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Anna Mitgutschs "Wenn Du wiederkommst": Zum Schluss

"Wenn du wiederkommst" von Anna Mitgutsch ist ein herzergreifendes Kammerspiel. Es spielt alle Phasen der Trauer bis zum Überdruss durch. Trauernde brauchen eben länger, als ihre Umwelt geduldig erträgt.


Foto: Luchterhand

Sie sind in einem Lebensabschnitt, "in dem die Jugend vorbei ist und das Alter noch nicht bedrohlich erscheint". Sie haben mehr als 35 Jahre miteinander verbracht, zwanzig davon als Ehepaar, die übrigen nach der Scheidung als Ab-und-An-Paar mit Wohnsitzen diesseits und jenseits des Atlantiks. Und sie haben eine gemeinsame Tochter, Ilana, die Anfang 30 ist und das heiß geliebte Unterpfand der großen, schwierigen Liebe ihrer Eltern. Dann aber stirbt Jerome.

Die Ich-Erzählerin in Anna Mitgutschs neuem Roman "Wenn du wiederkommst", die mit diesem plötzlichen Tod zurande kommen muss, hat keinen Namen. Wie ihre Erfinderin ist sie eine österreichische Schriftstellerin, die viele Jahre zwischen den USA und Europa verbracht hat. Man kann sich des Gedankens nicht erwehren, dass es in diesem schönen, schwermütigen Roman starke autobiographische Bezüge gibt (vielleicht spielt er auch nur damit) - vor allem deswegen, weil er eine Schwäche zeigt, die aus der Distanzlosigkeit der Betroffenheit herrühren könnte: Die Erzählerin kann nichts auslassen, berichtet von Trauer und Erinnerungen bis ganz zur Neige, mitunter bis zum Verdruss, und sie kommt ungern zum Ende. Aber so ist es mit Trauernden: Sie trauern länger, als ihre Umwelt geduldig ertragen will.

"Einander verpflichtet und zugleich frei", hatten sie es auf eine "andere Form der Ehe" angelegt, mit "Maß und gegenseitigem Respekt" und hatten einander doch überfordert und vielfach gekränkt. Die Ich-Erzählerin überquert ein weiteres Mal den Atlantik. Gerade erst hat sie Boston verlassen, mit der Aussicht auf baldige Rückkehr, die dieses Mal hätte für immer sein sollen. Stattdessen ist es nun für immer vorbei. Jerome ist tot, Tochter Ilana sagt es ihr am Telefon. Die Reise zum Begräbnis und zum Ausräumen von Jeromes Haus wird für die Erzählerin zur Reise in die Vergangenheit und in die Reue: "Wir waren zum Schluss erst am Anfang, und auch die Liebe hatte gerade erst eine neue Gestalt angenommen."

Die Fotos der anderen Frauen

Sie fühlt sich als Witwe. Ein Status, den ihr Jeromes Familie und Freunde nicht gewähren. Für sie ist sie die unbeliebte Ex-Frau, die sich dem aus einer traditionellen jüdischen Ostküstenfamilie stammenden Jerome durch ihr Beharren auf Unabhängigkeit verweigerte - und ihn schließlich verließ. Von der gerade neu aufflammenden Liebe wissen sie nichts, wollen sie nichts wissen. In Jeromes Testament kommt die Erzählerin nicht vor.

Sie begreift langsam, dass ihr der Versuch, Jeromes Leben "mit meinen Erinnerungen zur Deckung zu bringen, nur widerspruchslos durchgeht, solange ich keine Zeugen aufrufe". Eine kluge Frau, die weiß, dass sie das Leben des Geliebten posthum zensiert, wenn sie festlegt, welche seiner Fotos aufgehoben werden. Lächerlich scheint ihr die Behauptung, "ich sei der wichtigste Mensch für ihn gewesen", angesichts der mit Fotos anderer Frauen gefüllten Müllsäcke.

"Wenn du wiederkommst" ist ein herzergreifendes Kammerspiel. Es spielt alle Phasen der Trauer durch, variiert und beschreibt sie. Jerome, dem liebes- und lebenssehnsüchtigen Phantasten und - als Anwalt - Verteidiger der Ohnmächtigen, wird dabei ein Denkmal gesetzt; es ist so plastisch, dass man sich als Leser wünscht, ihn gekannt zu haben.

Die Erzählerin, vielmehr ihr Leben abseits von Jerome, bleibt blass. Zur Hochform läuft sie erst in der Trauer und im Zurückblicken auf. Das Porträt einer Ehe in Intellektuellenkreisen, das Anna Mitgutsch hier zeichnet, besitzt über weite Passagen dieselbe feine, subtile Qualität der Ehebilder von John Updike.

Autor:  Julia Kospach
Datum:  1 | 4 | 2010
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