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Literatur

17. Oktober 2010

Annette Mingels „Tontauben“: Eben noch da und dann weg

 Von Anja Hirsch
Die Einsamkeit eines Nordseestrandes auf der Insel Sylt.  Foto: dapd

"Kurz das Gefühl zu taumeln. Ins Leere zu treten. Unterzugehen.“ – „Tontauben“, der neue Roman von Annette Mingels, erzählt vom Tod einer 14-Jährigen und von dem Hohlraum, den dieser Tod bei den Eltern hinterlässt.

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Für diese Geschichte die richtigen Worte zu finden, gleicht einer Gratwanderung. Auf der einen Seite droht der Absturz in radikale Emotionalität, die man nicht allzu lange wird mittragen können; auf der anderen Seite droht Abwehr, die gleichfalls unangemessen scheint. Annette Mingels hat eine Sprache gefunden, die beide Abgründe vermeidet. Die Redundanz des Lebens nach dem unbegreiflichen Verlust zeigt sich in der stockenden Ruhe einer Prosa, die zunächst nichts anderes will als beschreiben.

Ort der Erzählung ist eine Insel in der Nordsee, ein geschlossener Raum. Ab und an wechselt eine Fähre zum Festland. Die Wege zwischen Zahnarzt, Kaufladen, Ufer sind begrenzt. Hier wohnen Anne und David. Vor einem Jahr und zwei Tagen verunglückte ihre jüngere Tochter Yola nachts mit dem Fahrrad auf regennasser Straße. Der für ihren Tod verantwortliche Autofahrer ist nicht stehengeblieben. Hat er den Aufprall gar nicht bemerkt? Oder Fahrerflucht begangen?

Annette Mingels hat von Roman zu Roman, seit ihrem Debüt „Puppenglück“ (2003), ihre Fähigkeit verfeinert, den Figuren aus der Distanz beizustehen und ihnen dabei immer näher zu kommen. Nie wirken sie uns ausgeliefert. Selbst wir, die Leser, können noch entscheiden, wie nahe wir das Geschehen an uns herankommen lassen wollen. Das ist alles andere als selbstverständlich. Und so führt sie uns, nach einer kurzen Rückerinnerung an diese Nacht, ganz unaufdringlich in den Wiederaufbauversuch eines abgerissenen Lebens.

Wie soll man weiterleben?

Sie konzentriert sich dabei auf die Perspektive Annes, der Mutter. Ein neuer Beruf soll ihr Impulse geben; vielleicht sogar eine Affäre mit ihrem psychologischen Berater Tristan. Keineswegs aber sind es die großen Lebensentwürfe, welche Lauf und Energie dieser Prosa bestimmen. Mingels spürt jenem besonderen, nicht grellen Farbton nach, in dem die Erfahrung sich mit dem Weiterleben vermischt. Und so ziehen die Stationen wie in einer Berg- und Talbahn an uns vorbei: Annes halbherziger und schnell wieder verworfener Versuch, in einer Selbsthilfegruppe Fuß zu fassen; Davids Rückzug, der sich schattengleich hinter Anne vollzieht; Annes Ringen mit den Angeboten Tristans.

Wie hier fast wertungsfrei unter dem Eindruck einer wattegleichen Traurigkeit verschiedene Arten von Liebe geschildert werden, ist meisterhaft. Immer wieder hält man inne, um Mosaiksteine der einen wie der anderen Beziehung genauer zu betrachten. Etwa, wenn Anne David vorschlägt, langsamer zu essen, die Gabel nicht schon zu füllen, während sie beide kauen. Mingels schildert nicht den üblichen Ausbruch eines Ehestreits nach Mäkeleien. Sie streicht in Davids Blick die „komische Verzweiflung“ hervor, wie sie ohnehin über ein emotionales Beschreibungsregister verfügt, das noch im Alltäglichsten die Wunde fühlt – aber eben auch: das Authentische in der Hilflosigkeit, die keimende Lebenskraft.

Mingels erzählt mit Empathie von den Pausen, die eingehalten werden müssen, damit etwas weitergehen kann. Sie nimmt den Schrecken und respektiert ihn zugleich. „Der Nachmittag ist vorbei, es wird Abend, dann Nacht, dann wieder Morgen. Die Tage vergehen, einer nach dem anderen. Sie nehmen etwas mit und bringen etwas zurück. Und wir, denkt Anne, wir stehen hier und schauen ihnen nach.“

Der unangenehme Teil

Der Roman bliebe aber wohl eher eine Erzählung, ein tragischer Ausschnitt mit hellen Ausblicken – ergänzte nicht ein zweiter Teil das Bild: Wir begleiten Frank und Esther, Teilnehmer eines Mediävistenkongresses, auf ihrer ersten gemeinsamen Autofahrt zurück ins Hotel. Gleiche Insel, aber ein durchaus unsympathischerer Mann. Barsch, angeberisch, offenbar fixiert auf eine gemeinsame Nacht. Esther scheint zunächst ein leichter Fang. Dann gibt es Streit. Etwas prallt gegen den Kotflügel, „als würden zwei Metallstücke gegeneinanderschlagen, aber das konnte auch Teil der Musik sein“. Immerhin beharrt Esther darauf, auszusteigen und zu suchen, vielleicht nach einem verletzten Tier. Man findet nichts und fährt weiter.

Obgleich sich dieser zweite Teil weitaus unangenehmer liest, gehört er dazu, der ausformulierte Bildersturm der trauernden Eltern, wenigstens eine mögliche Variante davon: Er macht das Ungewisse betrachtbar. Dieser Schnitt in „Nachher“ und „Vorher“ mag etwas mechanisch wirken. Aber er verfehlt seine Wirkung nicht: Mit Wucht ergreift einen die Fatalität der Umstände. Man bleibt fassungslos über die Ahnungslosigkeit der Autofahrer zurück. Zugleich gibt es die Sicherheit einer Erklärung. Und doch sind da zwei Geschichten, frostig voneinander getrennt. „Vorbei. Eben noch da und dann weg.“ Annette Mingels’ Roman ist Studie, Porträt, Momentaufnahme in einem; menschlich im Ton; sprachmächtig durch Bescheidenheit.

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