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Argentinien: Weit weg von allem

Argentinien ist dieses Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse. Aus diesem Anlass reiste Arno Widmann nach Buenos Aires. Eine Stadt, wie sie europäischer nicht sein könnte.

Die Villa Ocampo in Buenos Aires war Sitz der Redaktion der Literaturzeitschrift Sur.
Die Villa Ocampo in Buenos Aires war Sitz der Redaktion der Literaturzeitschrift "Sur".
Foto: afp

Adela Basch ist erregt. Die Brillengläser der schmalen, lang aufgeschossenen Sechzigjährigen blitzen. Ihre Mähne steht ab wie elektrisiert. ",Weit weg von allem! Weit weg von allem!‘, sagt sie mir! Eine Freundin! Eine Frau, mit der ich Bücher gemacht habe! So sehen sie uns. Aber hier bin ich. Hier sind wir. Hier ist nicht weit weg von allem. Hier ist Argentinien! Wir leben, wir lesen und schreiben. Wir wissen, was bei Euch passiert. Aber Ihr habt keine Ahnung, was bei uns passiert!" Adela Basch ist eine der erfolgreichsten Kinderbuchautorinnen und -verlegerinnen Argentiniens. Ihre Bücher werden übersetzt und in vielen Ländern gelesen. Deutschland gehört nicht dazu.

Adela Basch hat Recht. Wir - die kleine Journalistengruppe, die die Einladung der Buchmesse, sich einmal umzusehen in Buenos Aires, annahm - war zwei Tage zuvor nach 13 Stunden und 40 Minuten Flug in Buenos Aires angekommen. Weit weg also. Aber weit weg gilt nicht mehr. Schon lange nicht mehr. Buenos Aires ist eine Stadt, wie sie europäischer nicht sein könnte. Eine Stadt wie Thessaloniki. Nur um ein Vielfaches größer. Elf Millionen Einwohner - das Umland mitgerechnet - sprengen jedes europäische Maß. Istanbul hat zwölf Millionen, ist aber um Lichtjahre weniger europäisch als Buenos Aires. Weit weg von allem. So mag es dem Kind vorkommen, das in Fürth oder Sulingen auf seinem Globus nach Buenos Aires sucht. Hier dagegen ist - wie überall - der Nabel der Welt.

Wie überall? Ein wenig mehr als überall. Nein, deutlich mehr als überall. Wir erfahren, dass noch in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht einmal die Hälfte der Bewohner von Buenos Aires Spanisch sprach. Es gab Tageszeitungen in vielen europäischen Sprachen. Wer sich das Telefonbuch ansieht, bemerkt auf einen Blick, dass Buenos Aires eine Vielvölkerstadt ist.

Die Invasion der Chinesen

Literaturleben in Buenos Aires

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Ariel Magnus hat sich die neueste Invasion angesehen und einen witzigen Roman geschrieben über die Ausbreitung der Chinesen in der argentinischen Hauptstadt. "Ein Chinese auf dem Fahrrad" ist im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen. Derzeit stellt der Autor sein Buch in Deutschland vor. Magnus spricht fließend Deutsch. Er hat in Heidelberg studiert und ist, "bevor er einschlief", nach Berlin weitergezogen. 2005 kam er nach sechs Jahren zurück nach Buenos Aires und war überrascht davon, wie viele Chinesen inzwischen in seiner Geburtsstadt wohnten. Es sind mehr als 60 000, etwa 0,15 Prozent der Gesamtbevölkerung der Stadt. Viele von ihnen kamen erst in den Neunzigern des 20. Jahrhunderts. Aus der Provinz Fujian. Illegal. Sie ließen sich einschleusen ins ferne - weit weg von allem - Argentinien.

Ein Transport Fujian-USA kostet 30.000 Dollar auf dem Schwarzmarkt. Wer sich das nicht leisten kann, der landet zum Beispiel in Argentinien. Inzwischen zieht es auch chinesische Studenten nach Buenos Aires. Sie lernen hier Spanisch, gehen dann zurück nach China und hoffen dort ihre raren Sprachkenntnisse - die meisten Chinesen lernen Englisch - zu Geld machen zu können.

Ariel Magnus erzählt von den Geschäften, die diese chinesischen Einwanderer eröffnen, davon, wie sie innerhalb weniger Jahre Buenos Aires veränderten. Er ist selbst Kind von Einwanderern, Nachkomme jüdischer Flüchtlinge, die sich in Sicherheit brachten vor dem Holocaust. Und die Naziflüchtlinge? Er lacht. Ja, es gab sie. Man begegnete ihnen. Aber sie waren lächerlich. Sie hatten sich für die Herren der Welt gehalten und nun versteckten sie sich. Niemand hörte ihnen zu. Wir haben sie ausgelacht. Sie spielten gar keine Rolle. Magnus winkt ab. Ariel Magnus wurde 1975 geboren. Er hat gut lachen.

Argentinien hat seine Krise schon gehabt

Argentinien hat seine Krise schon gehabt. 1998 bis 2002 ging das Bruttosozialprodukt des Landes um ein Fünftel zurück. Seitdem geht es wieder besser. Davon profitieren die seit 2003 regierenden Kirchners. Zuerst Néstor Kirchner und seit 2007 seine Gattin Cristina. Die Krise hat - so sagen viele der Autoren, mit denen wir sprechen - Argentinien gewaltig verändert. Die Mittelklasse sei zerstört worden und habe sich nicht wieder erholt. Der Abstand zwischen Arm und Reich sei immens gewachsen. Und damit das Potenzial für soziale Konflikte. "Die Krise hat Argentinien lateinamerikanisiert", sagt einer unserer Gesprächspartner. "Wir hielten uns für etwas Besonderes, für ein Stück Europa in der Neuen Welt." Ein anderer datiert diese Entwicklung weiter zurück. Die Militärdiktaturen der sechziger und siebziger Jahre hätten Argentinien bereits politisch ruiniert, bevor die Krise der Jahrtausendwende das Land dann auch ökonomisch an den Abgrund geführt hätte.

Atilio Borón, Professor für politische Theorie an der Universität Buenos Aires, einer der bekanntesten linken Intellektuellen des Landes, lacht, als wir ihm erzählen, dass die Mittelklasse verschwunden sei. Das sei Blödsinn. Die Autoren, mit denen wir gesprochen hätten, seien Teil dieser Mittelklasse. Sie spielten nicht mehr die Rolle, die ihre Eltern gespielt hätten, das sei richtig. Daraus zögen sie den Schluss, die Mittelklasse sei am Ende. Aber bisher habe die sich nach jedem Einbruch wieder glänzend erholt. Der Verfall der einen Familien und der Aufstieg anderer Familien, das sei nun einmal das Lebenselement der Mittelklasse.

Dann wird er ernst. Wahr sei allerdings, dass der Abstand zwischen Arm und Reich sich in Argentinien dramatisch vergrößert habe. Das habe nicht nur ökonomische Gründe, sondern sei auch das Ergebnis einer Steuerpolitik, die vor allem die Finanzwirtschaft und die Großindustrie unterstütze. Diese Politik habe weltweit in die neue Krise geführt. Argentinien werde auch aus dieser wieder herauskommen. Aber dazu müsste die Politik geändert werden. Borón betrachtet die Lage mit gelassener Skepsis.

Er hat die sechzig überschritten, und seit er zu Beginn der siebziger Jahre in Harvard studierte, hat er viel erlebt. Das hat nichts an seinen Grundüberzeugungen geändert. Er ist ein lateinamerikanischer Sozialist, für den der US-Imperialismus der zentrale Feind und Kuba ein Signal der Hoffnung ist. Im vergangenen Jahr erschienen seine Gespräche mit Fidel Castro und ein Buch mit dem schönen Titel "Aristóteles en Macondo. Notas sobre el fetichismo democrático den América Latina". "Weit weg von allem" scheint auch eine Utopie zu sein, wenn die Verflechtung in die neoliberale Weltwirtschaft einem Land das Genick zu brechen droht.

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Autor:  Arno Widmann
Datum:  27 | 5 | 2010
Seiten:  1 2
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