Was 1924 der holländische Avantgardist J. J. P. Oud in einem Brief an den deutschen Kritiker Adolf Behne schrieb, offenbart prophetische Qualitäten: „Ich habe bisweilen Angst, dass auf die ganze moderne Kunst sich Reaktionsbedürfnis zeigen wird. Ich glaube, es wird sich alles auf die Dauer rächen, und eine folgende Generation, die weiter will, so weit wie wir es auch jetzt wollen – wird das alles genau wieder so kaputt zu schlagen haben, wie wir den Akademismus bekämpfen müssen.“
Das Heute vom Gestern eingeholt, das Morgen bereits wieder obsolet: Wenn es für diese These noch eines Beweises bedurft hätte, dann hat der an der renommierten ETH Zürich lehrende Architekturhistoriker Vittorio Magnago Lampugnani ihn nun mit seinem Opus magnum vorgelegt. In aller Ausführlichkeit, schön illustriert und fein gedruckt, dokumentiert es die einander verdrängenden, sich wechselseitig überlagernden Absichten, Moden und Ethiken urbanistischer Intervention im 20. Jahrhundert: Le Corbusiers berühmt-berüchtigtem „Plan Voisin“ von 1925 etwa, mittels dessen er Paris so signalhaft wie brachial umstrukturieren wollte, steht längst eine neue Wertschätzung der Gründerzeit entgegen. Und was einst als italienischer Futurismus kubisch-triumphal oder als russischer Konstruktivismus – in Bandstadt-Formation – ach so ambitioniert begann, ist nun Retroformen des amerikanischen „New Urbanism“ gewichen.
Vittorio Magnago Lampugnani, 1951 in Rom geboren, lehrt Geschichte des Städtebaus an der ETH Zürich. Von 1990 - 1995 war er Direktor des Deutschen Architektur Museums in Frankfurt.
Die Stadt im 20. Jahrhundert. Visionen, Entwürfe, Gebautes. 2 Bde. Wagenbach Verlag, Berlin 2010, zus. 912 S., Subskr.- Preis 98 Euro.
Falscher Spezialisierungswahn
Gleich eingangs verdeutlicht Lampugnani das aus seiner Sicht zentrale Problem: Die Stadt als physische Erscheinung, als Stück gestalteter Umwelt sei bedroht. Ihre Behandlung habe „sich in falsch verstandenem Spezialisierungswahn aufgesplittet in Stadtplanung und Architektur. Die Erstere hat sich auf die Analyse der Zustände, auf die Erfüllung der Verkehrsanforderungen und die Ausweisung der Nutzungsflächen konzentriert, ohne dafür räumliche oder gar ästhetische Vorstellungen zu entwickeln. Die Letztere ist in die Lücke gesprungen und hat begonnen, nicht nur einzelne Bauwerke, sondern ganze Ensembles zu gestalten, hat dabei allerdings oft die Analyse der Bedingungen vernachlässigt“.
Demgegenüber – und sehr zu Recht – ist Städtebau für ihn weniger ein genialer Wurf als das geduldige Aufbauen auf Grundlagen, die teils bestehen und teils geschaffen werden müssen. Und dass sich hinter jener poetischen Formulierung, die besagt, dass die öffentlichen Räume das Gedächtnis der Stadt formen, ein über die Jahrhunderte ausgebildetes westliches Stadtverständnis verbirgt, welches von der Prägekraft von Raumfiguren auf stadtgesellschaftliche Wirklichkeit ausgeht: Auch das ist zunächst ein statthafter Ausgangspunkt.
Erscheinungsformen des Städtischen
Trotz eines Umfangs von gut 900 Seiten wäre es eine Illusion, eine Art Vollständigkeit zur jüngeren Stadtgeschichte zu erwarten. Darum ist es Lampugnani auch gar nicht zu tun. Und weil die Einzelergebnisse so unterschiedlich sind wie die untersuchten Strukturen – ausgeführt oder Papier geblieben, schulbildend oder isoliert –, gliedert er die beiden Bände in 28 Kapitel. Sie stellen recht eigenständige Essays dar, in denen wiederum charakteristische Erscheinungsformen des Städtischen destilliert werden.
Das Phänomen von Architektur und Städtebau seit dem Ende des 19. Jahrhunderts erweist sich konsequenterweise nicht als lineare Entwicklung vom Historismus zur Moderne und Postmoderne, sondern als Nach- und Nebeneinander ganz unterschiedlicher Ausformungen und Konzepte.
Es ist nicht weiter verwunderlich, dass die Geschichte beim englischen Parlamentsstenographen Ebenezer Howard beginnt. Er wollte sowohl die soziale Frage mittels sozialreformerischer Maßnahmen entschärfen als auch durch die Gründung von so genannten „Garden Cities“ ein Gegengewicht zum damals schrankenlosen Wachstum der Großstädte schaffen. Nicht die Suche nach einem architektonisch gefassten Ideal ist das Charakteristische seines Konzepts, sondern das planmäßige Angehen realer Missstände in großem Maßstab.
Ideal der europäischen Stadt
Obwohl seine Ideen nur in verkümmerter Form umgesetzt wurden, hatten sie mittelbar doch einen durchschlagenden Erfolg. Der Londoner Vorort Letchworth von 1905, ein paar Jahre später auch Hampstead Garden Suburb, beide von Barry Parker und Raymond Unwin projektiert, belegen dies ebenso wie die zeitlich parallele deutsche „Lebensreform“-Bewegung, die später dann einmündete in die berühmten Siedlungen der Weimarer Republik – hier sei nur an Ernst May in Frankfurt und Bruno Taut in Berlin erinnert.
All dem Dargebotenen unterliegt, gleichsam als Subtext, das Ideal der europäischen Stadt. Folgerichtig sieht der Autor seine Aufgabe – ja seine Berufung – gewissermaßen darin, die mitunter großen, häufig eher großspurigen urbanen Visionen, die das 20. Jahrhundert geprägt haben, zu durchleuchten. Mitnichten gibt er den Zukunftsenthusiasten, vielmehr zieht er sich auf die Rolle des Beobachters und verhaltenen Mahners zurück. Mag er auch vordergründig viel interpretatives Verständnis für die wie auch immer utopischen Aufbrüche äußern, so bleibt seine subtile Distanzierung doch stets fühlbar.
Kein Wunder, dass jener stadtgestalterische Stempel, den etwa Jože Plečnik der k.u.k.-Provinzmetropole Laibach (Ljubljana), aufdrücken konnte, besser wegkommt als Frank Lloyd Wrights „Broadacre City“ aus den 30ern: diese Apotheose einer autogerechten, auf individuellen Hausparzellen gründenden Siedlungsweise, die die bestehenden Städte auf einem regionalen, landwirtschaftlich bestimmten Raster umdisponiert. Natürlich rücken auch die neuen Hauptstädte in den Fokus: Dhaka in Bangladesch, eindrucksvoll Gestalt geworden in den Bebauungsplänen Louis Kahns. Luigi Costas und Oscar Niemeyers Brasilia, jener im Luftbild an einen Vogel mit offenen Schwingen erinnernden Baustruktur.
Aber auch Le Corbusiers Entwurf für Chandigarh, Kapitale des indischen Punjab: Aller Unterschiedlichkeit der Orte zum Trotz sind sie geprägt vom Glauben an die Kraft der sichtbaren Ordnung – und vom schönen Traum, dass harmonisch entworfene Städte auch harmonische Gesellschaften hervorbringen würden. Doch so gut wie nichts wird gesagt darüber, wie es sich darin lebt. Wie überhaupt nur wenige Beispiele die nicht-westliche Welt behandeln; und wenn, dienen sie hauptsächlich als Alibi für europäische Geistesgeschichte oder als Schaufenster okzidentaler Kultur.
Den Zufall eliminieren
Was zudem außer Betracht bleibt, ist die Frage der „Produktion von Stadt“ – also das diffizile Zusammenwirken von Planung und Materialisierung im Prozess der Urbanisierung, die Interaktion von privaten Unternehmern und öffentlicher Hand, von Investitionen und Interventionen, der Ausgleich von Profit, Effizienz und sozialer Gerechtigkeit, der für die europäische Stadt zu einem so zentralen Thema wurde. Stattdessen scheint jene Interpretation, die Lampugnani für den renommierten italienischen Architekten und Theoretiker Aldo Rossi wählt, auch für ihn selbst zu stehen: „Hier spricht jemand, für den Architektur eine Leidenschaft ist; der sie nicht abstrakt zu betrachten vermag, sondern für den sie untrennbar mit dem Schicksal der Menschen verknüpft ist.“
Auch der latente Versuch, Architektur systematisch mit Stadt zu synonymisieren, ist hier schon angelegt. Damit aber fehlt etwas sehr Grundsätzliches. All diese großen urbanen Pläne möchten die Zukunft in den Griff nehmen, sie wollen den Zufall eliminieren und einen idealen Zustand erreichen. Was aber, wenn die Zukunft eine spontane Ordnung ist – oder, um es mit dem schottischen Aufklärer Adam Ferguson zu sagen, „Ergebnis menschlichen Handelns, nicht menschlichen Entwurfs“? Mag sich die von Lampugnani kompilierte Stadtbau-Historiographie im Wesentlichen auch als eine Geschichte des Scheiterns erweisen, so stellt er sich solche Fragen lieber nicht.
Dass mit Giorgio Grassi und O.M. Ungers, den Brüdern Krier und eben Rossi, dass mit der IBA 1987 in Berlin und der Revitalisierung von Barcelona anlässlich der Olympiade von 1992 ein ganz bestimmter Ausschnitt aus dem urbanistischen Kosmos ins abschließende Kapitel gepackt wird, kann man nicht anders denn als programmatisch lesen: Das sind Lampugnanis wohl bedeutendste Referenzfiguren und -orte; sie stehen für „die Möglichkeit, die traditionelle Stadt mit modernen Mitteln zu rekonstruieren, ohne sie zu fragmentieren, zu imitieren oder zu zerstören“. Ausgeführt freilich wird das nicht; ein vertiefendes Fazit oder einen Ausblick sucht man vergebens. Vorhang zu und viele Fragen offen.