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Literatur

09. Februar 2016

Angela Rohr „Lager“: „Ich stieg bereits über Tote“

 Von 
Angela Rohr, hier noch als Reisende in Sibirien, 1927.  Foto: Aufbau Verlag

Menschsein im Gulag: „Lager“ ist eine weitere zwingende Gelegenheit, die Autorin Angela Rohr kennenzulernen.

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Die Erzählerin ist Ärztin, aber sie kann den anderen Lagerinsassen, die vor allem am Verhungern sind, kaum helfen. Sie schildert eine Nacht, vielleicht ihre erste im Dienst. „Diese Nacht war die längste und schrecklichste, die es je auf Erden gegeben hat. Es geschahen in ihr Dinge, die unwahrscheinlich waren, die sich dann zwar späterhin wiederholten, aber als schon einmal erlebte ihre Wirkung auf mich verloren.“ Vom nächtlichen Holzfällen völlig erschöpfte Männer werden hereingeschleppt. „Im Laufe der Nacht bedeckte sich der Boden des Raumes immer mehr und mehr, und über die Körper hinwegzusteigen war durchaus nicht leicht, ich stieg bereits über Tote.“ Das Sterben wird selbstverständlich, aber nicht unwichtig: „Es ging dabei nicht ohne Gefühlsaufwand ab, da andere Möglichkeiten, ihnen zu helfen, nicht vorhanden waren.“

Später lernt die Erzählerin die Kategorien kennen: „Es gab im Lager ein übliches und ein nichtübliches Sterben. Üblich und mit Gleichmut aufgenommen, wenn es im Lazarett geschah, unerwünscht an der Arbeitsstelle und direkt verboten in der Baracke selbst, und dennoch kamen alle drei Arten vor.“ Immer wieder schildert sie besonders entsetzliche Fälle, schildert dann auch das Entsetzen der scheinbar so abgestumpften Mitgefangenen.

Es hat immer mehrere Versuche gegeben, Angela Rohr (1890-1985) ins Gedächtnis lesender Menschen zurückzubringen. Überhaupt: zu bringen. Sie waren immer erfolgreich, viel zu stark ist ihre Prosa, viel zu abgeklärt ihr Umgang mit dem Ungeheuerlichen, um sich nicht nach wenigen Sätzen dafür zu interessieren. Zuletzt geschah das mit der Veröffentlichung des Erzählungsbandes „Der Vogel“ im kleinen BasisDruck-Verlag Berlin (2010), jetzt folgt sinnig (und mit ausführlichem Nachwort und etlichen Fotos) der Aufbau Verlag mit dem Band „Lager“. Das ist demnach der längste Prosatext, den Angela Rohr hinterlassen hat, Herausgeberin Gesine Bey bezeichnet ihn als „autobiografischen Roman“. Tatsächlich liest sich „Lager“ als Bericht aus dem Gulag, chronologisch an „Der Vogel“ anschließend. Er setzt 1943 ein und endet nicht lange nach Stalins Tod 1953, dessen Auswirkung auf die Inhaftierten und Verbannten die Erzählerin staunen lässt: Menschen, deren Leben vom Diktator ruiniert worden ist, sind in Tränen.

Die Erzählerin in „Lager“ ist von der Autorin Angela Rohr nicht zu trennen. Ein bewegtes Leben hat sie hinter sich, als sie mit ihrem dritten Mann 1925 nach Moskau geht, wo beide 1941 als „Spione“ verhaftet werden. Als Angela Helene Müllner in Mähren geboren, ist die Tochter aus bürgerlichem Haus fast schon Studentin, wird dann aber Mutter eines Kindes, dessen Vater sie ein Jahr später heiratet. Sie reist, tummelt sich in der Zürcher Dada-Szene, lernt Rilke kennen, studiert doch noch Medizin, teils autodidaktisch. Namen wechselt sie wie Hemden, die Männer zumindest mehrfach.

Von alledem aber nichts in „Lager“. Das ist ein extrem konzentrierter Text, einfach im Ton, präzise in der Beobachtung, bis ins Ironische unbestechlich in der intellektuellen Einschätzung der Lage. „In der Zeit meiner Gefangenschaft habe ich nur sehr wenige Menschen getroffen, welche die Lage dieses Landes und den Sinn ihrer einzigen Partei verstanden haben. Gewiss ist es möglich und sogar wahrscheinlich, dass die ,Kenner‘ eben in anderen Gegenden als ich ihre Strafe verbüßten.“

Buch-Info

Angela Rohr: Lager.
Roman. Aufbau Verlag, Berlin 2015. 445 Seiten, 22,95 Euro.

Insgesamt tritt die Erzählerin aber nicht als Bekennerin auf, sie ist eine Frau ohne Vergangenheit und ohne greifbare Zukunft – wobei es wichtig für ihre ruhige, auch selbstironische, mitnichten humorlose Haltung ist, dass sie aus der Rückschau berichtet –, als „Deutsche“ ist sie außen vor, wird besonders schikaniert und beobachtet scharf. Vor allem geht es um das nackte Überleben, das im willkürlichen Wechsel der Bedingungen und Machtverhältnisse in verschiedenen Lagern, Lazaretten, an Arbeitsplätzen (auch in der Herstellung von Pappmachégemüse wird die Erzählerin zwischenzeitlich eingesetzt) immer wieder auch das eigene ist. Meistens aber geht es um das der Patienten. „Trotzig, wie ich damals war, lebte ich in der Gewissheit, dass Sterben niemals Sinn habe oder einen solchen haben werde und man für eine gute Sache leben müsse, aber durchaus nicht zu sterben brauche. Das sieht zwar recht pazifistisch aus, ist aber in einer Lage begreiflich, in der man so ausgiebig von sinnlosem Sterben umgeben ist.“

Man begegnet einer Frau mit erheblichem Beharrungsvermögen in einem so genannten unmenschlichen System, in dem es (allzu menschlich) sogar Gesetze gibt, die alle Jubeljahre befolgt werden. Immer wieder lässt sich die Erzählerin auf Einzelheiten ein, Einzelschicksale, irrwitzige Situationen. Ein Verhungernder isst ein Dutzend verfaulter Eier aus einem Fresspaket, das auf gewaltigen Umwegen an ihn gekommen ist. Die Ärztin ist bestürzt, der Mann aber wohlauf. „Vernunft scheint demnach nicht in jedem Falle das Richtige zu sein, um das Leben zu erhalten.“

Angela Rohr blieb nach Ablauf der Haftzeit in lebenslänglicher Verbannung, wurde aber 1957 rehabilitiert. Sie kehrte nach Moskau zurück. Sie schrieb ohne große Hoffnung auf Veröffentlichung, aber auch ohne übermäßige Bitterkeit. Wie man hier unbedingt nachlesen muss.

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