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Alissa Walsers Roman "Am Anfang war die Nacht Musik": Die Ärmchen ausgestreckt in himmelweiter Geste

Deko, Tod und Pseudo-Natur aufgetürmt auf dem Kopf einer blinden Pianistin, deren Schädel darunter kahl ist. Überladen, aber als Szene in Alissa Walser "Am Anfang war die Nacht" kommt es konkret daher. Von J. v. Sternburg


Foto: Piper Verlag

Die Perücke, mit der ihre Eltern die Heldin dieses Romans für den Besuch beim Doktor ausstaffiert haben, ist ein Ungetüm. "In ihrem Haar sind künstliche Bäume untergebracht, und ausgestopfte Vögel in kleinen Nestern, brütend. Womöglich hat man den Vögeln echte Eier untergeschoben?"

Deko, Tod und Pseudo-Natur, zum Staubfang aufgetürmt auf dem Kopf einer jungen blinden Pianistin, deren Schädel darunter kahl ist und übel versehrt durch die Experimente fortschrittlicher Ärzte. Das ist irrwitzig überladen, als Frisur und als Sinnbild. Als Szene hingegen im ersten Roman der Erzählerin Alissa Walser kommt es zügig und konkret daher. Während sich der neue Arzt mit zarter Hand zum Kopf vorarbeitet, staunt er leise über die vielen Haarteile. Und laut über die Narben. "Wer Arzneien und Behandlungen überlebe", stellt er fest, "habe gute Chancen, wieder gesund zu werden."

"Am Anfang war die Nacht Musik" ist ein Buchtitel, der einem nicht gefallen, aber auch kein Kopfzerbrechen bereiten muss. Immerhin spielt Mozart eine Nebenrolle. Außerdem schwebt der Name leicht dahin wie der Roman selbst, dem freilich alles Gezierte fremd ist. Seine Sogwirkung ist nicht geringer als die seines berühmten Vorgängers, Daniel Kehlmanns "Vermessung der Welt".

Dessen eine Hauptfigur, der Mathematiker Gauß, wird just in dem Jahr geboren werden, in dem Walsers Roman beginnt. Auch er erzählt von zwei denkbar unterschiedlichen historischen Figuren. Allerdings hat Walser ein besonders reizvolles Szenario ausfindig gemacht. Der Arzt und Magnetiseur Franz Anton Mesmer (1734-1815) - schon Stefan-Zweig-Lesern als Vorläufer der Psychoanalyse vertraut - bekommt 1777 die Chance, seine Kunst an der Tochter eines Wiener Hofrats zu erproben. Tatsächlich gelingt es ihm, der im Kindesalter durch ein Schockerlebnis erblindeten Musikerin Maria Theresia Paradis kurzzeitig zum Sehen zu verhelfen. Ihre erneute Erblindung ruiniert seinen Ruf in Österreich. Er zieht nach Paris.

Bei Alissa Walser steht außer Frage, dass ihm die Heilung gelingt. Er erreicht sie durch eine Gesprächstherapie in Kombination mit den Fähigkeiten seiner Hände und seines Einfühlungsvermögens. Im Verlauf des Romans wird er sogar einen verstummten Papageien wieder zum Sprechen bringen. Die Autorin mag Mesmer unverhohlen, den "Artfremden", der "immer überall auffällt", und den sie mit seinem bürgerlichen Ehrgeiz von der Sphäre der Esoterik fernhält. Ökonomisch, aber prägnant schildert sie aus verschiedenen Blickwinkeln auch ihr übriges Personal, Mesmers kluge Frau oder Maria Theresias gruselige Eltern.

Walsers Virtuosität liegt in der Sprache selbst (und ihrer Überschreitung, etwa durch ein genialisches Wort wie "Mitgeziehn", das Aktiv zu Mitgezogen-Werden), aber auch in der Kunst der Auslassung. Die Szenen sind oft knapp und witzig - kichernd sieht Resi zum ersten Mal eine Nase. Die Dialoge, meist in indirekter Rede und stets im schönen Fluss, wie es eines Buchs über einen Magnetiseur würdig ist, handeln ohne Wucht von großen Dingen: Freiheit und Unterdrückung, Fortschritt und Humbug, Ehrgeiz und Gleichmut, Individuum und Gesellschaft, der Lage der Frau und der Möglichkeit der Liebe.

Ein Geheimnis bleibt das Mädchen Maria-Theresia. Dass sie, sehend geworden, ihre musikalische Hochbegabung einbüßt, schiebt die Schuld für ihr erneutes Erblinden nicht nur den Eltern zu. Wie Mesmer treffen wir sie noch einmal in Paris, wo sie sich eine neue Frisur beschreiben lässt. Im Haar sind "Ballons befestigt, und einer sogar mit einem Korb dran. Darin die Gebrüder Montgolfier - bunt bemalte Bleifigürchen. Die Arme ausgestreckt in himmelweiter Geste. Damit wird sie ganz Wien überraschen". Unerbittlich, aber mit Sympathie widmet sich Walser der Lächerlich- und Genügsamkeit, aus denen ein Großteil des Lebens besteht.

Autor:  Judith von Sternburg
Datum:  6 | 2 | 2010
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