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Literatur

13. Januar 2016

Andreas Rödder „21.0“: Der Ist-Zustand

 Von 
Ein Teil der Welt, wie sie sich uns heute darstellt: In der spärlich beleuchteten Mitte der Nasa-Aufnahme liegt Nordkorea.  Foto: REUTERS

Der in Mainz lehrende Historiker Andreas Rödder versucht sich in „21.0“ an einer ambitionierten Weltgeschichte der Jetzt-Zeit. Nicht alles gelingt ihm, und sein Blick ist vielleicht etwas amerikanisch-europäisch. Wer aber unsere Jahre verstehen will, sollte dieses Buch lesen.

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Wenn wir in die Zukunft blicken, sollten wir uns darauf einstellen, dass das Unwahrscheinliche passiert. So lehrte es der griechische Philosoph Aristoteles.

Und wenn wir die letzten zehn Jahre an nationaler und internationaler Politik betrachten, kommen wir nicht umhin, zuzugestehen, dass sich seit Aristoteles nicht viel verändert hat. Flüchtlingskrise, Ukraine-Krieg, Weltwirtschaftskrise, Krieg in Syrien. Keiner hatte diese Ereignisse vorhergesagt, noch weniger vorhergesehen.

Nun hat ein renommierter Zeithistoriker ein Buch vorgelegt, um unsere Zeit in Gedanken zu fassen, ihr einen Rahmen zum tieferen Verständnis zu geben. Der Geschichtswissenschaftler Andreas Rödder, er lehrt an der Universität Mainz, hat ein ambitioniertes Werk geschrieben mit dem Titel „21.0 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart“.

Historische Bedingungen heute

Der Autor führt seine Leser durch eine Art Weltgeschichte in der Jetzt-Zeit. Rödder spannt den Bogen über eine von dem Soziologen Max Weber übernommene Gliederung: Staat, Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur werden von ihrem Ist-Zustand aus auf historische Bedingungen hinterfragt.

Der Zeithistoriker nimmt seine Leser mit in die großen Herausforderungen der Gegenwart und beantwortet dringende Fragen: Etwa warum „Vater Staat“ nun doch überlebt hat, obwohl man ihm im Zuge der Globalisierung ein schnelles Ende vorausgesagt hatte. Oder was die Digitalisierungs-Revolution nun tatsächlich Neues gebracht hat. Es geht in dem Buch auch um den Klimawandel, die Global Economy, Trends der Weltzivilisation, um Weltpolitik und Weltgesellschaft.

Doch Rödder begreift seine Aufgabe nicht darin zu sagen, wohin die Reise für uns gehen wird. Hier heißt es nur: Ende offen, und auch Rödder zitiert den prophetischen Satz des Philosophen Aristoteles. Dem Autor geht es vielmehr darum, die Welt, in der wir leben, zu verstehen und die großen Linien historischer Entwicklungen freizulegen. Darin liegt ein riesiges Verdienst. Denn so gibt er der Gegenwart, die vielen Menschen zunehmend ein Gefühl der Unsicherheit vermittelt, mehr Festigkeit.

Rödder erinnert uns daran, dass die Globalisierung gar nicht so neu ist, wie wir es glauben mögen. Natürlich hätte sich das Welthandelsvolumen enorm gesteigert, versichert der Zeithistoriker. Aber das habe es bereits im 19. Jahrhundert gegeben, als die Kapitalströme noch ungehinderter flossen als am Ende des 20. Jahrhunderts. Im Grunde erkennt er im Globalisierungsgeschehen eher Chancen als Gefahren, was auch durch seine Deutung des Neoliberalismus gestützt wird.

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Der Begriff, betont er, sei ja nicht eindeutig bestimmt, sondern durch den Gebrauch seiner Kritiker in Misskredit geraten. In Wahrheit aber müsse man das, was heute als Neoliberalismus verstanden wird, nämlich die Forderung, dass der Staat sich aus dem Markt heraushalte, als ein spezifisches Modernisierungsprogramm des ausgehenden 20. Jahrhunderts begreifen.

Dabei erinnert Rödder daran, dass die Bürger der Bundesrepublik in enormen Maßen hiervon profitierten, niemals zuvor in der alten BRD hätten die Westdeutschen so stark am Wohlstand partizipiert wie in den 80er Jahren.

Die Notwendigkeit der Modernisierung sieht Rödder in dem Scheitern eines anderen ökonomischen Modells, das auf einer staatlich motivierten Nachfragepolitik basiert: den Keynesianimus (hergeleitet von der Lehre des Ökonomen John Maynard Keynes). Eine Meinung, die nicht alle und schon gar nicht alle Ökonomen teilen. So erklärte der britische Spitzen-Ökonom Tony Atkinson, dass der Keynesianismus allein aus politischen Gründen in den USA und Großbritannien aufgegeben wurde.

Russlands Minderwertigkeitskomplex?

Auch die Analysen von Rödder zu den geopolitischen Spannungen in Europa überzeugen, wenngleich nicht in allem. Rödder sieht die augenblickliche politische Situation zwischen Westeuropa und Russland durch einen russischen Minderwertigkeitskomplex bedingt, hervorgerufen durch den Fall des Eisernen Vorhangs und die Folgejahre.

Er vergleicht diese Zeit mit dem Krieg zwischen Preußen und dem Habsburger Reich 1866, einem Meilenstein auf dem Weg zum Deutschen Kaiserreich. Zugleich wurde die stolze Habsburger Monarchie zum deutschen Juniorpartner degradiert. Ebendies sei auch mit Russland geschehen, das diese Rolle gegenüber den USA nicht länger akzeptiere. Dabei lässt Rödder außer Acht, dass Putin eben auch besonders innenpolitische Probleme zur außenpolitischen Aggression antreiben.

Das Buch

Andreas Rödder: 21.0. Eine kurze Geschichte der Gegenwart. C. H. Beck Verlag, München 2015. 494 Seiten, 24,95 Euro.

Vielleicht ist das Buch etwas zu sehr auf den europäisch-amerikanischen Kulturkreis bezogen. Die Globalgeschichte bietet doch gerade hier längst wichtige Perspektivwechsel, in welcher die Welt vom Blickpunkt Indiens, Chinas oder Südamerikas aus betrachtet wird.

Dennoch: Rödder überzeugt durch kenntnisreiche Darstellungen der Gegenwart. Trotz der Einwände ist das Buch eine brillante Analyse der Welt in der Jetztzeit. Wer unsere Zeit verstehen will, sollte es lesen.

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