Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Literatur

24. März 2004

ALEXANDRA SENFFT: Dem Auge entzogen

Daniel Barenboim / Edward W. Said: Parallelen und Paradoxien. Über Musik und Gesellschaft. Herausgegeben von Ara Guzelimian. Aus dem Englischen von Burkhardt Wolf. Berlin Verlag, Berlin 2004, 254 Seiten, 19.90 Euro

Daniel Barenboim und Edward W. Said im Gespräch über Musik und Gesellschaft

Drucken per Mail
Das Buch

Daniel Barenboim / Edward W. Said Parallelen und Paradoxien Über Musik und Gesellschaft Herausgegeben von Ara Guzelimian Aus dem Englischen von Burkhardt Wolf Berlin Verlag, Berlin 2004, 254 Seiten, 19.90 Euro

Zum Abendessen hätte er Richard Wagner wohl eingeladen, sagt Daniel Barenboim, doch nicht um des Vergnügens willen, sondern um ihn zu beobachten und etwas zu lernen. Der Komponist sei eine "absolut entsetzliche" Person und ein abscheulicher Antisemit gewesen, zugleich jedoch auch ein Genie: Seine musikalischen Ideen, die beinahe unmerklichen Tempoverschiebungen und kunstvollen Übergänge, hätten die Wahrnehmung von Musik weltweit beeinflusst und Grundsätze geschaffen, an denen bis zum Zweiten Weltkrieg niemand vorbeigekommen sei. An seinen Freund und Gesprächspartner, Edward Said, gewandt, meint Barenboim: "Armer Wagner, er würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, dass nach so vielen Jahren ein Palästinenser und ein Israeli über ihn und die Folgen seines Werks diskutieren - aber wahrscheinlich hätte er seinen Spaß gehabt."

Von 1995 an haben die beiden fünf Jahre lang ihren Dialog miteinander aufgezeichnet: Barenboim, Chefdirigent des Chicago Symphony Orchestra und Generalmusikdirektor der Staatsoper Berlin, sowie Said, Professor für Anglistik und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Columbia University in New York, Literatur- und Kulturkritiker und, nicht zuletzt, auch einer der bekanntesten Fürsprecher der Palästinenser. Ara Guzelimian, Mitglied der künstlerischen Leitung der Carnegie Hall, brachte die Gespräche in Buchform. Der intensive Gedankenaustausch über Musik, Kultur, Politik und Gesellschaft, der den 11. September leider nicht mehr berücksichtigt, ist nicht gedacht als wissenschaftliche Abhandlung, sondern soll "einen Eindruck von den spontanen Begegnungen zweier enger Freunde vermitteln" und zum Mitdiskutieren anregen. Daraus ist - von Burkhardt Wolf aus dem Englischen bestens übersetzt - eine Darbietung vom Feinsten geworden, ja geradezu eine Offenbarung. Ohne Hochmut, fast ehrfürchtig im Dienste der Kunst, heben die beiden Akteure ihre Leser über die Grenzen des provinziellen Denkens und Empfindens hinweg in die Welt der universellen humanistischen Werte.

Kunst ist für den Israeli Barenboim und den Palästinenser Said keine elitäre Veranstaltung, losgelöst vom gesellschaftlichen Kontext und vom globalen intellektuellen Diskurs: Sie ist ein elementarer Bestandteil des Lebens, eine Synthese von Disziplinen und eine Antwort auf allgemeine Fragen zur Gegenwart. Sie ist eine Revolte gegen das Mittelmaß und ein Plädoyer für Individualität im demokratischen Miteinander eines Orchesters, des Mikrokosmos einer Gesellschaft. Die Gesprächspartner diskutieren die alten Meister und deren Relevanz für die heutige Zeit, sie sprechen von wohl dosierten Tempi - in der Musik ebenso wie in Literatur oder Politik. "Gewisse Dinge verflüchtigen sich, wenn man ihnen nicht genügend oder aber zu viel Zeit widmet", sagt Barenboim. Der Nahost-Friedensprozess ist seiner Ansicht nach gescheitert, als man "die Geschwindigkeit, mit der er umgesetzt werden sollte, stark verlangsamte. Die musikalischen Strukturen lösen sich auf, wenn zu langsam gespielt wird, und nicht anders erging es dem Friedensprozess".

Musiker des Diwan

Es geht indes nicht nur um Tempi, sondern auch um Tempi passati - um eine Vergangenheit, in der die Menschen noch nicht global gleichgeschaltet und dennoch intellektuell offener waren, als Bildung und Kunst noch einen anderen Stellenwert hatten; als weniger Fakten und Spezialwissen vermittelt und mehr kritisches Denken und das Verständnis von Zusammenhängen geschult wurde. Barenboim empfindet Musik als Schule des Lebens und gleichwohl als Paradoxon: "Wie ist es möglich, dass dieses Etwas, durch das man so viel über die Welt erfährt - über die Natur, ja über alles, was existiert, sogar, wenn man religiös ist, über Gott -, wie ist es möglich, dass dies zugleich auch als Mittel dienen kann, alldem zu entfliehen?" Für Said ist Musik schon deshalb so wichtig, weil sie "vielleicht einen letzten fundamentalen Widerstand gegen die Anpassung und Vermarktung aller Dinge ermöglicht".

Widerstand ist eines der Schlüsselworte im Dialog der beiden Männer, für die alles Schaffen dazu dient, Klischees zu entlarven und immer wieder den Status quo in Frage zu stellen. Barenboim, 1942 in Buenos Aires geboren und 1952 nach Israel ausgewandert, befremdete viele Landsleute damit, dem Ruf an die Berliner Oper, ins Land der Nazis, gefolgt zu sein. 2001 führte er gar den Antisemiten Wagner in Israel auf. 1999 trat er als erster großer israelischer Musiker in der palästinensischen Westbank auf.

Zusammen mit Said, 1935 in Jerusalem geboren, in Kairo und den USA aufgewachsen, gründete Barenboim vor fünf Jahren in Weimar den Workshop West-östlicher Diwan für arabische und jüdische Jungmusiker. Den Musikern des Diwan ist das vorliegende Buch gewidmet, denn sie verkörpern die Essenz von Barenboims und Saids Denken: Musik als identitätsstiftende Leidenschaft. Gerade Identität ist für diese beiden Kosmopoliten, die überall und nirgendwo zu Hause sind und für die die unwiederholbare Einmaligkeit von Klängen eine Faszination, aber wahrscheinlich ebenso ein akutes Empfinden von Verlust auslöst, zentrales Thema. Barenboim kritisiert zu Recht die Fremdenfeindlichkeit der Deutschen, die nie wirklich erfahren haben, was Einwanderung bedeutet: "Sie verstehen nicht, dass es möglich ist, mehr als eine Identität zu haben, und wollen nicht erkennen, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft, mit fremden Gebräuchen und fremder Kultur zu einem Teil ihres Landes werden können, ohne dass dabei ihre eigene, deutsche Identität bedroht ist."

Es berührt zu erkennen, dass Barenboim und Said mit den Parallelen und Paradoxien ihrer komplexen Biographien füreinander eine intellektuelle und wohl auch emotionale Heimat waren. Said starb im vergangenen September nach einer jahrelangen Leukämieerkrankung. Sein Freund habe stets "weit über eine Idee hinaus geblickt und nach dem gesucht, was das Auge nicht sehen und das Ohr nicht hören kann", sagt Barenboim. Das gemeinsame Buch ist Zeugnis einer intensiven Freundschaft, eines produktiven intellektuellen Austausches, und ein Vermächtnis. "Die Palästinenser haben mit ihm einen der eloquentesten Verfechter ihrer Wünsche verloren. Den Israelis ist ein fairer und menschlicher Widersacher abhanden gekommen. Und ich habe einen Seelenverwandten verloren."

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Belletristik-Charts

Quelle: Spiegel Mehr...

Sachbuch-Charts

Quelle: Spiegel Mehr...

Sommerferien

Bücher, Musik, Filme für die Sommerferien

Und wenn ungeheuer oben eine sehr weiße Wolke ist, dann zeigt das auch nur wieder, dass Lesen in jeder Situation den Horizont erweitert.

Das FR-Feuilleton empfiehlt Bücher, transportable Musik und auch einige Filme auf DVD für den Sommer. Mehr...

Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Literatur

Aktuelle Rezensionen zu Literatur, Sach- und Kinderbüchern: die Literatur-Rundschau aus dem FR-Feuilleton.

Anzeige