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Literatur

30. August 2011

Axel Honneth: Es geht um die Würde

 Von Christian Schlüter
Menschen sind nur in Gesellschaft frei – im Für-, Mit- und Gegeneinander der verschiedenen Interessen. Foto: Getty

Mit seinem Buch „Das Recht der Freiheit“ eröffnet Axel Honneth eine längst überfällige Diskussion. Wir dürfen, so das Credo des Philosophen, die Freiheit nicht den Neoliberalen überlassen.

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Das Buch
Axel Honneth: Das Recht der Freiheit (Buchcover).

Axel Honneth: Das Recht der Freiheit. Grundriss einer demokratischen Sittlichkeit. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. 628 Seiten, 34,90 Euro.

Leseprobe (PDF).

Freiheit ist eine Zentralkategorie des Politischen. Ein großes Versprechen, auf das kaum eine Partei verzichten möchte. Im Namen der Unfreiheit anzutreten wäre in der Tat selbstmörderisch. Wer Freiheit für sich in Anspruch nimmt, hat sich über seine privaten Selbstverwirklichungsabsichten hinaus zur öffentlichen Person erklärt – und das Feld der Politik betreten. Denn das Mit-sich-selbst-einen-Anfang-machen, wie Hannah Arendt die Freiheit umschrieb, setzt voraus, in Gesellschaft zu sein, hineingeworfen in das Für-, Mit- und Gegeneinander der Menschen und ihrer vielfältigen Interessen. Freiheit ist somit nicht nur ein innerer Zustand, sondern ein gesellschaftliches Phänomen erster Ordnung.

Bedenkt man die elementare Bedeutung der Freiheit, ist es schon erstaunlich, wie sehr und wie lange sie im Denken der Kritischen Theorie eher eine Nebenrolle spielte. Axel Honneths Buch „Das Recht der Freiheit“ setzt eben hier an: „Eine der größeren Beschränkungen, unter denen die politische Philosophie der Gegenwart zu leiden hat, ist die Abkoppelung der Gesellschaftsanalyse und damit die Fixierung auf rein normative Prinzipien.“ Honneth, er gehört selber zur dritten Generation der Kritischen Theorie, will diesem Theorieghetto endlich entkommen. Der Frankfurter Philosoph tut dies im Rückgriff auf Hegel. Gingen Honneths Gerechtigkeitstheorie und sein Konzept vom „Kampf um Anerkennung“ auf das Frühwerk des idealistischen Systemdenkers zurück, rückt mit dem „Recht auf Freiheit“ nun dessen Rechtsphilosophie in den Vordergrund. Ihr entnimmt Honneth vor allem auch wichtige systematische Anregungen.

Dazu gehört eine Vorliebe für Dreiteilungen. Honneths Buch ist in vielerlei Hinsicht triadisch strukturiert. So gibt es drei Hauptteile, in denen er sich einmal mit der Begriffsgeschichte der Freiheit, dann mit den „Möglichkeiten der Freiheit“ in Recht und Moral und schließlich mit der „Wirklichkeit der Freiheit“ beschäftigt. Daraus ergibt sich ein dreifacher Freiheitsbegriff, nämlich die negative Freiheit, so wie sie sich in der Institution des Rechts manifestiert, die reflexive Freiheit in der moralischen Begründung der Gerechtigkeit sowie die soziale Freiheit, die sich ganz praktisch nur mit anderen realisieren lässt. Bereits diese knappe Übersicht deutet ein ambitioniertes Unternehmen an.

Wir betreten also hegelianisches Terrain. Honneth grenzt sich klar von den kantianisch inspirierten Freiheitskonzeptionen ab, wie sie in den letzten Jahrzehnten etwa von John Rawls und Jürgen Habermas vertreten wurden. Dabei gehört der begriffsgeschichtliche erste Teil gewiss zu den stärksten Abschnitten in dem Buch. Bemerkenswert ist allemal, wie Honneth versucht, ausgerechnet dem preußischen Staatsphilosophen Hegel ein modernes Konzept der Freiheit zu entlocken: Es ist der Immanenz verpflichtet und erhält sein normatives Profil durch den Abgleich des Anspruchs, Freiheit zu verwirklichen, mit der tatsächlich verwirklichten Freiheit.

Aus der Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit gewinnt Honneth eine kritische Dimension, ohne dabei auf eine externe, etwa göttliche oder naturrechtlich konstruierte Norm zurückgreifen zu müssen. Was das bedeutet, führt er im zweiten Teil seines Buches aus. Am Beispiel der negativen Freiheit zeigt Honneth, dass ein bloßes „frei sein von...“ auf die möglichst ungestörte, hindernisfreie Verwirklichung eigener Ziele hinausläuft, aber die gesellschaftliche Umgebung dieser forcierten Selbstverwirklichung unbestimmt bleibt. Die negative Freiheit ist blind für alles Soziale, macht sich damit abhängig von einem ominösen Außen und wird entgegen ihres eigenen Anspruchs unfrei.

Beziehungsgeflecht der sozialen Freiheit

Der reflexiven Freiheit, so Honneths anderes Beispiel, ergeht es ähnlich: Die Selbstbestimmung eines Individuums oder Kollektivs bedeutet, dass für eine Handlung ein vollständiges Verfügen über alle Motive oder ein heiles, seiner selbst vollkommen bewusstes, in kontinuierlicher Entwicklung befindliches Subjekt angenommen wird. Ein solch souveränes Subjekt gibt es aber nicht, heute weniger denn je. Und wie schon bei der Selbstverwirklichung, so werden auch bei der Selbstbestimmung „die sozialen Bedingungen, die die Ausübung der Freiheit erst ermöglichen würden, selbst schon als Bestandteile der Freiheit gedeutet“ – als seien sie voraussetzungslos einfach da.

In Honneths Darstellung läuft alles auf die soziale Freiheit zu. Ihr widmet sich der Philosoph im dritten Teil des Buches am ausführlichsten. Jetzt steht ganz hegelianisch die „Idee der Sittlichkeit“ zur Diskussion. Damit sind nicht nur die rechtstaatlichen und demokratischen Institutionen gemeint, insofern sie die schützenden Rahmenbedingungen für die Freiheit darstellen. Honneth behandelt, wiederum triadisch in sich verschachtelt, einmal die persönlichen Beziehungen in Freundschaft, Liebe und Familie, dann das marktwirtschaftliche Handeln – aus Sicht der Moral, der Arbeit und des Konsums – sowie in einem abschließenden Ausblick die Zukunft der politische Kultur.

In diesem begrifflichen Feld lässt Honneth ein dichtes Beziehungsgeflecht der sozialen Freiheit aufscheinen. Hier ist nach den eher historischen und systematischen Überlegungen auch der Platz für Einzelbeobachtungen. Sie erweisen sich für das ganze Vorhaben als entscheidend, denn nun muss es Honneth darum gehen, entgegen der von ihm eingangs beklagten „Abkopplung“ der Theorie von der Gesellschaftsanalyse tatsächlich auch empirisch triftige Befunde beizubringen. In den Niederungen der Empirie herrscht indes eine Vielfalt, die kaum vollständig zu erfassen und der Strenge des Begriffs zu unterwerfen ist. Und nicht mit jeder von Honneths Beobachtungen muss man übereinstimmen.

Seine Ausführungen zur Liebe etwa erweisen sich als sehr romantisch und betonen Einheit und Verschmelzung; das ist der Tendenz nach beinahe schon kitschig. Oder Honneths Ausführungen zum Internet, die sehr knapp ausgefallen sind und überhaupt nicht die eminente Bedeutung der digitalen Medien für die globale Wirtschaft erfassen. Gewiss wird man sich auch an dem Befund stören können, der Markt sei eine Sphäre der Freiheit, allerdings kann der von ihm ausgehende emanzipatorische Effet bei der Herausbildung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft kaum bestritten werden. Andere Beispiele ließen sich nennen, kurzum: Honneths Buch ist eine Einladung zur Diskussion.

Und die ist nach Jahrzehnten der neoliberalen Verhunzung der Freiheit zur asozialen Attitüde überfällig. Auch die Märkte, die nicht nur von der Politik zu moralisch indifferenten, wie von Naturgewalten beherrschten Zonen erklärt wurden, bedürfen einer Revision. „Geiz ist geil“ als Geschäftsmodell schadet nicht nur dem Gemeinwohl, sondern verstößt auch gegen jene kooperativen Normen, auf die marktwirtschaftliches Handeln im wohlverstandenen Eigeninteresse angewiesen bleibt. Honneths Plädoyer für eine neue Kultur der Freiheit mündet in der Forderung, Europa nicht nur als Sonderwirtschaftszone, sondern endlich auch als politischen, zumal demokratischen Raum zu gestalten.

Politik im Namen der Freiheit muss gestalten. Sonst hört sie auf, frei zu sein und wickelt sich selber ab. Honneths großes Verdienst besteht allerdings nicht allein darin, das politisch Vernünftige noch einmal zu vergegenwärtigen. Vielmehr erinnert sein Buch an eine Bedeutung der Freiheit, die uns beinahe schon abhanden gekommen ist. Sie ist an Begriffe wie Würde und Scham gebunden, sie ließe sich am ehesten beschreiben als Zugänglichkeit und Zutraulichkeit, als ein Vertrautsein mit der Welt. Denn in einer fremden und feindlichen Welt ist der Menschen unfrei.

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