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Literatur

06. März 2015

Amos Oz „Judas“: Amos Oz und die Ehre des Verrats

 Von Martin Oehlen
Judas Ischariot, im Begriff, Jesus zu verraten. Amos Oz zieht in seinem neuen Roman nicht die üblichen Schlüsse daraus.  Foto: imago stock&people

Wer sagt, dass Judas nicht der einzige war, der keine Angst vor einer Veränderung hatte? Der israelische Schriftsteller Amos Oz schreibt einen virtuosen und zutiefst persönlichen Roman über „Judas“.

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Die Aufforderung klingt wie der Beginn eines Komplotts oder die Aufnahme in einen Geheimbund. „Sie müssen mir unterschreiben“, sagt Atalja zu Schmuel, „dass Sie sich hiermit verpflichten, nicht über uns zu sprechen. Unter keinen Umständen. Dass Sie keine Einzelheiten weitergeben. Auch nicht an Verwandte.“

Zwar arbeitet die schöne Atalja für eine Detektei. Doch nicht deshalb presst sie dem neuen Hausangestellten diese Bedingung ab. Auch nicht wegen irgendeines dubiosen Bündnisses. Vielmehr will sie, so scheint es, auf Erden keine Spur hinterlassen. Genauso wie einst ihr berühmter Vater Schealtiel Abrabanel, der vor seinem Tode alle Aufzeichnungen vernichtet hatte. Nach ihm das Nichts.

Schmuel also, der einsam-verwirrte Romanheld, hält sich an die Abmachung. Aber da gibt es ja noch Amos Oz, einen der großen Schriftsteller unserer Zeit. Der hat kein Schweige-Gebot unterschrieben. So erzählt der Israeli in seinem Roman „Judas“ alles, was er über diese Geschichte weiß – eine Geschichte von Glaube, Liebe und Verrat, die im Jerusalem des Winters 1959/60 spielt.

Da steckt der Student Schmuel in einer multiplen Krise. Seine Freundin hat sich überraschend entschlossen, nun doch nicht ihn, sondern ihren Jugendfreund zu heiraten, einen bestimmt durch und durch langweiligen Hydrologen. Zudem kommt Schmuel mit seiner Magisterarbeit nicht voran.

Dass er auch noch knapp bei Kasse ist und kaum Hilfe von den darbenden Eltern erwarten kann, weist ihm endgültig den Weg: Er schmeißt das Studium und sucht eine Arbeit – und einen Ort, um abzutauchen. Da kommt ihm diese Offerte zupass: Gesucht wird ein alleinstehender Student der Geisteswissenschaft, der einem körperlich behinderten, aber geistig überaus regen Herrn täglich fünf Stunden Gesellschaft leistet.

Amos Oz: Judas. Roman. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler, Suhrkamp, Berlin 2015. 332 Seiten, 22,95 Euro.

Auf diese Weise gelangt Schmuel in das Haus des Gershom Wald und seiner Schwiegertochter Atalja in der Rav-Albas-Gasse. So geistesblitzend der 70-Jährige ist und so attraktiv die 45-Jährige, so gewiss ist auch, dass eine tiefe Trauer beide Bewohner grundiert. Es ist die Trauer um Micha, den Sohn des einen und den Ehemann der anderen, der im Krieg von 1948 umgekommen ist. Sein Leichnam wurde brutal verstümmelt aufgefunden.

An diesem Schicksal entzündet sich ein ums andere Mal die Frage, wie das Töten zwischen Israelis und Palästinensern, zwischen Juden und Muslimen ein Ende finden könnte. Ataljas Vater hat sich immer strikt für ein Miteinander ausgesprochen. Er hat geglaubt, Streitende müssten sich nur besser kennenlernen, um sich zu mögen. Und Staatsgrenzen sind ihm zuwider gewesen.

Ohne Religion, meint er, gäbe es weniger Krieg

All dies postulierend, ist er mehr und mehr als Verräter geächtet worden, als Freund der Araber verspottet. Darüber verbittert und verstummt der Mann, der einst in höchsten politischen Kreisen um Ben Gurion agiert hat. Im Alter ist er überzeugt davon, dass in den Religionen der Kern des Übels liege: „Das Judentum und das Christentum und auch der Islam predigen den Nektar des Mitleids und des Erbarmens nur so lange, wie sie selbst über keine Fesseln, keine Macht, keine Folterkeller und keine Galgen verfügen.“ Er meint: Eine Welt ohne Religionen und Revolutionen hätte weniger Kriege zu beklagen.

Mit dem Glauben befasst sich auch Schmuel. Das Thema seiner Magisterarbeit lässt ihn nicht los: „Jesus in der Perspektive der Juden“. Was Amos Oz da an historischen Quellen und Forschungsergebnissen zusammenträgt, reichte für ein kleines, feines Seminar. Da steht der Romancier ganz in der Tradition seines gelehrten Großonkels Joseph Klausner („Onkel Joseph“), der durch seine Werke „Jesus von Nazareth“ und „Von Jesus zu Paulus“ für Aufsehen und für Widerspruch gesorgt hatte. Klausner deutete Jesus als einen jüdischen Reformer – und Amos Oz pflichtet ihm jetzt bei.

Der Atheist Schmuel erklärt, er liebe Jesus – doch dieser sei nicht der Sohn Gottes, sondern ein reformierter Jude gewesen, der sich gegen die Auswüchse in der Priesterschaft gewandt habe. Und Judas Ischariot ist für ihn der Begründer des Christentums und nicht dessen größter Feind. Der glühendste Jünger habe Jesus ans Kreuz geliefert, weil er glaubte, in dessen Sinne zu handeln: ohne Kreuzigung kein Christentum. Und so einer wird als Verräter abgestempelt? So einer soll herhalten als Grund für den Judenhass?

Der Blick auf Judas ist die kühnste Position, die Oz in diesem Roman entwirft. Er füttert sie mit vielen Argumenten. Etwa damit, dass Jesus gar nicht durch einen Kuss verraten werden musste, weil ihn doch jeder kannte. Auch seien die 30 Silberlinge als Belohnung für Judas, der keineswegs arm war, nicht sehr viel Geld gewesen. Und sein Selbstmord leuchte ebenfalls nicht ein.

So finden im Roman zwei Erzählstränge zusammen, die von Judas Ischariot und von Ataljas Vater, Schealtiel Abrabanel. Ihre Schicksale berühren Amos Oz persönlich. Er selbst, sagte er im vergangenen November bei der Entgegennahme des erstmals vergebenen Siegfried-Lenz-Preises, sei oft als Verräter gescholten worden. Auch dafür, dass er einen (gewiss schmerzhaften) Kompromiss zwischen Israel und Palästina suche.

Manchmal, sagte Oz in seiner Hamburger Rede, sei der Titel „Verräter“ auch ein Ehrenabzeichen: „Manchmal ist der Verräter einfach eine Person, die den Mut zur Veränderung hat, in den Augen derer, die sich nicht verändern wollen, die Angst vor der Veränderung haben, die Veränderung hassen.“

Ein Roman der Einsamkeit

Und die Liebe? Dafür ist Atalja, die schöne Witwe, zuständig. Allerdings nicht für die Erfüllung, sondern nur für das Verlangen. Wald warnt Schmuel: „Verlieben Sie sich nicht in sie. Dafür haben Sie nicht die Kraft.“

Er spricht aus Erfahrung. Denn Schmuel ist nicht der erste Gesellschafter für Wald. Seine Vorgänger hielten es nie lange aus. Sie alle verliebten sich in Atalja, die Unnahbare mit der warmen Kälte, die alle Fremden fesselnd findet, solange diese fremd sind. Gleichwohl entwickelt sie eine gewisse Sympathie für den unbeholfenen jungen Mann, der Papierschiffchen als Liebeszeichen faltet.

Schmuel kann das „Rätsel Frau“ nicht lösen. Damit war zu rechnen. Das hat er sogar mit dem weisen Wald gemein. Und auch mit Amos Oz, der in seinem autobiografischen Roman „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ (2002) bekannte, an der Auflösung bisher gescheitert zu sein.

Souverän gelingt es dem Autor freilich, den drei Protagonisten Kontur und Ausstrahlung zu verleihen. Zugleich bleibt ihnen ein je eigenes Geheimnis, das wir nicht durchdringen können. Unangestrengt spiegelt Oz die Motive Liebe, Verrat und Einsamkeit auf verschiedenen Ebenen. Mögen wir auch drei Verlorene kennenlernen, mag auch keine Hoffnung sich zeigen, so ist dies doch ein leuchtender Roman. Reich in vielerlei Hinsicht. Melancholisch und auch komisch, anregend und anrührend. Und geschmeidig ins Deutsche übertragen von Mirjam Pressler, die mit „Judas“ für den Leipziger Buchpreis in der Kategorie Übersetzung nominiert worden ist.

Es passt zu diesem Roman der Einsamkeit, dass Schmuel am Ende mit dem Bus in die Negev-Wüste fährt. Nach vier Monaten verlässt er das Haus in der Jerusalemer Rav-Albas-Gasse, das niemandem Glück zu bringen scheint und in dem nicht einmal mehr Träume von einem besseren Leben geträumt werden. Wohin er sich wenden wird? Vielleicht geht er in einen Kibbuz wie einst sein Schöpfer Oz.

Tatsächlich wirkt Schmuel einige Male wie ein Alter Ego des Autors – das gilt fürs Private, wenn er aus dem allzu engen Elternhaus flieht, wie fürs Politische. Oz, einer der prominentesten Vertreter der Friedensbewegung und der Zwei-Staaten-Lösung in seiner Heimat, lässt jetzt seinen Schmuel sagen: „Wenn es keinen Frieden gibt, werden uns die Araber eines Tages besiegen. Es ist nur eine Frage der Zeit und der Geduld.“

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