Zwei Romane machten Henri Beyle, der sich nach dem Geburtsort des Kunstgelehrten Johann Winckelmann Stendhal nannte, weltberühmt: "Rot und Schwarz" (1830) und "Die Kartause von Parma" (1839). 2004 und 2007 sind sie in einer glanzvollen Neuübersetzung von Elisabeth Edl bei Hanser erschienen. Nun lässt der Verlag eine Biographie folgen. Sie stammt von Johannes Willms, Kulturkorrespondent der Süddeutschen Zeitung in Paris, der unter anderem über Stendhals Zeitgenossen Balzac und Napoleon geschrieben hat.
Stendhal, einer der produktivsten und bedeutendsten französischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, war zeitlebens ein eher scheuer Mensch. Willms führt das auf seine Benachteiligung im Äußerlichen und die soziale Isolation in der Kindheit zurück. Der Junge war sieben Jahre alt, als seine Mutter 1790 starb. Die Tante war ohne mütterliche Wärme, der emotionsarme Vater ohne Verständnis für den Sohn. Immer wieder lehnte sich Henri gegen die als Tyrannei empfundenen Disziplinierungsmaßnahmen seiner beiden Erzieher auf. Nur ein Wunsch beseelte ihn: wegzukommen vom ungeliebten Vater und der verhassten Tante, wegzukommen aus Grenoble, seiner von Willms plastisch geschilderten verwinkelten, schmutzstarrenden Geburtstadt.
Johannes Willms: Stendhal. Biographie. Hanser Verlag, München 2010, 333 Seiten, 24,90 Euro.
Über die Liebe zum Schreiben
Der glanzvolle Schulabschluss in Mathematik machte dem 16-Jährigen den Weg für ein Studium der Naturwissenschaften an der École Polytechnique frei. Doch kaum in Paris, erkrankte er schwer. Wohlhabende Verwandte nahmen ihn auf. Deren Söhne machten in der Grande Armée Napoleons Karriere. 1800 nahmen sie den 17-Jährigen mit auf den Italienfeldzug.
So kam Beyle nach Mailand, verliebte sich in eine junonisch schöne Italienerin und entdeckte die Künste, die Malerei, das Theater, die Oper. Liebe, für ihn eines der tiefsten Motive in Leben und Kunst, veranlasste ihn zum Schreiben - dem Ausdrucksmittel, das ihm ein nie zuvor erlebtes Gefühl der Befreiung aus der Enge seines bisherigen Lebens verschaffte. In der Heiterkeit und Schönheit Italiens, das später zu seiner zweiten Heimat wurde, begann er Tagebuch zu führen.
Dieses Journal, ferner die im Alter von 53 Jahren geschriebene Autobiographie seiner Kindheit und Jugend - "Vie de Henry Brulard" -, schließlich die in der Bibliothèque de la Pléiade drei voluminöse Bände ausmachende "Correspondance" liegen der Biographie von Johannes Willms zugrunde.
Indem er weitgehend aus den autobiographischen Werken schöpft - 793 Anmerkungen mit vielen auf Französisch belassenen Zitaten verweisen darauf -, stellt Willms den Menschen Stendhal mit all seinen Befindlichkeiten und Widersprüchen, seinen Eroberungsträumen und seinen erotischen Phantasien, seiner Verzagtheit und seinen Gefühlsausbrüchen, seiner Furchtlosigkeit und Wahrheitsliebe ins Zentrum.
Doch birgt das die Gefahr, dass der Biograph manches zu sehr aus der Perspektive seines Protagonisten sieht, ohne sie durch die möglicherweise ganz andere Sicht der Freunde, Geliebten, Kollegen zu ergänzen oder zu relativieren. So fehlt oft das lebendige soziale Umfeld, der politisch-historische Hintergrund.
Etwas anderes kommt hinzu. Zu selten wird Stendhals literarisches Werk einbezogen, in dem sich Erfahrungen verdichten, die in den autobiographischen Schriften nur gestreift oder gar nicht erwähnt werden. Die grausigen und grotesken Erlebnisse der Feldzüge beispielsweise spiegeln sich aber nicht nur in Briefen und Tagebüchern, sondern auch im Werk.
Im Kugelhagel
Einige der großartigsten Partien in dem Roman "Die Kartause von Parma" handeln von der Schlacht bei Waterloo. Stendhal schildert sie aus der Froschperspektive des einfachen, noch unerfahrenen Soldaten, der sich im Kugelhagel wiederfindet, im Schlamm zwischen sich aufbäumenden Pferden, zerschmetterten Toten, um Hilfe flehenden Sterbenden - ein Grauen, das sich nur mit Branntwein ertragen ließ.
Stendhal reiste viel, hatte zahlreiche Liebesbeziehungen und übte mehrere Berufe aus. Unter anderem war er Auditor im Staatsrat, Intendant des Heeres und Konsul von Civitavecchia. Doch vor allem war Stendhal ein Schriftsteller, der Reiseberichte, Biographien, Feuilletons, Novellen, musikkritische Schriften, Abhandlungen zur Kunst, experimentelle Texte und zeitkritische Romane verfasste.
Wenn Willms Stendhals so eng mit seinem Leben verwobenes Werk mit einbezogen und das autobiographisch begrenzte Blickfeld geweitet hätte, wäre diese Biographie, der leider auch eine Bibliographie fehlt, eindrucksvoller geraten. Doch geeignet, auf Stendhals Werk neugierig zu machen, ist sie allemal.