kalaydo.de Anzeigen

Aufsatzband "Land ohne Unterschichten": Der Historiker im politischen Handgemenge

Auch dieses Feld bestellt er - Hans-Ulrich Wehlers Aufsatzband "Land ohne Unterschichten" umfasst die Themen politische Kultur, das Problem des Nationalismus, Fragen der Geschichtsschreibung sowie Rezensionen.

Hans-Ulrich Wehler: Land ohne Unterschichten. Neue Essays zur deutschen Geschichte. Verlag C.H.Beck, München 2010, 288 Seiten,  14,95 Euro.
Hans-Ulrich Wehler: Land ohne Unterschichten. Neue Essays zur deutschen Geschichte. Verlag C.H.Beck, München 2010, 288 Seiten, 14,95 Euro.

Im nächsten Jahr wird Hans-Ulrich Wehler 80, aber schon jetzt ist ein zwölfter Band mit kleineren Aufsätzen, Essays und Rezensionen erschienen. Man staunt, wie der Historiker auch dieses Feld bestellt, neben seiner Arbeit an der monumentalen fünfbändigen "Deutschen Gesellschaftsgeschichte". Der neue Band enthält 30 Texte, dazu kommt der Abdruck von Wehlers Beiträgen zur FAZ-online-Debatte über den letzten Band der "Gesellschaftsgeschichte".

Die Texte sind in vier thematische Blöcke gegliedert und umfassen die politische Kultur, das Problem des Nationalismus, methodische Fragen der Geschichtsschreibung sowie Rezensionen. - Im ersten Themenblock zur politischen Kultur finden sich Texte, die man als politische Interventionen des Wissenschaftlers bezeichnen könnte. Wehler hat sich immer ins politische Handgemenge eingemischt, was ihm von konservativen Kollegen den Vorwurf eingetragen hat, er sei ein neuer Treitschke - als ob Wehler ein deutsch-nationaler Tambourmajor wäre wie der wilhelminische Einpeitscher.

2006 kam ein Streit darüber auf, ob es in der deutschen Gesellschaft eine Unterschicht gebe. Alle Parteien außer der Linken bestritten das. Wehler griff mit einem Essay in die Debatte ein und stellte die "nivellierte Mittelstandgesellschaft" als einen CDU-SPD-FDP-Selbstbetrug dar. Die Disparitäten zwischen oben und unten, Armen und Reichen, in die Kultur Einbezogenen und davon Ausgeschlossenen seien nicht kleiner, sondern größer geworden. "Egalitäre Transferpolitik", wie sie alle Parteien beanspruchten und wie sie Konservative von Hans-Olaf Henkel bis Peter Sloterdijk heute als Teufel an die Wand malen, sei ein Phantom.

Im zweiten Themenblock beschäftigt sich Wehler mit der Entwicklung des Nationalismus. Der brachte es in Deutschland von einer Intellektuellendoktrin um 1810 mit 1000 bis 1200 Anhängern zu einer national-demokratisch-sozialen Bewegung von unten im Vormärz. Diese unterlag allerdings in der Revolution von 1848 und wurde danach von Bismarcks Einigungspolitik von oben abgelöst, was nach 1870/71 in die homogenisierende Politik des Reichsnationalismus mündete. Ein langer Aufsatz zeigt die eminente Bedeutung des Puritanismus seit dem 17. und 18. Jahrhundert für die Herausbildung des amerikanischen Nationalismus von Herman Melvilles "Wir Amerikaner sind das auserwählte Volk" (1850) bis zum bigotten, dichotomischen Weltbild der Reagan- und Bush-Ära.

Im Abschnitt über methodische Fragen belegt Wehler, dass sich die sozialwissenschaftlich fundierte Gesellschaftsgeschichte nicht zu verstecken braucht vor dem "modischen Anspruch auf Überlegenheit der literarischen Erzählung" oder vor der prätentiösen "neuen Kulturgeschichte" in der Geschichtswissenschaft.

Autor:  Rudolf Walther
Datum:  24 | 2 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken

Video

TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Anzeige

FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.