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Literatur

04. Januar 2016

António Lobo Antunes: Eine Prosa wie Trommelfeuer

 Von Eberhard Geisler
In Lissabons Alfama.  Foto: REUTERS

António Lobo Antunes’ neuer Roman „Mitternacht zu sein ist nicht jedem gegeben“ ist allzu hektisch und eruptiv erzählt.

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Mittlerweile dreiundsiebzigjährig legt der portugiesische Autor António Lobo Antunes nach wie vor jedes Jahr einen umfangreichen Roman vor. Jetzt ist in deutscher Übersetzung der Band „Mitternacht zu sein ist nicht jedem gegeben“ erschienen, der im Titel einen Vers von René Char zitiert. Während frühere Werke den Niedergang der portugiesischen Bourgeoisie oder die Situation der Slumbewohner am Stadtrand von Lissabon behandelt haben, widmet sich das neue Buch einer Familie aus der Mitte der Gesellschaft.

Auch diese Familie wird von Katastrophen ereilt. Die einzige Tochter begibt sich zweiundfünzigjährig noch einmal in das Haus, in dem man früher zusammen gewohnt hat. Sie will Abschied nehmen, bevor es verkauft wird. Die Familie ist sowohl durch den Lauf der Zeit als auch durch politische Umstände, Krankheit und widriges Schicksal zerrüttet.

Die Eltern sind mittlerweile beide tot; der älteste Bruder, der in der Linken engagiert war, stürzte sich von einem Felsen ins Meer, um der drohenden Einberufung in den Angola-Krieg zu entgehen, und ertrank; ein weiterer Bruder, der als der nicht taube Bruder bezeichnet wird, zog in den Krieg nach Afrika, wo er den Schwarzen übel mitspielte, und kehrte mit schweren seelischen Schäden zurück; ein dritter Bruder ist taub, kann höchstens ein paar Worte stammeln und muss mit diesem Handicap leben. Die Tochter hatte Krebs; ihr wurde eine Brust amputiert, an deren Stelle sie eine Prothese trägt; außerdem hat sie ein Kind vor dessen Geburt verloren. Jetzt, beim letzten Besuch des Hauses, blickt sie auf einen einzigen Scherbenhaufen zurück und erwägt darum gleichfalls den Selbstmord.

Das Buch

António Lobo Antunes: Mitternacht zu sein ist nicht jedem gegeben. Roman. Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann. Luchterhand Literaturverlag 2015. 576 Seiten, 24,99 Euro.

Lobo Antunes entwirft ein desolates Bild, das bereits die Kindheit der Geschwister beherrscht. Der Vater ist Trinker, der ständig in der Speisekammer verschwindet, um eine neue Flasche zu holen. Er tut dies, weil eines der Kinder, der taube Junge, nicht von ihm stammt, sondern aus einem Seitensprung seiner Frau mit dem Klempner. Um die untreue Gattin zu erniedrigen, lässt er sich auf immer schlechter bezahlte Anstellungen ein, bis er schließlich arbeitslos wird. Die Mutter hadert ihrerseits damit, dass sie durch die Ehe und die Erziehung der Kinder daran gehindert war, Sängerin zu werden, was sie ursprünglich angestrebt hatte. Ausführlich geht der Roman auf die emotionalen Probleme der Tochter ein. Nach ihrer Brustoperation distanziert sich ihr Ehemann immer mehr von ihr und wendet sich einer anderen Partnerin zu. Sie selbst, die Lehrerin ist, flirtet mit einer Kollegin und hat ein Techtelmechtel mit einer jungen Referendarin, von der sie wegen des Altersunterschieds aber bald verlassen wird.

Was der Autor hier kunstvoll und mit großer Konsequenz in Szene setzt, ist das von der Psychoanalyse beschriebene Trauma des zerstückelten Körpers. Unter dessen Bann gelingt es dem heimgesuchten Individuum nicht, von sich selbst das Bild einer Ganzheit und damit Identität zu erlangen. Stets ist es von der Gefahr bedroht, wie es einmal heißt, ein Schienbein oder eine Niere zu verlieren.

Die Erzählerin bekennt ihre Angst, der Blick in den Spiegel könne am Ende gar niemanden mehr zeigen. In diesem Sinn muss das Ich erkennen, dass ihm keine einheitliche Stimme gegeben ist, sondern dass es aus einer Vielzahl von Stimmen besteht, die alle auf chaotische Weise in es hineinsprechen – „so viele Leute, die im Inneren der Menschen reden, der Wunsch, sich die Ohren zuzuhalten“. Die schützende innere Membran der Seele ist zerstört, und Welt und Gesellschaft überschwemmen das wehrlose Ich.

In der Abbildung innerer Verstörung hat Lobo Antunes seltene Meisterschaft erreicht und dem Realismus zweifellos ein neues Gebiet erobert. Trotzdem kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er es versäumt, dem pathogenen Stimmengewirr etwas entgegenzusetzen. Das beginnt damit, dass diesem Buch ein Kapitel beigegeben ist, in dem der nicht taube Bruder, der in Afrika kämpft, spricht und von seinen Erlebnissen berichtet. Dieser Einschub wird als Fremdkörper empfunden, der eh schon heikle Diskurs der Schwester empfindlich gestört.

Insgesamt ist der Leser mit einem hektischen, eruptiven Erzählen konfrontiert, das sich keine Ruhe gönnt – „… ich habe keine Lust Landschaften zu beschreiben, ich habe nicht mehr das ganze Leben vor mir, nur noch ein paar Minuten, also weiter…“.

Es hat etwas von manischer Besessenheit, wenn dieser Autor dem drohenden Entzug von Wirklichkeit begegnen möchte, indem er pausenlos neue Gegenwärtigkeiten heraufbeschwört. Der Leser folgt dieser Prosa darum nur erschöpft; er ermattet unter den disparaten Details, die – mehr oder minder ohne Interpunktion – auf ihn einprasseln.

An einer Stelle des Romans findet sich ein eigentümliches, höchst aufschlussreiches Bild. Die Rede ist von einem Buch, das seine Seiten selbst umblättert und sich selber liest. Sieht so das Ideal aus, das dieser Autor insgeheim vertritt? Aber der Leser existiert doch auch und möchte sich nicht auf jeder Seite einer Prosa ausgesetzt sehen, die wie ein Trommelfeuer auf ihn niedergeht.

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