Literatur

10. Januar 2013

Anne Tyler - „Abschied für Anfänger“: Dann kommt er zurecht

 Von Sylvia Staude
Anne Tyler, eine feine Erzählerin des Alltäglichen.  Foto: Diana Walker

„Abschied für Anfänger“, Anne Tylers kleiner Roman über Trauer und Weiterleben. Es sind meist kleine, im Lebensverlauf ganz unscheinbare Momente, die sie so beschreibt, dass man sie wieder- und als Wahrheit erkennt.

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Vanity Press, Eitelkeitsverlag, nennt man im englischen Sprachraum Verlage, die sich von Autoren dafür bezahlen lassen, dass sie deren Bücher betreuen und in Druck bringen; es handelt sich zumeist um Lebensgeschichten, Erinnerungen. In so einem, von seinem Großvater gegründeten Verlag arbeitet Aaron Woolcott, Mitte 30 und bereits Witwer. Das zweite Standbein der kleinen Firma sind Ratgeber, zum Beispiel „Baby-Koliken für Anfänger“, „Ausgabenplanung für Anfänger“, „Hundetraining für Anfänger“. So erklärt sich auch der Titel von Anne Tylers jüngstem Buch: „Abschied für Anfänger“ („The Beginner’s Goodbye“). Der, der lernen muss, Abschied zu nehmen, ist natürlich Aaron.

Anne Tyler, 1941 im amerikanischen Minneapolis geboren, ein ums andere Mal über Baltimore schreibend, ist eine feine Erzählerin des Privaten, Unspektakulären, banal Alltäglichen. Und auch ihr 19. Roman handelt vom ganz normalen, nicht selten öden Leben. Auch wenn der Anfangssatz anderes anzukündigen scheint: „Das Eigentümlichste an der Wiederkehr meiner Frau nach ihrem Tod war die Reaktion der Leute.“ Doch es folgt keine Gespenstergeschichte. Aaron Woolcott begreift bald, dass seine und Dorothys Freunde und Bekannte nicht etwa demonstrativ an seiner (auferstandenen) Frau vorbeisehen, sondern dass sie nur noch in seiner Vorstellung existiert. Und er begreift, nach und nach, dass seine Ehe so ideal nicht war, wie er glaubte (glauben wollte?), sondern höchst durchschnittlich, inklusive Missverständnisse und Zänkereien.

Aaron, der Verlagslektor, und Dorothy, die Radiologie-Ärztin, lernen sich anlässlich des Bandes „Krebshilfe für Anfänger“ kennen. Er, der aufgrund eines Fiebers im Kleinkindalter leicht behindert ist und einen Stock braucht, fühlt sich von der stets etwas schroffen, nicht für den Haushalt begabten Ärztin auf angenehme Art nicht bemuttert. Und verliebt sich. Zügig wird geheiratet, Kinder will vor allem Dorothy nicht. Man gewöhnt sich aneinander, man streitet wegen der Wahl eines Restaurants oder wegen Plätzchen. Da fällt ein großer alter Baum aufs Haus und erschlägt Dorothy. Aaron zieht zurück ins Elternhaus, zu seiner Schwester. Und tut so, als ob er zurechtkommt. Und sieht doch Gespenster.

Dann sieht er keine mehr. Dann kommt er tatsächlich zurecht.

Fernab jeden Melodrams

Trotz der außergewöhnlichen Todesursache in „Abschied für Anfänger“ ist Anne Tylers Romanen jedes Melodram fremd. Es sind meist kleine, im Lebensverlauf ganz unscheinbare Momente, die sie so beschreibt, dass man sie wieder- und als Wahrheit erkennt. Wie Aaron wochenlang das Unglückshaus vermeidet, lieber den Handwerkern blind vertraut. Wie er aber beim Treffen mit seinen zwei einzigen Freunden – oder eher: Kumpels – sich geradezu trotzig nach dem Wohlergehen von deren Ehefrauen erkundigt. Wie er langsam, ganz langsam versteht, dass man seine und Dorothys Ehe nicht wirklich als glücklich bezeichnen kann. Weil er, zum Beispiel, sich manchmal doch hätte gern ein wenig bemuttern lassen. Weil er, umgekehrt, relativ uninteressiert war an den Gefühlen seiner Frau: Sie war doch so herrlich selbstgenügsam. Oder?

Es ist ein schmaler Roman, es ist auch nur ein Ausschnitt aus Aarons Leben, das Anne Tyler im Verlauf einiger Monate zu einem recht veränderten Nach-Dorothy-Leben werden lässt. So wie es den Glücklichen unter uns passiert. Manch ein amerikanischer Kritiker hat der Autorin das kleine Happy End für ihren Ich-Erzähler übelgenommen. Aber auch das soll vorkommen: Wir heiraten neu, wir leben einfach weiter.

Anne Tyler: Abschied für Anfänger. Roman. Aus dem Englischen von Christine Frick-Gerke. Kein & Aber, Zürich 2012, 238 Seiten, 19,90 Euro.

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