ruth Fühner
Die Schrift im Zeichen chinesischer Papierlampions.  Foto: REUTERS

„Papier. Wie eine chinesische Erfindung die Welt revolutionierte“: Alexander Monros Kulturgeschichte beschreibt die großartige Karriere eines Materials, dass wir für selbstverständlich zu halten geneigt sind.

Drucken per Mail

Wenn Sie dies lesen – was halten Sie in der Hand? Bis vor ein paar Jahren wäre die Antwort wahrscheinlich gewesen: eine Zeitung. Oder, gewitzt durch die Lektüre des Medientheoretikers Marshall McLuhan: Ein Druckerzeugnis, dessen Materialität hinter die Botschaft dieses Artikels vollkommen zurücktritt. Für McLuhan allerdings bestand die Materialität der „Gutenberg-Galaxis“ vor allem im Schwarz der beweglichen Lettern.

Einen Schritt weiter geht – erstaunlicherweise ohne McLuhan auch nur in der Bibliographie zu erwähnen – der Sinologe Alexander Monro. Ihn interessiert das Trägermedium der Druckerschwärze: das Papier. Und das in einem Augenblick, auch darin folgt Monro unausgesprochen McLuhan, da das Medium den Höhepunkt seiner historischen Rolle überschritten hat – wofür Sie selbst der lebende Beweis sind, indem Sie dies nicht in der papierenen Zeitung, sondern elektronisch lesen.

Das Buch

Alexander Monro: Papier. Wie eine chinesische Erfindung die Welt revolutionierte. A. d. Engl. von Yvonne Badal. C.Bertelsmann, München 2016. 543 Seiten, 24,99 Euro.

Klar, dass Monro in seiner materialreichen Monographie den Bedingungen für die Herstellung von Papier und seinem (wohl nie völlig zu erhellenden) Ursprung in China folgt. Er schildert die unterschiedlichen Verfahren, die damit verbundenen Gewerbe und ihre Reise über den islamischen Raum bis ins christliche Europa, wo um 1235 die ersten Papiermühlen entstehen. Er beschreibt die Ablösung vorangehender „Beschreibstoffe“ (wie Bambus in China, Pergament in Europa) bzw. Überlieferungsmethoden (die orale Tradition nomadisierender Araber) durch das Papier.

Das Schwergewicht aber legt Monro auf die dreifache Wirkung dieser Ablösung: „Demokratisierung“ von Wissen durch schnellere, billigere, weiterreichende Verbreitung, Ermutigung zu Subjektivität und Experiment (auf Ton- oder Bambustäfelchen war Lakonie am Platze), die Förderung der alltäglichen Umgangssprache. Denn natürlich war die Karriere des Papiers (abgesehen von der als Verpackungsmaterial oder Toilettenpapier) kein Selbstläufer. Da – wieder laut McLuhan – kein Medium für sich existiert, sondern jedes immer weitere umfasst, kann die Geschichte des Papiers kaum erzählt werden ohne die Inhalte, die es transportiert: Schrift und Sprache, Bild und Ornament. Und nicht ohne die sozialen und politischen Zusammenhänge, in denen diese wirken bzw. die sie erst stiften.

Herrliche Papiergläubigkeit

So veranlasste der frühe Export von Papier von China aus nach Tibet oder Vietnam die dortigen Völker nicht nur zu einer ersten schriftlichen Fixierung ihrer jeweiligen Sprache, sondern auch zur Entdeckung ihrer eigenen Identität jenseits der dominanten Han-Kultur. Wohin das Papier auch weiter reiste – es begünstigte das Aufblühen von Wissen und Dichtung. Die Entstehung riesiger Bibliotheken, einer weit verbreiteten Briefkultur, aber auch erdrückender Bürokratien ist eng verbunden mit seinem Siegeszug.

Und immer wieder sind es die Religionen, denen das Papier als Mittler dient. Der Buddhismus fasst in China durch massenhafte Kopien seiner Sutren Fuß, kalligraphisch gestaltete und reich illuminierte Koranausgaben, die die Schönheit der göttlichen Offenbarung verkörpern, werden durch Papier erschwinglich. Und nie hätte die Reformation ohne die rasende Verbreitung der gerade erfundenen Flugschriften Europa ihr Siegel aufdrücken können. Bis zur Rolle der Zeitung bei der Bildung der bürgerlichen Öffentlichkeit und zur Aufnahme der Pressefreiheit in die Verfassung der USA reicht der Horizont von Monros Papier-Welt.

Und damit nicht genug. Monro erzählt von packenden archäologischen Entdeckungen – der mit Manuskripten randvoll gepackten Höhle von Dunhuang beispielsweise, die den kulturellen Austausch persischer, chinesischer, indischer und jüdischer Glaubenssysteme im 7. Jahrhundert belegte.

Er erzählt die Biografie eines chinesischen Dichters und Beamten aus derselben Zeit und von den Bauten des Mongolen Timur, deren Architektur das Papier als Verkünder von Allahs Größe ablöste. Eine Nahaufnahme gilt auch Luther auf der Wartburg – und für Monro ist es ein Beleg für die „Unberechenbarkeit“ des Papiers, dass ausgerechnet Luthers Bibelgläubigkeit den Aufstieg einer Moderne auslöste, die Gott für tot erklärte.

Nicht immer, wie sich hier zeigt, trennt Monro ausreichend scharf zwischen Materie und Metapher. Und unvermeidlich gerät bei seiner Ausweitung des Fokus der simple „Beschreibstoff“ Papier manchmal außer Sicht – so spannend allerdings, dass man es fast bedauert, wenn Monro wieder zu seiner thematischen Engführung zurückkehrt. Denn fast nebenbei vermittelt sein Buch, wie fließend die Übergänge zwischen den Epochen und Kulturen immer waren – und erinnert erneut daran, wie viel der Okzident dem Orient zu verdanken hat. Wie anschaulich er das am Beispiel eines scheinbar trivialen Mediums macht, ist Monros größtes Verdienst.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Belletristik-Charts

Quelle: Spiegel Mehr...

Sachbuch-Charts

Quelle: Spiegel Mehr...

Sommerferien

Bücher, Musik, Filme für die Sommerferien

Und wenn ungeheuer oben eine sehr weiße Wolke ist, dann zeigt das auch nur wieder, dass Lesen in jeder Situation den Horizont erweitert.

Das FR-Feuilleton empfiehlt Bücher, transportable Musik und auch einige Filme auf DVD für den Sommer. Mehr...

Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Literatur

Aktuelle Rezensionen zu Literatur, Sach- und Kinderbüchern: die Literatur-Rundschau aus dem FR-Feuilleton.

Anzeige