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Arthur Conan Doyle: Der Mann, der Holmes nicht los wurde

Arthur Conan Doyle, der anderes lieber schrieb als Abenteuer für Sherlock Holmes, wäre heute 150 geworden. Von Sylvia Staude

Doyle, als er Mitte 30 war. Und ihn der erste Burenkrieg beschäftigte.
Doyle, als er Mitte 30 war. Und ihn der erste Burenkrieg beschäftigte.
Foto: getty

Im Jahr 1892, er ist 32, lässt sich der Arzt Arthur Conan Doyle vom Londoner Strand Magazine dazu überreden, zwölf neue Geschichten um den bereits berühmten Detektiv Sherlock Holmes zu liefern. Noch im November '91 schrieb er an seine Mutter: "Ich denke daran, Holmes in der sechsten (damals waren sechs Stories vereinbart, d. Red.) zu erschlagen, um ein für allemal Schluss mit ihm zu machen. Er hält meinen Geist von besseren Dingen ab." 1892 bestand das Argument der Zeitschrift aus 1000 Pfund - 80 000 nach heutigem Wert.

Die weitere Entwicklung ist nicht nur Holmes-Fans bekannt: In der zwölften Geschichte stürzt der Detektiv zusammen mit Professor Moriarty, dem gerissensten aller Bösewichte, in die Schlucht des Reichenbach-Wasserfalls. In London laufen seriöse Menschen mit Trauerbändern herum. Wütende Briefe erreichen die Redaktion.

Literatur & CD

Zeus Weinstein: Das umfassende Sherlock Holmes Handbuch. Kein & Aber, Zürich 2009, 264 Seiten, 22,90 Euro. - Enthält u. a. das "Porträt einer Freundschaft" (Holmes & Watson), ein Who's Who aller Figuren, Fotos, Illustrationen, Filmbilder.

Arthur Conan Doyle: Sherlock Holmes. Eine Werkausgabe in 9 Bänden. Kein & Aber, 89 Euro. - Die vier Romane und fünf Geschichtenbände, neu übersetzt und hübsch aufgemacht.

Andrew Lycett: Conan Doyle. The Man Who Created Sherlock Holmes. - Ausführliche, lesbare Biographie von 2007, gibt es nicht in Übersetzung.

David Ian Davies (Sprecher): The Adventures of Sherlock Holmes. Hörbuch, Bertz + Fischer Audiobooks, 9 Stunden, 14,90 Euro. - Der komplette erste Holmes-Band von 1891. Gute alte Lesekunst, bei der der Sprecher mit Gusto alle Rollen spielt, auch die der Damen.

Knapp zehn Jahre lang bleibt Arthur Conan Doyle hart. Er bringt ein "Waterloo"-Theaterstück heraus. Schreibt einen autobiografischen Roman und Geschichten um einen wagemutigen Offizier in Napoleons Armee. Schreibt einen Boxer-Roman und ein Buch über den zweiten Burenkrieg. Und noch ein Buch über den Burenkrieg, in dem er versucht, die britische Taktik der "verbrannten Erde" zu verteidigen. 300 000 Exemplare kaufen die Briten in sechs Wochen. Aber die Sensation des Jahres 1901 ist: Das Strand Magazine veröffentlicht "The Hound of the Baskervilles", ein Holmes-Abenteuer, das Doyle vordatiert vor dessen Tod. Noch zwei Jahre später bekommt er von einer amerikanischen Zeitschrift ein Angebot: 45000 Dollar für 13 Holmes-Stories, heute wäre das eine Millionensumme. Kurz darauf stellt sich - in "The Empty House" - heraus, dass Holmes gar nicht tot ist. Dr. Watson fällt in Ohnmacht. Und führt dann, als Holmes' Eckermann, brav wieder Buch über dessen Gedanken und Taten.

Sherlock Holmes, quasi geboren 1887 mit Erscheinen des Romans "A Study in Scarlet", ist längst Synonym für Detektive wie Tempo für Taschentücher. Die Tragik seines Schöpfers ist, dass ihm andere Dinge (der Spiritismus, die Gerechtigkeit) und andere Bücher, vor allem seine historischen Romane, weit mehr am Herzen lagen. Dass das Publikum aber schon früh nach immer mehr Holmes verlangte.

Tragik ist aber vielleicht ein zu großes Wort, Arthur Conan Doyle hat kein schlechtes Leben. Geboren wird er am 22. Mai 1859 von irischen Eltern in Edinburgh. Seine Mutter ist liebevoll und gebildet - er nennt sie stets Ma'am -, sein Vater Künstler, Beamter und Trinker. Vor allem weil Arthur früh zum Familieneinkommen beitragen muss - der Vater versäuft große Teile seines Gehalts -, Assistenzärzte aber schon damals ausgebeutet werden, beginnt er zu schreiben. Die Detektivgeschichte ist ein neues Genre, das ihm finanziell vielversprechend erscheint. Und dann ist da noch Dr. Joseph Bell, Professor in Edinburgh, Begründer der Forensik und gutes Vorbild für einen Detektiv, der mit Wissenschaft und Logik arbeitet.

Doyle hat den Ermittler mit messerscharfem Verstand nicht erfunden, das war fast 50 Jahre früher Edgar Allen Poe. Aber er hat den Prototypen verfeinert. Holmes ist groß, hager, Geigenspieler und doch auch Mann der Tat, so ritterlich wie ungebunden, ein geheimnisvoller, melancholischer, drogenabhängiger Einzelgänger (man kennt ihn natürlich längst mit Tabak-, nicht Opiumpfeife). Er nützt seine wissenschaftlichen Kenntnisse, vor allem die der Chemie, er observiert, recherchiert, interpretiert. Umberto Eco nannte ihn den ersten Semiotiker, da er Zeichen in ihrem gesellschaftlichen Kontext deute. Den Körper - von gebeugten Schultern bis zu Schwielen am Daumen - und seine Kleidung vor allem wertet er aus, eine unglaubliche Raffinesse in einer Zeit, als man an Verbrechervisagen glaubte.

Ungewiss, warum Sir Arthur Conan Doyle (seit 1902 ist er geadelt) so viel weniger von seinem eleganten Helden hält als das Publikum. Vielleicht ist dem großbürgerlichen Patriarchen, der er bald ist - Arzt und Autor, Familienvater, Sportler (er soll in der Schweiz das Skifahren überhaupt erst bekannt gemacht haben) -, das Genre nicht respektabel genug.

Jedenfalls steckt er viel Zeit und Kraft in Dinge, die für sein gesellschaftliches Engagement und Gerechtigkeitsempfinden sprechen - auch wenn letzteres nicht immer für seine langsam an Tuberkulose sterbende Frau reicht: Gern fährt er schon mal mit der Nachfolgerin in Urlaub.

Doyle führt eine dank seines Renommees erfolgreiche Kampagne für aufblasbare Rettungsboote auf Kriegsschiffen (vorher ließ man die Soldaten einfach absaufen und fand das normal). Er berichtet über das humanitäre Desaster im von Belgien beherrschten Kongo. Er kämpft für eine Rehabilitierung George Edaljis: Der indischstämmige Jurist ist als Pferderipper ins Gefängnis gesteckt, dann vorzeitig, doch ohne Erklärung und Entschädigung wieder rausgelassen worden. Ganz wie Sherlock Holmes es getan hätte, weist Doyle als erstes nach, dass der sehbehinderte Edalji nachts kein Pferd von einem Scheunentor hätte unterscheiden können. (Julian Barnes hat die Begegnung der beiden Männer - es wurde eine vorsichtige Freundschaft - zum Thema seines wunderbaren Romans "Arthur & George" gemacht.)

In seinen letzten Lebensjahren - er stirbt 1930 - riskiert der Mann mit dem spitz gezwirbelten Schnurrbart noch einmal viel, nämlich seine Reputation, als er sich zum Vortragsreisenden in Sachen Spiritismus macht. Viele seiner Fans sind mehr als befremdet, dass der Erfinder des intellektuell kühlsten Detektivs an Geister glaubt, dass er davon überzeugt ist, die Verstorbenen könnten - und würden - Kontakt aufnehmen mit uns. Vielleicht will Arthur Conan Doyle aber auch endlich aus dem riesigen Schatten seiner allzu berühmten Figur treten.

Autor:  SYLVIA STAUDE
Datum:  22 | 5 | 2009
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