Ist die japanische Kultur asiatisch oder westlich? Warum findet sich in allen Kulturen ausgerechnet der Ödipus-Komplex sowie das Phänomen der Eifersucht? Warum werden überall auf der Welt große Personen für sympathischer und erfolgreicher gehalten als kleinere? Wer so fragt, halst sich den Verdacht auf, vom Hundertsten aufs Tausendste zu kommen und innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft allenfalls ein amüsanter Plauderer zu sein. Die Beispiele gelten als zu beliebig und die Vergleichsmethoden als zu grob.
In Anthropologie und Ethnologie hat der Blick auf die menschlichen Universalien ohnehin keine Konjunktur. Stattdessen wird eine kulturalistische Differenz favorisiert, in der das Eigene und das Besondere so manche Blüte hervortreiben. So ließ Saddam Hussein sich als Wagenlenker auf dem Schlachtwagen Nebukadnezars darstellen, auch wenn der Irak Saddams mit dem alten Babylon nichts gemein hatte. Tradition und Überlieferung werden freizügig gehandhabt, und kulturelle Identität wird nicht selten als praktische Allzweckwaffe in Anschlag gebracht.
In seinem Buch "Heimat Mensch" sucht der Bonner Ethnologe Christoph Antweiler nach einem Gegengift zum grassierenden Kulturrelativismus, der sich zuletzt als äußerst wandlungsfähig und variantenreich erwiesen hat. Dessen Karriere mag auch an der trivialisierten Form eines Kulturvergleichs liegen, der das Gemeinsame gegenüber dem Trennenden allzu leicht verklärt.
Der Untertitel "Was uns alle verbindet" und das dazugehörige Buchcover scheinen einer Benneton-Werbung entlehnt zu sein, obwohl der Autor um die plakativen Missverständnisse weiß, die daraus entstehen können. Die Vorstellung von einer bunten Vielfalt wurde zuletzt bevorzugt mit dem Scheitern eines politischen Gemeinschaftsideals in Verbindung gebracht, das in Zeiten zugespitzter Kulturkonflikte nicht länger satisfaktionsfähig zu sein scheint.
Christoph Antweiler erweist sich indes keineswegs als schwärmerischer Vertreter eines in die Jahre gekommenen Multikulturalismus. Mit der neugierigen, aber auch geduldigen Lesart eines Ethnologen rückt er alltäglichen und politisch brisanten Fragestellungen zu Leibe, ohne sie ideologisch scharf machen zu wollen. Vielmehr interessiert er sich für das paradoxe Potenzial wissenschaftlicher Annahmen und scheut auch nicht vor stark vereinfachenden Analogien zurück. Vergleichen lässt sich nur, was nicht miteinander identisch ist.
"Kulturelle Kontinuität", so Antweiler, "ist nicht naturgegebene Tradition, sondern wird durch Weitergabe, durch Tradierung immer neu hergestellt. Nach dieser Definition könnte eine Gruppe Londoner Börsenbroker als Ethnie aufgefasst werden. Allerdings nur, wenn sie auch ihre Freizeit zusammen verbringen, untereinander heiraten und ein starkes Wir-Gefühl ausbilden."
"Heimat Mensch" plädiert nicht für eine Wachablösung in der ethnologischen Theoriebildung. Mit der Geschichte der Ethnologie und dem Wissen um ihre Widersprüche im Gepäck lädt Antweiler zur ethnologischen Beobachtung ein, wo immer sie sich bietet. Der Augengruß und die unendliche Vielfalt des menschlichen Gesichts bilden für ihn die Nahbezirke des ethnologischen Felds. In diesem Sinne ist "Heimat Mensch" ein inspirierendes populär-ethnologisches Lesebuch für alle, die ihre einmal gewonnenen Glaubenssätze über den Menschen und das Menschliche nicht für immer in Bernstein gegossen wissen wollen.