Warum schreiben, immer wieder neu? Und warum bietet Ordnung Trost? Annette Pehnt, 1967 in Köln geboren, in Freiburg lebend, erklärt es in der Herbstausgabe der Literaturzeitschrift Bella Triste sehr elegant mithilfe einer kleinen Evolutionsgeschichte Italo Svevos: Einst, so referiert sie, hat der Mensch zu jenen von Gott erschaffenen Wesen gehört, die sich, weil ständig unzufrieden, perfektionierten: Ein dichteres Fell, Schwimmhäute und ähnliches hat sie schließlich satt und fröhlich, wenn auch seelenlos gemacht.
Nur ein einziges Tier, "ein ganz und gar unvollkommenes, düsteres Wesen ohne Flügel, ohne ein taugliches Gebiss", bleibt unzufrieden, trotz immer neuer Ordnungssysteme im Bücherregal und Wissen. Wir haben es längst begriffen, es ist der Mensch. Und auch Annette Pehnt sieht sich in dieser wunderbaren Selbstauskunft als eine jener Kreaturen, hoch erfreut darüber, dass Italo Svevo - das sei "die triumphale Volte" in seinem Essay "Die Korruption der Seele" - dem Menschen und nicht dem satten Tier das "wahre Leben" bescheinigt.
Annette Pehnt: Man kann sich auch wortlos aneinander gewöhnen das muss gar nicht lange dauern. Piper, München 2010, 186 S., 16,95 Euro.
Von eben diesem "wahren Leben", dem ungesättigten Leben, handelt Literatur, und auch Annette Pehnt schreibt darüber; zuletzt 2007 in "Mobbing". Und weil sie gleichzeitig selbst so ein Wesen ist, weil das Schreiben und Ordnen sie nur kurzfristig befriedigt, muss sie den Vorgang ständig erneuern: Nur im Vollzug, lässt sie wissen, sei die Vergewisserung der Erzählbarkeit spürbar.
Entstanden sind diesmal Erzählungen, sechs an der Zahl, über rastlose Menschenwesen, die gerne allein unterwegs sind - oder auf Jagd nach einem rastlosen Gegenstück. Und selbst Sex im Büro verwandelt sich in Annette Pehnts zart ironischen Satzgebäuden umgehend vom langweiligen Klischee zum anmutigen Hingucker. Leicht amüsiert, dann wieder ernsthaft, stets aber anteilnehmend ist die Haltung der Autorin gegenüber ihren Figuren. Sie spürt deren Mut nach und beleuchtet zugleich die damit gepaarte Angst, wie in der Geschichte über einen Jungen auf Krücken, der hart trainiert, um einen Ball kicken zu können.
Wenn sich die Wut legt
Und so ergreift einen das Geschehen tatsächlich. Annette Pehnts forsche, lupenscharfe Prosa speist sich aus eben jener Kraft, die der Suche nach einem Sehnsuchtsort erwächst, die "Insel 34" ihres zweiten Romans immer noch im Blick, quer durch melancholische Räume, in denen im schlimmsten Fall niemand mehr spricht. Denn die Wirklichkeit sieht anders aus. Die Zugbegleiterin etwa aus der ersten Geschichte macht zwar beim Gang durch die Waggons aus der täglichen Routine ein großartiges Kopfkino. Sie nimmt Maß, spekuliert über die Reisenden, der Job hat sie Menschenkenntnis gelehrt. Ein unendliches, trotziges Selbstgespräch, über die Liebe, über Kinder, die zwischen Mama und Papa pendeln, nur kurz unterbrochen, wenn das Ticket eingesehen wird, und begleitet von Staunen, Wut, Trauer - denn das ständige stumme Urteilen hat eine Kehrseite: Es steht einer echten Begegnung im Weg und erschöpft. Immer wieder knicken Annette Pehnts starke Figuren ein, sinken trostsuchend neben Fremden nieder.
Was diese sechs unterschiedlichen Erzählungen miteinander verbindet, ist ganz klassisch das unerhörte, wortwörtlich sogar unerhört bleibende Ereignis: In der Erzählung "Wie in Schweden" stürzt einer Mutter Blut aus der Nase, der Vater bringt sie ins Krankenhaus, und die Kinder wachen morgens im leeren Haus auf, wischen mit Klopapier an den Flecken herum und versuchen, Normalität herzustellen. Es sind oft Ausnahmesituationen, wie in "Georg", das Kind, das sich kaum entwickelt.
Annette Pehnt umbaut das Sehnen und Wünschen und Scheitern ihrer Geschichten mit einem Wort- und Gedankengestöber, das einen umhüllt und irritiert. Hilflos steht man am Ende dieser Erzählungen vor einem Gesamtunglück - und dem merkwürdigen Umstand, dass es trotzdem irgendwie weitergeht. Annette Pehnt gönnt uns und ihren Figuren noch ein Verlangen nach dem Ort, an welchem sich alles Unglück legt. Wir sehen wutentbrannte Gesichter milder werden. Wir folgen den Ratlosen in ihrer Rastlosigkeit. Wir sehen also die Normalisierung der Katastrophe. Oder eher: Wie man sich wortlos daran gewöhnt. Annette Pehnt ist in der Beschreibung dieser ungesättigten Leben eine Meisterin.