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Literatur

20. Januar 2016

Axel Honneth „Die Idee des Sozialismus“: Wir schaffen das

 Von Otto A. Böhmer
Kalte Zeiten für nostalgische Anwandlungen. Lenin- und Marx-Büste im Schnee, vergessen auf einem Moskauer Fabrikgelände.  Foto: rtr

Axel Honneths Versuch, „Die Idee des Sozialismus“ zu rehabilitieren: Keine erfreuliche Lektüre für Nostalgiker, aber für Leser, die sich nicht unterkriegen lassen.

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Um den Sozialismus, lange Zeit immerhin ein angesehenes Denkprogramm, bei dem man sogar ins Träumen geraten konnte, steht es nicht mehr allzu gut. Das ist höflich gesagt, man kann es auch weniger höflich sagen und dabei eine griffige Wendung variieren, die Karl Marx, einer der Firmengründer des Sozialismus im Nachwort zur 2. Auflage des „Kapital“ (1873) auf den Kollegen Hegel münzte, der, eben noch als Weltphilosoph ausgelobt, nur mehr „als toter Hund behandelt“ werde.

Dem Sozialismus ist Ähnliches widerfahren, wobei man hinzufügen könnte, dass manchem toten Hund, der es möglicherweise in ein Privatgrab im Garten geschafft hat, wehmütigere Erinnerungen zuteilwerden als einer Philosophie, die immer ein bisschen zu hochfahrend, zu herrisch und anmaßend aufgetreten ist.

Das hat natürlich auch mit dem schmählichen, weitgehend selbstverschuldeten Scheitern der kommunistischen Systeme zu tun, die den Sozialismus im Schilde führten und ihn dabei so gründlich diskreditiert haben, dass kaum einer mehr in seinem Dunstkreis angetroffen werden wollte. Andererseits hat der siegreiche Kapitalismus sich seither als erstaunlich ratlos erwiesen, so dass man durchaus auf den Gedanken kommen könnte, es mit dem Sozialismus noch einmal zu versuchen. Dabei müsste es dann allerdings darum gehen, aus alten Fehlern zu lernen und ein Sozialismus-Modell zu entwickeln, das robust genug ist, sich auf neue Unübersichtlichkeiten einzulassen, ohne die Hoffnungen von einst vergessen zu machen.

Der Philosoph Axel Honneth, Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, geht in seinem Buch „Die Idee des Sozialismus“ der Frage nach, warum „die Ideen des Sozialismus ihr einstiges Anregungspotenzial scheinbar so unwiderruflich verloren haben“ und „welche konzeptuellen Veränderungen an den sozialistischen Ideen vorgenommen werden müssten, damit sie ihre verlorengegangene Virulenz noch einmal zurückgewinnen könnten“. Aus dieser Absichtserklärung ist schon herauszulesen, dass es sich um ein wissenschaftliches Buch handelt, weniger um einen Essay, der unerschrocken Fahrt aufnimmt und kecke Formulierungen nicht scheut.

Besser gründlich belehrt als ahnungslos zugetan

Honneth ist ein Mann seriöser Abhandlungen, die, wie man weiß, keineswegs visionär sein müssen, um erfolgreich abgeschlossen zu werden und Beifall zu finden, zumindest „unter Kumpanen“ (Schopenhauer). Das kann kein Vorwurf sein, ist es doch allemal besser, gründlich belehrt zu werden, als sich einer guten Sache überwiegend ahnungslos zu verschreiben. Insofern ist „Die Idee des Sozialismus“ ein informatives und nützliches, allerdings auch weitgehend spannungsfreies Buch, das es seinen Lesern, gerade den nostalgisch gestimmten unter ihnen, nicht leicht macht.

„Sozialismus heute, soll er eine Zukunft haben“, so Honneth, kann „nur in einer postmarxistischen Form wiederbelebt werden“. Das leuchtet ein, hat sich der Marxismus doch, dank Übererfüllung seines dogmatischen Plansolls, schon seit längerem disqualifiziert, was sich vor allem atmosphärisch auswirkte; mit Marxisten, den unbelehrbaren zumal, ließ sich nicht gut reden. „Seither krankt der Sozialismus an dem Unvermögen, aus sich heraus, mit Hilfe seiner eigenen konzeptuellen Mittel, einen produktiven Zugang zur Idee der politischen Idee zu finden“, woran „auch die spätere, etwas übereilt vollzogene Hinzufügung des Adjektivs ‚demokratisch‘ … nichts mehr wirklich ändern“ konnte.

Die Vordenker des Sozialismus, seinerzeit nicht ganz zu Unrecht angetan von der eigenen Theoriefreudigkeit und ihren Garantieversprechen, waren „nicht dazu in der Lage, ja sogar nicht willig, dem sich vor ihren Augen vollziehenden Prozess der funktionalen Differenzierung einzelner Gesellschaftssphären Rechnung zu tragen“.

Seither ist alles noch komplizierter geworden; was in Politik und Gesellschaft abgeht, vollzieht sich in aberwitzigem, vom Transaktions- und Bereicherungsfieber der Börsen befeuerten Tempo. Da hat nicht nur der Sozialist alter Schule Mühe, mitzukommen und den Durchblick zu bewahren. Es hilft aber nichts; ein Radikalanschluss an die Moderne, die ja auch schon ihre Postmoderne hatte, muss vollzogen werden, was sowohl umsichtiges als auch beschleunigtes Lernen inklusive zielorientierter Nachhilfestunden erfordert.

Ein erneuerungswilliger Sozialismus sollte vor allem auf seine Ökonomiegläubigkeit verzichten und stattdessen für den sensiblen Bereich des Privaten, im Besonderen der „Handlungssphäre von Liebe, Ehe und Familie“, empfänglich werden, woraus sich ein erstes Theorieziel ableiten ließe: „Die Gesellschaft der Zukunft soll nicht mehr als eine von unten, von den Produktionsverhältnissen, zentrisch gesteuerte Ordnung vorgestellt werden, sondern als ein organisches Ganzes unabhängiger, aber zweckgerichtet zusammenwirkender Funktionskreise, in denen ihrerseits die Mitglieder jeweils in sozialer Freiheit füreinander tätig sein können.“

Nach der Großspurigkeit

Ein solcher Anspruch mutet bescheiden an, vergleicht man ihn mit dem großspurigen Auftreten, das die sozialistische Theorie einst an den Tag legte; es geht aber nicht anders, da „weder eine bestimme Klasse, sei es nun das Industrieproletariat oder die depravierte Angestelltenschaft, noch irgendeine soziale Bewegung … heute als primäre Bezugsgruppe des Sozialismus angesehen werden“ können. Gemeint sind damit viele, vor allem auch die, die sich noch gar nicht angesprochen fühlen; es gilt „auf den gesamten Kreis all derer einzuwirken, die innerhalb der vorstaatlichen Sphäre demokratischen Zusammenwirkens ein offenes Ohr für Klagen über Missstände, Benachteiligungen und Machtausübungen besitzen“.

Der neue Sozialismus muss ein offener Sozialismus sein, der, im Hinblick auf weltweite Vernetzung und korrespondierende Problemlagen, „dem Vorbild der global erfolgreichen Nichtregierungsorganisationen“ folgt. Was sein Selbstverständnis betrifft, bleibt er eng mit dem erkenntnisleitenden „Gedanken der sozialen Freiheit“ verbunden, der auf „die konstitutiven Sphären moderner Gesellschaften“ zielt, „also nicht nur für den Bereich wirtschaftlichen Handelns, sondern auch für den der politischen Willensbildung und den der persönlichen Beziehungen fruchtbar gemacht“ wird.

In der Summe ist das ein Programm, mit dem sich arbeiten lässt, ohne dass eine realpolitische Verwirklichung bislang in Sicht wäre. Für die Theorie gibt es noch viel zu tun; insofern könnte Honneth, der seinen Lesern, besonders solchen, die sich von der Lektüre nicht unterkriegen lassen, ein inhaltlich anregendes Buch übergibt, zur gegebenen Zeit eine Fortsetzung folgen lassen.

Das Buch

Axel Honneth: Die Idee des Sozialismus. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015. 168 Seiten, 22,95 Euro.

Unabhängig davon geht es jedoch um die Frage, wie die praktische Anwendbarkeit einer (runderneuerten) Idee des Sozialismus auszusehen hätte; sie hängt, wie so vieles andere im Leben auch, am passenden Personal, an das zuletzt auch ein Kollege Honneths, der umtriebige Slavoj Žižek, um den man sich Sorgen macht, wenn er weniger als drei Bücher pro Saison raushaut, indirekt zu appellieren wusste. „Auf sich allein gestellt führt der innere Schub unserer historischen Entwicklung in die Katastrophe“, schrieb er in seinem letzten oder vorletzten Werk, hielt kurz inne und fügte dann, sich und uns Mut machend, hinzu: „was diese Katastrophe aufhalten kann, ist daher purer Voluntarismus, das heißt, unsere freie Entscheidung, gegen die historische Notwendigkeit zu handeln“.

Wenn der neue Sozialismus eines Tages tatsächlich neues Personal bekommen sollte, das bereit ist, gegen die historische Notwendigkeit zu handeln, könnte er sich, innerhalb der eigenen Reihen, sogar vom Zuruf einer bekannten Politikerin motivieren lassen, die bis dahin allerdings wohl nicht mehr im Amt sein dürfte: „Wir schaffen das!“

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