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Literatur

17. Oktober 2014

Barbara Yelin "Irmina": Die ganze Welt stand ihr offen

 Von Christian Schlüter
Auf einer der vielen langweiligen Cocktailpartys trifft Irmina den Studenten Howard.  Foto: Barbara Yelin

Ein Frauenleben im Nationalsozialismus: Barbara Yelin legt das Comic-Glanzstück "Irmina" vor.

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Einen so anrührenden, mitreißenden und dazu noch lehrreichen Comic hat es von einer deutschen Zeichnerin bisher nicht gegeben. Barbara Yelin legt mit „Irmina“ eine Geschichte vor, die in jeder Hinsicht höchsten Ansprüchen genügt – erzählerisch wie zeichnerisch, künstlerisch wie politisch. Wir mussten uns in den letzten Jahren angewöhnen, ein so komplexes, kaum in eine der gängigen Schubladen passendes Werk mit dem etwas verlegenen Etikett der „Graphic Novel“ zu versehen. Doch ist Yelin etwas geglückt, das sehr viel einfacher und passender als Comicroman bezeichnet werden kann. Erzählt wird die Lebensgeschichte von Irmina, einer jungen, ehrgeizigen und neugierigen Frau aus Deutschland, die 1934 nach London kommt, um dort eine Ausbildung als Fremdsprachensekretärin zu beginnen.

Das Datum ihrer Ankunft, das mag der Leser wohl ahnen, verheißt nichts Gutes für den Fortgang der Geschichte. In Deutschland hat gerade die nationalsozialistische Herrschaft begonnen und wirft ihre unheilvollen Schatten voraus. Am Anfang überwiegen noch die Hänseleien über die braunen Horden und ihren merkwürdigen Führer, doch allmählich, etwa als der Röhm-Putsch auch in britischen Zeitungen für Schlagzeilen sorgt, sieht sich Irmina immer mehr Vorhaltungen ausgesetzt: „Was machen deine Deutschen denn da nur?“

Die junge Frau ist überfordert, sie möchte mit Politik eigentlich nichts zu tun haben, sie fühlt sich weder zuständig noch verantwortlich, weiß aber vor allem nicht, was sie überhaupt erklären soll. Bis auf die wenigen Briefe ihrer Mutter ist ihr die Heimat längst fremd geworden.

Ein Frauenleben im Nationalsozialismus: Barbara Yelin legt ein Comic-Glanzstück vor.

Stattdessen beschäftigt Irmina eine heftige Liebesaffäre. Sie trifft Howard auf einer der vielen langweiligen Cocktailpartys, und sofort hat es ihr der dunkelhäutige Student aus Barbados angetan. Ein schlaues und fleißiges Bürschchen, seine Begabung hat ihm zu einem Stipendium in Oxford verholfen, ein heiliger Ort des Wissens, den Irmina nur aus Büchern kennt. Sie ist voller Bewunderung, denn im Unterschied zu ihren Brüdern durfte sie, die eigentlich Talentierte, nie studieren. Howard lädt sie nach Oxford ein, und so kommen sie allmählich zusammen, zwei Heimatlose, die in der Fremde einander Halt geben. Irmina erlebt die schönste Zeit ihres Lebens, es ist, als hätte sie das spröde „deutsche Fräulein“ hinter sich gelassen, sie fühlt ungeahnte Kräfte in sich wachsen. Die ganze Welt steht ihr offen. Alles scheint möglich zu sein.

Barbara Yelin stieß vor einigen Jahren im Nachlass ihrer Großmutter auf einen Karton mit Tagebüchern und Briefen. Dieser Fund regte sie zu ihrem Comicroman an, selbstverständlich mit allen künstlerischen Freiheiten, was ihre Protagonistin betrifft. Allerdings hat Yelin die historischen Hintergründe penibel recherchiert, eine Vorgehensweise, bei der erst einmal viel disparates Material entsteht. Umso erstaunlicher ist es, wie souverän die Zeichnerin das windungsreiche Leben Irminas und die nicht weniger turbulenten Zeitläufte in eine bündige Form bringt. Dass Yelin in langen Erzählbögen denken kann, hat sie bereits mit ihrem Comic über die Bremer Giftmörderin Gesche Gottfried gezeigt („Gift“, 2010). Doch während ihr hier noch der Schriftsteller Peer Meter zur Seite stand, ist „Irmina“ ganz ohne fremde Hilfe entstanden.

Und so können wir Barbara Yelin endlich als große, eigenständige Erzählerin entdecken. In der Tat hat sich die 1970 in München geborene Künstlerin in ihrem neuen Buch viel vorgenommen. Sie erzählt die Geschichte Irminas bis zum bitteren Ende: Als die elterlichen Zahlungen aus Deutschland ausbleiben und die junge Frau auch in England keine Anstellung findet, kehrt sie zurück. Howard und Irmina versprechen sich, einander sobald wie möglich wiederzusehen und bis dahin regelmäßig Briefe zu schreiben. Doch bricht der Kontakt ab, Irmina landet in Berlin, findet eine Anstellung im Reichskriegsministerium. Sie verliebt sich in Gregor, einen glühenden Hitler-Anhänger, beide heiraten und bekommen ein Kind. Eine nationalsozialistische Vorzeigefamilie, das Regime verspricht ihnen den sozialen Aufstieg – und sie machen bereitwillig mit.

Aufkommende Zweifel verbietet sich Irmina. Auch, dass die Mutterrolle sie nicht ausfüllt, wird im Glauben an bessere Zeiten und den Endsieg verdrängt. Doch nichts wird besser, in vielen Episoden und zahlreichen Details kann Yelin jetzt ihr Recherchematerial ausspielen. Ihr gelingt hier ein dichtes, überaus lebendiges Porträt einer Frau, die sehenden Auges in den Untergang läuft, die sich unerbittlich und unempfindlich macht und damit alles verliert, was einmal ihre hoffnungsvolle, sehnsüchtige und zartfühlende Jugend war.

„Irmina“ zeigt den Verfall, die Verrohung im Namen einer ominösen Zukunft. Yelins Comic ist in dieser Hinsicht einzigartig, noch nie wurde so klarsichtig, eindringlich und zugleich einfühlsam das Schicksal einer Frau, einer Mitläuferin und -täterin im Nationalsozialismus gezeichnet.

Doch Yelin setzt noch einen drauf. In einem dritten Teil werden wir in die achtziger Jahre versetzt. Irmina lebt als verhärmte Witwe in Stuttgart, ihr Mann fiel im Krieg. Mit der Familie ihres Sohnes hat sie nicht viel zu tun, sie arbeitet im Sekretariat einer Schule. Doch eines Tages erreicht sie ein Brief von Howard, er ist in Barbados zu hohen politischen Ämtern gekommen und lädt sie nun zum Besuch. Mit einem Male bricht die Vergangenheit wieder hervor, all die Leidenschaft. Und die selbst auferlegte, sie vor Zweifeln schützende Unerbittlichkeit fällt von Irmina ab: Sie ahnt, was ihr verloren ging, ihr, der einmal die ganze Welt offenstand, und die sich, als sie die Freiheit wählen konnte, dagegen entschied.

Irmina ahnt dies nur, wohlgemerkt, denn sie findet auch jetzt keine Sprache für ihre Sehnsucht. Ängstlich bricht sie nach Barbados auf …

Barbara Yelin: Irmina. Reprodukt-Verlag, Berlin 2014. 288 S., 39 Euro.

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