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Band III von Javier Marías´ Trilogie: Ein Gefühl von Freiheit

Durch "Gift und Schatten zum Abschied" wird der Autor Javier Marías Herr über die Zeit. Ein Buch wie eine Falle, die uns nicht hinaus lässt. Am Dienstag, 9. März liest er im Frankfurter Literaturhaus. Von Arno Widmann

Der spanische Autor, Javier Marías, liest am Dienstag, 9. März im Literaturhaus Frankfurt.
Der spanische Autor, Javier Marías, liest am Dienstag, 9. März im Literaturhaus Frankfurt.
Foto: dpa

Seine Bücher werden in Millionenauflage verkauft. Das kann einem den Glauben an die lesende Menschheit zurückgeben. Javier Marías, am 20. September 1951 in Madrid geboren, schreibt für ein Publikum, das die Kulturkritik immer wieder für ausgestorben erklärt. Ein Publikum, das Anspielungen, Verweise auf andere Bücher, auf andere Bücher des Autors gar nicht als Bildungshuberei, als Wichtigtuereien eines sich vor dem Leben verschließenden Autors verabscheut, sondern gerne mitmacht und die Fülle, in der man als lesender Mensch lebt, genießt. Ein Publikum, das nicht nach zehn Wörtern erschöpft den erlösenden Punkt sucht, sondern ausladende Perioden, barocke Gefüge von ineinander sich spiegelnden Haupt- und Nebensätzen lustvoll folgt. Ein Publikum also, das Zeit hat?

Nein, ein Publikum, das sich Zeit nimmt. Der gerade erscheinende Band "Gift und Schatten und Abschied" hat 726 dicht beschriebene Seiten, aber er ist nur der abschließende Band einer Trilogie, die mehr als 1600 Seiten umfasst. Dergleichen liest man nicht, um die Langeweile zu überbrücken. Man liest es, um sie zu erfahren.

Das Buch

Javier Marías: Gift und Schatten und Abschied. Aus dem Spanischen von Elke Wehr und Luis Ruby. Klett-Cotta, 726 Seiten, 29,90 Euro.

Die Lesung: Am 9. März liest Javier Marías im Frankfurter Literaturhaus.

Jedenfalls um zu erfahren, wie weit Zeit sich dehnen kann. Eine Minute kann über achtzig Seiten gehen, und der nächste Satz überspringt Jahrhunderte. Das ist einer der Hauptspäße des Erzählers. Er ist nicht nur Herr über Leben und Tod, sondern auch über die Zeit selbst. Sein Ehrgeiz liegt darin, auch über unsere Zeit zu bestimmen. Ein gutes Buch ist eine Falle. Es schnappt zu, wenn wir in ihm sind und lässt uns nicht wieder hinaus.

Die Bücher von Javier Marías sind ganze Fallensysteme. Der erste Satz nimmt den Leser gefangen. Der nächste dudelt ihn ein, dann wieder packt ihn die Härte eines Gedankens, er wird in den Strudel eines erzählerischen Wasserfalls gerissen, um danach in ruhigen Sätzen zu liegen wie man im August in einem von der Hitze ermatteten Meer auf dem Rücken liegt und in die Sonne blinzelt.

Wer das Bumm, Bumm der kurzen Sätze liebt, der wird mit Marías nichts anfangen können. Wer sich nicht gerne dabei ertappt, etwas nicht zu verstehen, für den ist die Lektüre Marías´ eine Tortur. Wer nichts als Haut und Knochen liebt, wem schlecht wird bei Fülle und Fett, der lasse die Finger von ihm. Ihm wird nichts helfen, dass der Roman unter MI5- und MI6-Agenten spielt, die über die Brüste von Jayne Mansfield und Sophia Loren räsonieren, ja dass das berühmte Foto, das den Blick festhält, mit dem die Italienerin der Amerikanerin ins großzügige Dekolletee schielt, auf Seite 28 abgedruckt ist. Er wird die Seiten 590 bis 597 nicht erreichen, auf denen Plakate aus dem Zweiten Weltkrieg reproduziert werden. "Talk kills" oder "He´s watching you" steht auf ihnen. Sie entsprechen den deutschen Plakaten: "Vorsicht! Feind hört mit".

Der Erzähler ist der Feind, der mithört. Er nutzt, was er aufschnappt, für sich. Die Realität wird aufgesogen und der eigenen Geschichte einverleibt. Sie wird aufgelöst in der Säure der höchst privaten Vorlieben des Autors. Vorlieben, die von sexuellen Obsessionen bis hin zu solchen der Form reichen. Was am Ende eines Satzes, eines Satzgefüges, gar eines Romans steht, hängt mehr vom Klang, von Takt und Rhythmus der Wörter ab, als von der in sie fließenden Wirklichkeit. Der Bau selbst sucht sich das Material.

Es macht die Schönheit der Prosa Marías´ aus, dass sie immer wieder den Blick auf ihre Entstehung, auf die Techniken ihrer Produktion zulässt. Es handelt sich nicht um Bauhaus-Prosa, bei der die einzige Botschaft ist: Schaut, so bin ich gemacht. Sondern ab und zu geben Fülle und Fett den Blick auf die Knochen frei. Momente der Erleuchtung. Sie kommen überraschend. Das macht ihren Reiz aus. Gleichzeitig sind sie ein Kontrastmittel, das das Virtuosentum des Erzählers noch stärker erscheinen lassen.

Es geht in diesem Buch, das ja von Geheimdienstleuten handelt, ums Reden und ums Schweigen. Das Verhältnis von beiden ist der Kern der Kunst des Erzählers. Was sagt man, was beschreibt man, was deutet man an, was beschweigt man vielsagend, wovon redet man nicht? Die Kunst der Erzählung ist ja der Zauberei nächstens verwandt. Neunzig Prozent sind Ablenkung. Der Erzähler fokussiert die Handlung. Das Auge des Lesers, das Ohr des Zuhörers - sie werden konzentriert auf etwas Bestimmtes. Der Rest darf nicht mehr wahrgenommen werden. Es muss dem Erzähler gelingen, ihn verschwinden zu lassen.

Es gibt aber Erzähler, die können das und können noch etwas mehr. Sie nehmen uns gefangen, wir folgen dem Sog ihrer Erzählung. Aber sie schaffen auch eine Atmosphäre um die Figuren herum. Diese Erzähler vermitteln uns das Gefühl von Freiheit. Ihre Figuren, über die sie doch alle Macht haben, könnten auch anders. Das mag eine Illusion sein, aber um dieser Illusion willen lesen wir. Es sagt sich leicht, dass es wirkliche Freiheit nur im Reich der Phantasie gebe. Aber diese Vorstellung von Freiheit wird uns geschenkt von Figuren, die ganz und gar abhängig sind von ihrem allmächtigen Gott, vom Autor.

Autor:  Arno Widmann
Datum:  3 | 3 | 2010
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