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Autobiografie von Alice Schwarzer: Mit Udo im Club

Sie gilt bis heute als die Frontfrau der feministischen Bewegung in Deutschland - jetzt hat sie ihre üppig bebilderte Autobiografie herausgebracht. Alice Schwarzer erzählt in ihrem „Lebenslauf“ auch lustige Geschichten.

Früher war vieles anders: Alice Schwarzer in den 70ern.
Früher war vieles anders: Alice Schwarzer in den 70ern.
Foto: dpa

Ihre erste Begegnung mit Simone de Beauvoir war Alice Schwarzer ein bisschen peinlich. Sie interviewte gerade Jean-Paul Sartre: „Eine 28-jährige Blondine, die in einem sehr hochgerutschten sommerlichen Minikleid mit bloßen Beinen vor Sartre sitzt.“ Beauvoir stieß zufällig dazu und Schwarzer dachte: „Was soll sie nur denken? Klar was sie denkt!“ Zwei Jahre später sind die beiden befreundet und mischen kräftig bei der Libération des Femmes mit.

Die Garderobe der frühen Schwarzer, so lernt man in ihrer üppig bebilderten Autobiografie, könnte Verona Feldbusch bzw. Pooth neidisch machen: Als Teenager besaß sie „hautenge“ Röcke und in der Badewanne gestraffte Jeans. In Paris, wo sie von 1964 bis 1974 viel Zeit verbrachte, trug sie Kreationen von Dorothée Bis oder Kuhfell-Jäckchen zum Mini. Auf einem anderen Foto sehen wir sie im Marimekko-Kleid, und zwar im Arm von Udo Jürgens. Da war sie gerade für eine Under-Cover-Reportage mit dem Kollegen von der pardon Robert Gernhardt im Club Méditerranée unterwegs. Die beiden wollten prüfen, ob es dort wirklich so hoch herging, wie der Stern behauptete.

Denn die 1942 geborene Schwarzer war um 1970 nicht nur eine attraktive „Blondine“, sondern auch erfolgreiche Journalistin. Sie schrieb für Stern, Spiegel, Frankfurter Rundschau, konkret oder pardon, sie produzierte Fernsehbeiträge, interviewte streikende Renault-Arbeiter oder Michel Foucault. Die Frau dieser Jahre wirkt anders als die verbissene Emanze im Sackkleid, zu der Kollegen von Bild bis Süddeutsche sie ab Mitte der 70er-Jahre stilisierten. Da hatte sie in „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“ gerade die Existenz des vaginalen Orgasmus bestritten und die „Zwangsheterosexualität“ ins Zentrum ihrer Analysen gerückt. 1977 erschien die erste Nummer der Emma und Schwarzer war eine der meistgehassten Persönlichkeiten der BRD.

Unerschrocken und angefeindet

„Das Private ist politisch“ hieß es damals und in ihren Büchern zu Schwangerschaftsabbruch, Frauenarbeit und Sex veröffentlichte Schwarzer die intimsten Erlebnisse ihrer anonymisierten Interviewpartnerinnen. In ihrer Autobiografie spielt das Private natürlich auch eine Rolle: Sie erzählt von ihrer ledigen Mutter und den Großeltern, bei denen sie aufwuchs. Besonders ihr Großvater, der sie als Baby fütterte und quasi großzog, muss ein sehr netter Mann gewesen sein. Ihm ist der „Lebenslauf“ übrigens gewidmet. Wer Details über Schwarzers Liebesleben erwartet, wird allerdings enttäuscht. Die jahrelange Beziehung zum Pariser Lebensgefährten Bruno bleibt ziemlich abstrakt. Ihre aktuelle Partnerin wird nur sehr knapp erwähnt, und zwar um klarzustellen, dass sich Schwarzer hier keine Öffentlichkeit wünscht.

Autobiografien erzeugen ja bekanntlich weniger lückenlose Wahrheiten als das Bild, das eine Person von sich zeigen möchte. In Schwarzers Fall ist es das einer kritischen, starken und unerschrockenen Frau. In einem Haushalt mit Distanz zum Nationalsozialismus aufgewachsen, bleiben ihr familiäre Verstrickungen in die Schuldfrage erspart. Schon als Kleinkind wirkt sie lebenstüchtiger als die psychisch labile Großmutter, als Teenager sucht sie selbstbewusst ihren Weg, um Anfang zwanzig beruflich richtig durchzustarten. Den Feminismus ging sie bei aller Begeisterung professionell an. Immerhin war sie eine erfahrene Journalistin, als die Women’s Liberation über den Atlantik schwappte. Entsprechend steckte sie ihre Energie offenbar weniger in Selbsterfahrungsgruppen als in ihre Bücher, in die Anti-§218-Kampagne und eben in die Emma. Dafür wurde sie auch von Feministinnen angefeindet, kommerzielle Projekte waren Teilen der Bewegung höchst suspekt.

Das Buch führt uns in die Debatten einer anderen Ära und vergegenwärtigt den ungenierten Sexismus der 60er- und 70er-Jahre: Ein Mann konnte damals den Job seiner Gattin kündigen – ohne sie zu fragen. Es gab die Pille nur für Verheiratete und Abtreibung war illegal, häusliche Gewalt kein Thema, Haushalt unbestritten Frauensache, Kindererziehung sowieso. Dass die Frauenbewegung dagegen mit starken Statements antrat, ist nur zu begrüßen: Alle Schwanzträger wurden zu (zumindest potenziellen) Tätern erklärt. Frauen galten durchgängig als Opfer.

Opfer, Täter, Männer

Bereits in den 80ern begann sich die Sache auszudifferenzieren. Schwarze Feministinnen etwa machten auf den Rassismus ihrer weißen Geschlechtsgenossinnen aufmerksam. Historikerinnen zeigten, dass Frauen während der NS-Zeit Täterinnen sein konnten. Die These, der Koitus sei ein lustfreier bzw. allenfalls masochistischer Unterwerfungsakt, wurden auch von Frauen bestritten. Die Debatten verliefen lautstark, eine übersichtliche Opfer-Täter-Logik wird spätestens in den 90ern von vielen Seiten bezweifelt. Da Schwarzers „Lebenslauf“ im Jahr 1977 endet, liest man davon allerdings nichts. Dabei bezieht sie sich in Schlaglichtern durchaus auf die Gegenwart, etwa auf den Kachelmann-Prozess oder das Nachfolgeproblem in der Emma-Redaktion. Zentrale geschlechtertheoretische Entwicklungen der letzten Jahre werden aber nur angerissen und teilweise ziemlich unwirsch vom Tisch gewischt.

Ihrem Buch fehlt also die zweite, aktuellere Hälfte, aber die ist geplant. Schön wäre schon jetzt eine Ebene, die Ambivalenzen beleuchtet – womöglich auch am eigenen Leben. Immerhin legen ihre Ausführungen so manche Nachfrage nahe: Wie passte ihr gutes Verhältnis zum Großvater zur Männer-sind-Täter-These? War es nicht auch grässlich, sich als Vierjährige stärker als die eigene Oma zu fühlen? Wie passt ihr Unbehagen am feministischen Dogmatismus der 70er-Jahre zu ihrer eigenen Rhetorik? Hat es nicht auch Spaß gemacht, einen Minirock zu tragen? Vermutlich beantwortet Schwarzer solche Fragen im privaten Kreis. In ihrem „Lebenslauf“ tut sie es nicht.

Niemand wird ihr verdenken, dass sie sich schützt. Dem Buch tut es allerdings nicht besonders gut. Denn es erzeugt über weite Strecken das Gefühl, ihren bemerkenswerten Werdegang wie durch eine Glasscheibe zu betrachten: Von einer Seite und ohne Chance, sich wirklich zu nähern. Und das, obwohl sie so viel zu erzählen hat.

Alice Schwarzer: Lebenslauf. Kiepenheuer & Witsch. Köln 2011, 461 S., 22,99 Euro.

Autor:  Sabine Rohlf
Datum:  21 | 9 | 2011
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