Literatur

07. Januar 2013

Ari Rath: Ein enttäuschter Patriot

 Von Joachim Braun
Der israelische Journalist Ari Rath.  Foto:  Paul Zsolnay/Leonhard Hilzensauer

Die Autobiografie von Ari Rath ist der faszinierende Bericht über ein Reporterleben ganz nahe an der Politik des jungen Staates Israel.

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Zeitzeugen dieses Ranges gibt es in Israel nicht viele. Ari Rath, Pionier der ersten Stunde und über Jahrzehnte einer der führenden Journalisten des Landes, hat im 88. Lebensjahr seine Autobiografie vorgelegt. Es ist der faszinierende Bericht über ein Reporterleben ganz nahe an der Politik des jungen Staates Israel. Zugleich ist es die Bilanz eines enttäuschten Patrioten. Sein Leben lang hat Ari Rath an das Ideal eines freien jüdischen Staates geglaubt, der in einem sicheren Frieden mit seinen arabischen Nachbarn lebt. Im hohen Alter muss er einsehen, dass dieses Ideals gescheitert ist.

Als vierzehnjähriger Flüchtling, fast noch ein Kind, kam Ari Rath 1938 aus Wien in das britische Mandatsgebiet Palästina. Die Mutter war schon lange tot, den Vater, einen begüterten jüdischen Kaufmann, hatten die Nazis ins KZ Dachau verschleppt. Drei Jahre verbrachte der junge Ari in einem Internat, dann wurde er Mitbegründer eines Kibbuz nahe dem See Genezareth. Armut und harte Arbeit prägten diese Jahre, aber Ari lebte für eine Vision. Zusammen mit seinen Freunden im Kibbuz – auch sie allesamt dem Holocaust entkommen – wollte er mitarbeiten am Aufbau eines jüdischen Staates.

Bald geriet er in die Politik. Ende 1946 schickt die Kibbuz-Bewegung den jungen Mann für zwei Jahre nach New York. Er soll dort amerikanische Juden zur Auswanderung nach Palästina bewegen und Waffen für den jüdischen Freiheitskampf beschaffen. Als 1948 der Staat Israel gegründet wird, kennt Ari Rath bereits die gesamte politische Elite des Landes: den Staatsgründer David Ben Gurion, den er verehrt, Golda Meir, die er nicht verehrt, die jungen Aufsteiger Moshe Dayan, Yitzhak Rabin und Simon Peres, dazu Teddy Kollek, der wie er selbst aus Wien stammt und lebenslang ein enger Freund bleibt.

31 Jahre bei der Jerusalem Post

Aber nicht die Politik wird zum Beruf, sondern der Journalismus. 1958 kommt Ari Rath zur Jerusalem Post, der einzigen englischsprachigen Zeitung des Landes, und bleibt dort 31 Jahre lang.

Als Reporter trifft er die Großen der Zeit, von Ben Gurion bis Konrad Adenauer von Anwar as-Sadat bis Willy Brandt, von Jimmy Carter bis Salvador Allende. Für ausländische Kollegen ist er die erste Anlaufstelle in Jerusalem. Als Herausgeber und Chefredakteur der Jerusalem Post repräsentiert er das weltoffene zum Frieden mit den Palästinensern bereiten Israel.

Den Sechs-Tage-Krieg und den Yom-Kippur-Krieg erlebt er als Soldat, die Friedensschlüsse mit Ägypten und Jordanien als Reporter. Er beobachtet die Aufstände der palästinensischen Jugend ebenso wie Aufstieg und Niedergang der israelischen Friedensbewegung. Über all das schreibt er mit einem fabelhaft präzisen Erinnerungsvermögen und in einer lebhaften, nüchternen Sprache, ohne Eitelkeit, immer nah an den Ereignissen.

Die Erfolgsgeschichte des Ari Rath endet abrupt im Herbst 1989. Ein kanadischer Investor hat die wirtschaftlich kränkelnde Jerusalem Post gekauft und verordnet ihr einen konservativen Kurs. Ari Rath muss seinen Schreibtisch räumen. Die Kränkung trifft ihn schwer.

Was zunächst wie das individuelle Berufspech eines Journalisten aussieht, erweist sich im Rückblick als Symptom einer langsamen Veränderung der israelischen Gesellschaft. Das Land rutscht nach rechts. Für liberales Denken wird es eng in Israel. Noch scheint die Politik die gegenteilige Richtung zu nehmen. Im Abkommen von Oslo erkennt Israel die PLO als legitimen Vertreter des palästinensischen Volkes an, die PLO bestätigt im Gegenzug das Existenzrecht Israels in Freiheit. Frieden scheint endlich greifbar nah. Yitzak Rabin und Jassir Arafat erhalten 1994 für ihre Versöhnungsbereitschaft den Friedensnobelpreis. Kurz darauf wird Rabin ermordet, nicht von einem arabischen Terroristen, sondern von einem jüdischen Fanatiker.

Seither gibt es für eine aktive Friedenspolitik unter den Israelis keine Mehrheit mehr. Israel entfernt sich immer weiter von einer Verständigung mit den Palästinensern. Und immer sichtbarer wird, wie sehr die jahrzehntelange Besetzung der palästinensischen Gebiete die israelische Gesellschaft verhärtet hat. Ari Rath beobachtet diese Unfähigkeit zum Frieden mit wachsendem Entsetzen. „Mich erschüttert, wie viele meiner Landsleute, häufig Nachkommen der Opfer von Pogromen und Verfolgung, ungeniert zu Tätern werden“.

Was ist schiefgelaufen?

Was ist da schiefgelaufen? Warum hat sich die Mehrheit der Israelis Sicherheit stets nur als militärische Überlegenheit über die Araber vorstellen können, nicht als gemeinsame Sicherheit in einer politisch befriedeten Region? Wie konnte das ultra-orthodoxe Judentum von einer Randerscheinung zu einem dominanten Teil der israelischen Gesellschaft werden? Warum werden seit Jahren Regierungen ins Amt gewählt, die eine friedliche Lösung des Palästinenser-Problems nicht suchen, sondern aktiv verhindern?

Ari Rath weicht solchen Fragen nicht aus – aber er scheut deutliche Antworten. Der alte Patriot ist von der Entwicklung enttäuscht, die sein Land genommen hat, aber er will das Ideal seiner Jugend nicht verraten. Noch im letzten Satz des Buches beschwört er die Hoffnung auf Frieden. Vielleicht ist es aber kein Zufall, dass Ari Rath, der in Israel zunehmend einsam geworden ist, seit ein paar Jahren viel Zeit in seiner Geburtsstadt Wien verbringt.

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